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Wasserschloss Hagenwil

Spukt es – oder nicht?

Auf einem Schloss oder einer Burg zu wohnen, das würden sich wohl viele wünschen. Für Andi Angehrn ist das nichts Ungewöhnliches – schliesslich ist das Schloss Hagenwil bereits seit über 200 Jahren in Familienbesitz.

Manuela Bruhin am 16. August 2021

Die Zeit der Ritter, der Prinzessinnen, der wilden Kämpfe – für viele übt das nach wie vor eine grosse Faszination aus. Was spielte sich hinter den dicken Mauern ab? Wie fühlte man sich, umgeben von Türmen und – wie im Falle des Wasserschloss Hagenwil – Gräben und Wasser? Die Kulisse ist für Andi Angehrn inzwischen ganz normal, die Anziehungskraft relativ gering, wenn er sich an seine Kindheit zurückerinnert. Die Erklärung dafür ist simpel: «Meine Geschwister und ich sind direkt neben dem Wasserschloss aufgewachsen. Es war für uns alltäglich.» Zum Wasserschloss gehört ein Landwirtschaftsbetrieb, welcher von seinem Vater geführt wurde. Der Onkel hatte die Schloss-Gastronomie unter sich. Andi Angehrn ist also nicht direkt im Schloss, sondern im Gebäude nebenan aufgewachsen. «Die Generation meines Vaters war die letzte, die ihre Kindheit unter ganz einfachen Bedingungen im Schloss verbrachte. Noch immer wohnt mein Grossonkel mit 97 Jahren hier, bis vor zwei Jahren war auch meine Oma noch hier wohnhaft.»

Nur wenig Komfort

Angehrn selber wuchs im Gebäude nebenan auf. Das Bewusstsein, dass das Wasserschloss etwas ganz Besonderes ist, wuchs erst in seinen Teenager-Jahren. «Trotzdem habe ich als Kind natürlich verbotenerweise mit meinen etwas mutigeren Cousins die alten Gemäuer erkundet», erinnert sich Andi Angehrn. «Der riesige Dachstock war ein abenteuerlicher Tummelplatz, von dem aus man wunderbar die Gäste beobachten konnte.» Das Schloss verfügt jedoch über keine richtige Wohnung. Während es früher normal war, in einem unbeheizten Zimmer zu schlafen und die sanitären Einrichtungen mit den Gästen und Mitarbeitern zu teilen, wuchsen natürlich die Ansprüche mit der Zeit. Angehrn: «Auch eine eigene Stube oder Küche war damals überflüssig, da man ja die Wirtsstube und Restaurant-Küche hatte. Wir sind heute wohl einfach etwas zu verwöhnt.»

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Andi Angehrn

Andi Angehrn

Es spukt – oder nicht

Wenn er sich jedoch an seine Kindheit zurückerinnert, macht er das mit vielen positiven Gefühlen. Nach wie vor ist das Schloss sein Zuhause – mit keinerlei unheimlichen Komponenten. Schliesslich wird jedem Schloss auch ein Schlossgeist nachgesagt. «Gegenüber neuen Mitarbeitern und auch Gästen können die nächtlichen Räume durchaus etwas gespenstisches haben.» So wurde schon mehrfach von Gästen über vermeintlich übernatürliche Geschehnisse berichtet. Angehrn: «Oft waren es Gefühle, manchmal auch Schatten, die sich bewegten oder gar ganze Menschengruppen, die nachts geräuschvoll an der Zimmertüre vorbeimarschierten.» Leider konnte er selber nie etwas ähnliches erleben, wie er erzählt. «Und auch mit den anderen Schlossbewohnern meinte es der Schlossgeist immer gut.»

Nach wie vor übe der Dachstock eine grosse Faszination auf ihn aus. Er nennt den Estrich auch als seinen Lieblingsraum. «Diese rohe unverfälschte Ursprünglichkeit hat etwas zeitlos Erhabenes. Sie zeigt einem auf eindrückliche Weise, wie vergänglich man selbst doch ist und dass man sich nicht zu wichtig nehmen sollte.»

Grosses Privileg

Seit über 200 Jahren ist das Schloss in Familienbesitz. Andi Angehrn trat mit der Lehre als Koch in die elterlichen Fussstapfen, auch wenn in seinen jungen Jahren eine allfällige Übernahme des Schlosses noch kein Thema war. In seinen Zwanzigern erfolgte dann die Abmachung mit seinem Onkel, ihn mit etwa 30 Jahren abzulösen. «Zu wissen, worauf ich hinarbeite, empfand ich immer als ein grosses Privileg. Die Zeit bis dahin konnte ich mit Erfahrungen an verschiedenen Arbeitsstellen, Weiterbildungen und mit Reisen nutzen.»

Ein Happy End

Und wenn er selber ein Märchen schreiben dürfte, welches sich auf dem Schloss abspielt?

Auf jeden Fall würde dann eine rustikale Schlossküche mit offenem Feuer und tolles Essen im Mittelpunkt stehen, wie Angehrn verrät. Viele zufriedene Mitarbeiter, die noch mehr glückliche Gäste verwöhnen, hätten die Hauptrollen. Und um auch für eine Gute-Nacht-Geschichte dienen zu können, müsste die Handlung auf jeden Fall deutlich langweiliger sein als die Realität, hält er fest. «Meinen Kindern zuliebe käme mindestens ein tollpatschiger Drache unter dem Rebberg oder ein kleines neugieriges Ungeheuer im Schlossweiher in einer Nebenrolle in Aktion.» Ein Schlossgespenst gehört eben doch dazu. Und wenn auch nur im Märchen.

Stölzle /  Brányik
Autor/in
Manuela Bruhin

Manuela Bruhin (*1984) aus Waldkirch ist Redaktorin von «Die Ostschweiz».

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