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Sexualtherapeutin Simone Dudle

«Sexualität auf die Genitalien zu reduzieren, ist wie Gitarre spielen auf nur einer Saite»

Diese Aussage macht Simone Dudle. Die 47-jährige Sexualtherapeutin aus St.Gallen hilft Paaren bei sexuellen Problemen, einen Weg für sich als Paar oder Einzelperson zu finden. Ein intimer und authentischer Einblick in den Berufsalltag einer Sexualtherapeutin.

Nadine Linder am 02. Juli 2020

Simone Dudle, Sie sind ursprünglich Primarschullehrerin und heute Sexualtherapeutin. Wie kamen Sie zu dieser Tätigkeit?

Das gesellschaftlich geprägte Bild von Sexualität, welches Jugendlichkeit, Höchstleistungen und Ekstase ins Zentrum rückt, habe ich stets hinterfragt. Wird Sexualität tatsächlich so erlebt, wie uns die Medien dies glauben lassen? Welche Auswirkungen hat ein solches Bild auf die Sexualität von Männern, Frauen und Paaren? Aus meiner Sicht wird Sexualität dann zu einer unerschöpflichen Quelle der Lebendigkeit, wenn das individuelle Erleben in den Fokus gerückt wird. Die Neugier, mehr über individuelles, sexuelles Erleben hat mich angetrieben, mich dem Thema ganz zu widmen. Und ich lerne jeden Tag neu dazu.

Wie ist es ihrer Meinung nach im Allgemeinen um das Sexleben der Schweizerinnen und Schweizer bestellt?

Da ich keine hellseherischen Fähigkeiten besitze, kann ich diese Frage nicht allgemeingültig beantworten. Menschen, die Unterstützung in meiner Praxis suchen, bewegt typischerweise eine Diskrepanz von IST und SOLL in der Wahrnehmung ihrer Sexualität. Die gesellschaftliche und auch die persönliche Vorstellung, wie Sex sein sollte, führt nicht selten zu Verunsicherung und Stress. Zudem wird die Sexualität öfters auch an Quantität gekoppelt, und die individuelle Qualität spielt oft eher eine untergeordnete Rolle. Dies erschwert den individuellen Genuss im Moment und das Neugierig bleiben auf sich selbst. Ein Klient brachte dies vor Kurzem so auf den Punkt: «Früher habe ich Sex gemacht, wie ihn die Gesellschaft sieht, heute habe ich mir meine Sexualität zu eigen gemacht!» Da professionelle sexualtherapeutische Angebote zugenommen haben, könnte man hier die These aufstellen, dass Sexualität für viele Menschen ein wichtiger Aspekt von Lebensqualität geworden ist. Menschen realisieren, dass erfüllende Sexualität lernbar ist, dass dafür aktiv etwas getan werden kann und holen sich entsprechende Unterstützung.

Wird Sex Ihrer Meinung nach heute eher über- oder unterbewertet?

Ich behaupte: Sowohl als auch! Überwertet in dem Sinn, dass ich öfters sehe, dass unrealistische Erwartungen an sich selbst und ein Gegenüber gestellt werden.

Wenn die Befriedigung körperlicher oder emotionaler Bedürfnisse oder Sehnsüchte an das Gegenüber delegiert werden, dann entstehen oft Erwartungen, die kaum erfüllt werden können. Denn die Verantwortung, für das Glück oder auch die Lust des anderen verantwortlich zu sein, ist oft eine grosse Belastung und erzeugt Schuld und Scham. Ein gutes Rezept also für (sexuelles) Unglück. Gleichzeitig wird Sexualität unterbewertet, weil nach wie vor die Meinung weit verbreitet ist, dass man für genussvolle, erfüllende Sexualität nichts tun müsse. Diese sei einfach da oder, wenn das Schicksal es nicht gut gemeint hat, eben nicht. Jeder Mensch hat ein sexuelles Profil mit Wünschen, emotionalen und körperlichen Bedürfnissen, Fantasien und Sehnsüchten. Sexualität ist dabei auch weitaus mehr als der körperliche Akt. Sie ist individuelle Lebensqualität, die immer wieder gefunden und an die aktuelle Lebensphase angepasst werden will. Persönliche sexuelle Lern- und Entwicklungsschritte müssen ein Leben lang gemacht werden. Dies ist ein individueller Suchprozess, der nicht durch gesellschaftliche Vorstellungen oder ein passendes Gegenüber ersetzt werden kann.

