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«Für alle offen, für Vielfalt von Lebensstilen»

So sieht das Manifest des Festivals aus, das einen Musiker auslädt

Geschlecht, Sexualität, Hautfarbe: Das alles darf keine Rolle spielen. Die körperliche Integrität ist heilig und Machtverhältnisse sollen aufgebrochen werden. Das steht unter anderem im Manifest des Open-air-Festivals, das einen massmahmenkritischen Musiker trotz Vertrag wieder ausgeladen hat.

Stefan Millius am 18. Juni 2022

Der Auftritt war unter Dach und Fach, dann begannen die Organisatoren des Festivals nach eigenen Angaben mit ihrer «Recherche». Dabei fanden sie heraus, dass der Musiker Sam Moser (Bild oben), den sie engagiert hatten, ein Kritiker der Coronamassnahmen ist.

Das sei mit ihrem Manifest nicht zu vereinbaren, teilten sie ihm daraufhin mit und luden ihn bei entsprechender Teilbegleichung der Gage wieder aus (wir haben berichtet).

Der Musiker will keinen Rachefeldzug starten und nennt das Open Air bewusst nicht beim Namen. Auch wenn es nicht weiter schwierig ist, diesen herauszufinden, berücksichtigen wir diesen Wunsch.

Aber das erwähnte Manifest, das einen Auftritt von Sam Moser offenbar verunmöglicht, lässt staunen. Es ist eine regelrechte Predigt für grenzenlose Offenheit und Toleranz.

Einige Auszüge zeigen, wie wichtig den Veranstaltern (theoretisch) eine Haltung der Offenheit und Toleranz ist:

  • Das Festival sei «grundsätzlich für alle Menschen offen», Geschlecht, Aussehen und andere diskriminierende Kategorien seien kein Faktor.

  • Die «körperliche Ingegrität soll «stets gewährleistet» sein, man spreche sich «für die Vielfalt von Lebensformen und Lebensstilen aus».

  • «Wir verstehen uns als einen Ort, der für alle Interessierten zugänglich sein soll», heisst es weiter. Dies unabhängig vom Geschlecht – dem biologischen und sozialen –, der sexuellen Orientierung, der Religionszugehörigkeit, der sozialen Herkunft und dem «äusseren Erscheinungsbild», bei dem Hautfarbe und Kleidungsstil als Beispiele genannt werden.

Die Veranstalter werden nach dieser Aufzählung überaus politisch. Bei all diesen Punkten handle es sich um «gesellschaftlich erschaffene Kategorien», in die «Machtverhältnisse eingebettet» seien. Weiter heisst es, diese würden «oft über Anerkennung und Identitäten» entscheiden wie auch über den «Zugang zu Ressourcen und Räumen». Und schliesslich folgt das Bekenntnis: «Diesen Konstrukturen wollen wir aktiv entgegentreten». Man wolle eine «Spielwiese für alle sein».

Für alle, nur nicht für einen Musiker, der sich in Coronazeiten kritisch engagiert und eine Art «Hymne» gegen die Massnahmen geschrieben hat. Und der eigentlich nichts anderes getan hat, als die beschriebenen «Machtverhältnisse» in Frage zu stellen und sich gegen eingeführte «Kategorien» von Menschen wehrte.

Das Manifest ist eine Art Leitbild und kein juristisches Dokument. Wäre es eines, könnte man die Ausladung von einem gültigen Vertrag munter zerpflücken. Denn kein Wort darin lässt auch nur im Geringsten erahnen, was gegen den Auftritt von Sam Moser sprechen könnte. Er verherrlicht in seinen Texten weder Gewalt, Diskriminierung noch Phobien irgendwelcher Art.

Welcher Punkt des Manifests genau gegen seinen Auftritt gesprochen hat: Es wäre wahrhaft spannend, das von den Veranstaltern erklärt zu erhalten.

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Laveba 03/2022

Stölzle /  Brányik
Autor/in
Stefan Millius

Stefan Millius (*1972) ist Chefredaktor von «Die Ostschweiz».

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