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«Corona-Splitter» (16)

Stirbt man im Alter denn «einfach so»?

Als wie gefährlich erlebt ein Hausarzt Corona im Alltag? Was führt letztlich zum Tod? Und wie hängt das mit Corona zusammen? Der Hausarzt Rainer Fischbacher stellt in seiner Serie heute die ketzerische Frage: Darf man noch an Altersschwäche sterben?

Rainer Fischbacher am 04. Mai 2021

Ich möchte mich auf meine Kernkompetenz als Hausarzt besinnen und Ihnen erzählen, was ich in der Coronasaison 2020/2021 erlebt habe. Und dazu möchte ich das Erlebte in Relation setzen zu dem, was ich in früheren Jahren als Hausarzt erlebt habe. Entsprechend den Empfehlungen von Nobelpreisträger Kahneman, nie etwas herausgelöst aus dem Kontext zu betrachten, um Fehlurteile zu verhindern.

1998 ist eine 22-jährige Patientin von mir nach Grippe (wahrscheinlich Influenza) an ihrem Asthma gestorben. Einen so traurigen Todesfall wegen Grippe habe ich seither nie mehr erlebt.

2012 hätte ich beinahe eine 60-jährige Patientin verloren nach Influenza. Wochenlang war sie intubiert und sogar tracheotomiert. Sie war vorher nie aufgefallen wegen Lungenproblemen, war nur übergewichtig. Seither ist sie schwer lungenleidend (long influenza?) Aber das hat niemanden interessiert.

Seit 1996 bin ich Hausarzt, und jeden Winter sind bisher 10 bis 15 Menschen in meiner Betreuung an Altersschwäche gestorben.

Was bedeutet Alterschwäche?

Altersschwäche bedeutet sehr oft: Ein alter Mensch wird so schwach, dass seine Immunkräfte nachlassen und die nächste Grippe , egal ob Influenza, RS -Virus oder Corona-Virus, ihn von seinen Altersleiden erlöst.

2020 und 2021 ist das nicht mehr geschehen. Menschen sterben nun weniger an Altersschwäche Es sind seit März 2020 erst vier meiner Patienten mit Corona gestorben. Keiner mit Influenza-vermittelter Altersschwäche. Nicht 10 bis 15 wie sonst jedes Jahr. Aber das ist ja auch kein Wunder:

Wegen des Lockdowns kann auch die Grippe meine betagten Patienten nicht mehr erlösen. Da sie etwas weniger ansteckend ist als Corona, konnte sie sich nicht ausbreiten.

Ich hab 2020 und 2021 keine 22-jährige Asthmatikerin verloren wie 1998 . Aber ich habe einige schwere Verläufe miterlebt.

Ich hatte 2020 einen Asthmapatienten betreut, der im März eine beidseitige Lungenentzündung hatte. Wir dachten erst an Corona. Es war aber Influenza. Es war eine schwere Krankheit, der Patient war lange Zeit im Spital.

Als derselbe Patient dann im Oktober 2020 auch noch Corona bekam, blieb er zu Hause. Kein Problem.

Ist Corona nun gefährlicher als Grippe, weil es die WHO sagt? Oder weniger gefährlich, weil ich weniger Todesfälle beobachten musste?

Wie werden es nie genau wissen. Denn schliesslich hat der Lockdown die Ausbreitung verhindert. Einzig aus Schweden könnten wir noch ein paar interessante wissenschaftliche Informationen bekommen, wie es ohne echten Lockdown war.

Letztlich kann ich nur hoffen, dass Corona gefährlicher ist als die Grippe. Auch wenn ich das nicht aus eigener Erfahrung bestätigen kann. Lasst es uns von ganzem Herzen hoffen. Denn wenn nicht: So viel sinnloses Leid hätte noch keine Regierung ihrem Volk beschert seit dem 2.Weltkrieg.

Und bitte lernen Sie etwas von einem Hausarzt:

An Altersschwäche stirbt man meistens nicht einfach so, es braucht ein Virus, um ein wenig nachzuhelfen. Und das ist seit 2020 verboten! Wir dürfen nicht mehr an Altersschwäche sterben!

2020 / 2021 starben vier Menschen unter meinen Patienten an Corona statt 10 bis 15 an Virus-vermittelter Altersschwäche. Und die Geretteten: Leben sie nun ewig weiter? Gemäss unserer Regierung wahrscheinlich schon. Nach meiner Erfahrung sind die Geretteten inzwischen aber bereits ihrem Tumor erlegen, an andern Infektionen gestorben, und ein Patient hat sich mit Exit erlöst, weil Corona es nicht durfte.

Stölzle /  Brányik
Autor/in
Rainer Fischbacher

Rainer Fischbacher ist Arzt in Herisau und ehemaliger Ausserrhoder Kantonsarzt.

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