Was erachten Sie am wichtigsten beim Thema Sexualität zwischen einem Paar?

In den meisten Partnerschaften werden Gemeinsamkeiten eher betont und Unterschiede vermieden. Paare lassen in der Sexualität oft nur das gelten, was sie verbindet. Also: «Gut ist nur, was uns beiden gefällt!». Damit negieren sie die Tatsache, dass in einer Beziehung zwei Menschen mit unterschiedlichen sexuellen Profilen leben. Entsprechend einigen sich viele Paare auf einen Alltagssex mit gemeinsamem Nenner. Dieser ist weder richtig schlecht noch richtig gut. Doch durch das Ausschliessen von Differenzen wird der Sex langweilig und bleibt vielleicht irgendwann ganz aus. Paare sind also gefordert, sich mit den Unterschieden und auch mit den natürlichen Veränderungen in der Sexualität alleine und in Beziehung auseinander zu setzen. Herausfordernd kann es auch sein, Sexualität auf den Geschlechtsverkehr zu reduzieren. Den Horizont zu öffnen und gemeinsam neue Sinneserfahrungen zu machen, ganz ohne Geschlechtsverkehr, kann dem Paar neue Wege zeigen. Dabei hilft die Neugier auf den Partner und das echte Interesse an ihm, auch wenn man glaubt, alles schon zu wissen. Denn langweilig ist nie der Partner, sondern nur der Blick auf ihn.

Wie offen gehen Liebespaare heute mit ihrer Sexualität um?

Sicher offener als noch vor 15 Jahren, was Praktiken angelangt. Das hat aber aus meiner Sicht mit Intimität und erfüllender Sexualität meist wenig zu tun. Der Weg zu tiefer Intimität entsteht nämlich über den offenen Austausch über das persönliche Erleben und ein «sich Zumuten» in der eigenen Sexualität.

Was sind die häufigsten sexuellen Probleme bei Paaren?

Meist sind unterschiedliche sexuelle Bedürfnisse oder Unzufriedenheit mit der aktuellen gelebten Sexualität Gründe, dass Paare eine Sexualtherapie aufsuchen.

Weitere Gründe können Erektionsstörungen, frühzeitiges Kommen, Lustlosigkeit, Verdacht auf eine Affäre oder Aufarbeitung von sexuellen Ereignissen sein.

Führen sexuelle Probleme zu einer Beziehungskrise oder ist es eher die Beziehungskrise, die sich dann auch negativ auf die Sexualität eines Paares auswirkt?

Das ist die Frage nach dem Huhn oder Ei. Beziehungen geraten früher oder später in eine Entwicklungskrise. Diese Einladung zur Weiterentwicklung im Paar kann sich auf der erotischen Ebene, in einem sexuellen Symptom oder in einer allgemeinen Unzufriedenheit der Beziehung zeigen. Als Therapeutin ist es mir wichtig, die Paardynamik zu beleuchten: Welches Verhalten hat welche Auswirkungen? Wie schafft das Paar sein Problem? Und wo sind die Paar-Ressourcen? So gibt es Paare, die im Alltag sehr konfliktreich miteinander umgehen, im Bett aber eine gemeinsame Verbindung finden oder aber eben Paare, die sehr gut als Team funktionieren, die Sexualität aber als belastend erleben.

Wie verändert sich der Sex innerhalb einer Beziehung? Und welche Faktoren von aussen führen öfters zu Problemen?

Paarbeziehungen stehen einfach erklärt auf den zwei Säulen: «die Liebe» und «das Begehren». Während «die Liebe» Nähe, Verbundenheit und Geborgenheit sucht, lebt «das Begehren» (und die Sexualität) von Distanz, Abenteuer und Ungewissheit. Dies ist ein paardynamisches Dilemma. In allen Beziehungen ändert sich der Sex im Laufe der Zeit! Die sexuelle Intensität lässt nach, es herrscht weniger sexuelle Aufregung. Es liegt in der Natur der Sexualität, dass sie mit den Jahren der Schwerkraft erliegt, wenn nicht aktiv im Paar investiert wird. Auf der anderen Seite wächst in langjährigen Beziehungen oft die Liebessäule. Oft sagen Paare dann Sätze wie: «Wir lieben uns, aber das Begehren spüren wir kaum noch.»

Was raten Sie, wenn ein Paar sich zwar emotional noch verbunden fühlt aber sich sexuell nicht mehr anziehend findet?

Mit dieser Tatsache wird im Laufe der Zeit wohl jedes Paar konfrontiert werden. Die zentrale Frage ist dann, ob es für das Paar ein Problem darstellt. Man kann auch ein gutes Leben führen ohne funktionale Sexualität und dennoch freudvoll miteinander unterwegs sein. Falls es aber ein Problem ist, müssen weitere Fragen geklärt werden: Will das Paar das Begehren innerhalb der Beziehung neu gestalten? Oder im Aussen leben? Und welche Konsequenz hätte das für die Beziehung? Der Umgang mit diesem Dilemma ist ein Prozess, der Zeit braucht. Einige finden passende Antworten alleine, andere wollen diesen Fragen in einem geschützten Raum mit professioneller Unterstützung angehen.

Führt schlechter Sex zwangsläufig zum Seitensprung?

Das kann sein, muss aber nicht. Interessanter ist für mich aber die Frage:

«Was wird im Aussen gesucht, was in der Beziehung nicht gelebt werden kann?» Welche Sehnsüchte und Bedürfnisse werden durch den Aussenkontakt erfüllt?

Vielleich geht es um besseren Sex, vielleicht aber auch darum, gesehen zu werden oder aus dem gemeinsamen Nenner des Alltags auszubrechen. In der Praxis erlebe ich oft, dass es um ungelebtes Leben geht. Im Seitensprung kann ich jemand anders sein. Ein Anteil von mir, welcher in der aktuellen Beziehung wenig bis nicht gelebt werden kann, findet da seinen Ausdruck. Zum Beispiel: «In der Affäre spüre ich, dass ich gewollt werde, zu Hause erlebe ich das selten.»

Wir leben in einer Zeit von Internetpornos, Live-Chats und Plattformen wie Tinder. Wie wirkt sich dies auf unsere Sexualität aus?

Internetplattformen versprechen raschen, unkomplizierten, leicht zugänglichen Sex.

Das hat den Vorteil, rasch die funktionale Befriedigung zu erhalten, virtuose Leistungen und Jugendlichkeit stehen im Zentrum. Ähnlich eines Zuckerkonsums, der rasche Befriedigung verspricht und geil sein kann. Oft ist das Sättigungsgefühl hier aber von kurzer Dauer. Es ist die Sehnsucht von den meisten Menschen, gesehen und berührt zu werden. Intimität hat mit akrobatischer Leistung, körperlicher Makellosigkeit und Geilheit aber meist wenig gemeinsam. Wie eine Klientin meint: «Heute ist es leichter, unverbindlichen Sex mit einem Mann zu haben, als mit ihm bei einem persönlichen Gespräch eine Tasse Kaffee zu trinken!» Heute haben wir die Möglichkeit, Sex von der Liebe zu trennen. Dies kann erleichternd sein, kann aber auch verunsichern. Umso wichtiger ist es, die eigenen Bedürfnisse zu kennen und sich selbst gut wahrzunehmen: Geht es mir um raschen, unverbindlichen Sex? Oder suche ich eine auf Verbindlichkeit angelegte Partnerschaft?

«Männer wollen Sex – Frauen wollen kuscheln!». Stimmt dies im Allgemeinen? Und wenn ja, wie gehen Paare am besten damit um?

Jeder Mensch hat eine Vorstellung, wie Sex abzulaufen hat, also ein sexuelles Drehbuch oder Skript. Tendenziell haben Frauen oft ein sexuelles Skript, welches den Ausgang der Handlung offen lässt. «Ich kuschle gerne, muss aber keinen Geschlechtsverkehr haben. Mal schauen.» Männer hingegen tendieren zum geschlossenen Ausgang. «Wer A sagt, muss auch B sagen». Diese Verhaltensabläufe können zu Missverständnissen beim Paar führen.

Sexualtherapeutisch interessant ist die Frage: Sind Menschen gewillt, ihre Drehbücher umzuschreiben und zu verändern?

Was tut ein Paar, wenn ein Partner eine Neigung hat oder einfach gerne etwas ausprobieren würde wie beispielsweise Analsex oder den Besuch im Swingerclub, was für den anderen Partner völlig unvorstellbar ist?

Jeder Mensch hat sein eigenes sexuelles Profil mit Vorlieben und Abneigungen. Das Vertreten der eigenen Vorlieben bzw. Abneigungen führt zu einer Pattsituation, in der Paare in Streit- und Rechtfertigungshaltungen gefangen bleiben. Das ist ermüdend und führt zu nichts. Konfrontiert mit den Neigungen des anderen, können folgende Fragstellungen hilfreich sein:Was löst diese (Ab-)Neigung vom anderen in mir aus? Warum ist das für mich wichtig, respektive unvorstellbar? Gibt es Bedingungen, unter denen diese Vorstellung denkbar oder noch undenkbarer wird? Was glaube ich, findet mein Partner an dieser Vorstellung so (un-) attraktiv? Welche Auswirkung hätte die (Nicht-) Umsetzung für uns als Paar? Voraussetzung für eine Weiterentwicklung ist hier das aktive Zuhören, mit Interesse, den Standpunkt des anderen verstehen zu wollen. Dadurch entsteht ein Dialog, in dem Paare mehr über sich und den Partner erfahren. Ein wichtiger Schritt, um aus der Pattsituation auszusteigen.

Wie sehen eine Sitzung und eine Therapie bei Ihnen aus?

In einem Abklärungsgespräch steht das Anliegen des Paares im Zentrum. Nach einer Überlegungszeit entscheiden sich die Paare für einen Therapiebeginn. Die einstündigen Sitzungen erfolgen dann in einem 14-tägigen oder monatlichem Rhythmus, mit körperlichen und emotionalen Experimentieraufgaben dazwischen.

Was raten Sie Paaren, um ihr Sexleben bei Laune zu halten?

Sexualität verändert sich und braucht aktive Pflege für eine Weiterentwicklung: Den Beginn der Liebesbeziehung als Massstab zu nehmen, verhindert Entwicklung und Anpassungen ans aktuelle Leben. Es gilt, der Sexualität einen Raum zu bieten, in dem sie sich wohlfühlt. Dieser Raum muss aktiv geschaffen und sollte nicht dem Zufall überlassen werden. Lust ist keine zwingende Voraussetzung für den Einstieg in einen sexuellen Akt. In langjährigen Beziehungen folgt die Lust oft der Handlung.

Sexuelle Aktivität ist nicht an die Genitalien gebunden! Diese können auch überfordert sein. Sexualität nur an Genitalien festzumachen, ist wie Gitarre zu spielen auf nur einer Saite. Gespräche rund um Sexualität sind einfacher zu führen an einem neutralen Ort als im Bett. Investitionen in Sextoys und Wäsche bringen oft nicht die gute Laune ins Sexualleben zurück. Investition geht mehr über Neugier und Interesse am andern. Dann ist emotionale und sinnliche Begegnung mit oder ohne Spielzeug möglich.

Simone Dudle
Stölzle /  Brányik
Autor/in
Nadine Linder

Nadine Linder ist Redaktorin von «Die Ostschweiz».

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