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Videogames im Test (1)

The Last of Us Part II: Ein Meilenstein der interaktiven Unterhaltung

Auch das Medium Film wurde in seinen Anfängen unterschätzt und brauchte Jahre, um den Kinderschuhen zu entwachsen. Entwickler Naughty Dog liefert mit seinem Endzeit-Meisterwerk den Beweis, dass auch Videospiele endgültig erwachsen geworden sind.

Roger Sieber am 13. Juli 2020

In dieser neuen Rubrik stellen wir in loser Folge Videospiele vor.

Bücher zählen auch im digitalen Zeitalter für viele weiterhin als das Medium mit dem höchsten kulturellen Wert. Menschen, die den gegen Ende des 19. Jahrhunderts aufkommenden Film bevorzugten, wurden oft nur müde belächelt. Denn wie sollten sich die damals nur von Musik untermalten Bewegtbilder mit literarischen Meisterwerken wie Tolstois «Krieg und Frieden» messen?

Tolstoi selbst, der bis zu seinem Tod im Jahr 1910 lediglich die Anfänge des Films erlebte, sprach dem damals neuen Medium nicht seine Daseinsberechtigung ab und erkannte gar das Potenzial, das die Literaten künftig dazu zwingen sollte, sich bei ihren Erzählungen noch stärker ins Zeug legen zu müssen. Mehr als 100 Jahre nach dem Tod des russischen Meisters macht ein anderes Medium Büchern und Filmen Konkurrenz.

Das endzeitliche Videospiel «The Last of Us Part II» beweist auf der PlayStation 4 eindringlich, dass das Medium den Kinderschuhen entwachsen ist.

Das interaktive Abenteuer des kalifornischen Spielemachers Naughty Dog setzt die Handlung des 2013 veröffentlichten Vorgängers fort. In letzterem begleitet der Spieler den Charakter Joel und seine 14-jährige Ziehtochter Ellie auf einer wahren Odyssee tausende Kilometer quer durch die USA. Viele Jahre zuvor war in den Vereinigten Staaten eine rätselhafte Pandemie ausgebrochen, die Menschen in mordlüsterne Kreaturen verwandelt. Nur Ellie ist immun gegen den mutierten Cordyceps-Pilz und damit die einzige Hoffnung der Menschheit auf einen wirksamen Impfstoff. Doch in einer Forschungsstation in Salt Lake City angekommen, stellt sich heraus, dass die Entwicklung des Heilmittels Ellies Tod bedeuten würde – und Joel ermordet die Wissenschaftler, um Ellie vor diesem Schicksal zu bewahren.

Game The last of us

«The Last of Us Part II» ist nicht nur erzählerisch und spielerisch, sondern auch grafisch erstklassig.

Während der erste Teil die Entwicklung der väterlichen Beziehung zwischen Joel und Ellie bereits exzellent vermittelte und besonders mit der Glaubwürdigkeit und Greifbarkeit des ungleichen Heldenduos glänzte, thematisiert «The Last of Us Part II» stärker die Motive der Beteiligten unter moralischen Gesichtspunkten.

Die nun 19-jährige Ellie und Joel leben inzwischen seit vier Jahren in der Siedlung Jackson im US-Bundesstaat Wyoming. Es ist ein fast normaler Alltag in der rauen Endzeitwelt, bis ein grausamer Zwischenfall in Ellie den Wunsch nach Rache aufkeimen lässt. Ohne Rücksicht auf Verluste verfolgt sie die Verantwortlichen bis in die Westküstenstadt Seattle, um alle zur Rechenschaft zu ziehen, die für die Missetat verantwortlich zeichneten. Doch wer ist hier eigentlich moralisch im Recht? Wem glauben und wem vertrauen wir in diesem mit gnadenloser Brutalität geführten Kampf, in dem anscheinend niemand bereit ist, die Gewaltspirale zu durchbrechen?

Game The last of us

Auf ihrem Rachefeldzug bahnt sich Ellie einen Weg durch einen überschwemmten Teil Seattles.

Mit seiner cleveren Erzählstruktur zwingt «The Last of Us Part II» den Spieler immer wieder dazu, seine Haltung gegenüber den Haupthandelnden zu überdenken. Geschickt weckt Naughty Dog Sympathien und Verständnis, um den Spieler im nächsten Moment die Sinnlosigkeit von hassgetriebener Gewalt schonungslos vor Augen zu führen.

Die Kontraste zwischen heiler Welt und bitterem Ernst, zwischen Sympathie und Abscheu machen das Abenteuer zu einem nachhaltig packenden Erlebnis. Ohne erhobenen Zeigefinger gelingt es «The Last of Us Part II», dass Sie als Spieler die scheinbar unausweichliche, in mitunter drastischen Bildern vermittelte Gewaltspirale zunehmend hinterfragen und am Ende, genauso wie Ellie selbst, kaum noch zwischen Gut und Böse unterscheiden können.

Game The last of us

Der Grossteil der Handlung spielt in Seattle, das 25 Jahre nach dem Ausbruch der Pilz-Pandemie stetig zerfällt und von der Natur zurückerobert wird.

Stellen Sie sich das nur grob als gut inszeniertes Filmerlebnis vor. «The Last of Us Part II» aber ist eben weit mehr. Denn hier sind Sie mittendrin im Geschehen, Teil des Ganzen, erleben nicht nur die aufwühlende, wendungsreiche Geschichte als Beobachter, sondern müssen auch die brachialen, fordernden Kämpfe überstehen, Ihre Waffen mittels Ressourcen an Werkbänken verbessern und manuell Ihre Spielfigur aufwerten.

Es ist ein locker 25 Stunden langes Erlebnis, das Sie genauso wenig vergessen werden wie die Lektüre von Tolstois «Krieg und Frieden» oder die Intensität von Filmklassikern wie «Der Pate». Denn «The Last of Us Part II» ist gewiss kein Groschenroman der interaktiven Unterhaltung, sondern ein Meilenstein unter den Videospielen. Tolstoi jedenfalls wäre wohl begeistert von dem, was «The Last of Us Part II» innerhalb dieses «neuen» Mediums erzählerisch und atmosphärisch leistet, das nun endgültig den Kinderschuhen entwachsen zu sein scheint.

«The Last of Us Part II» ist am 19. Juni 2020 exklusiv für PlayStation 4 erschienen und kann bei World of Games portofrei bezogen werden.

Game The last of us

Mussestunden in einer rauen Endzeitwelt: Ellie klimpert in einem ruhigen Moment auf ihrer Gitarre.

Stölzle /  Brányik
Über den Autor
Roger Sieber

Roger Sieber betreibt mit GAMES.CH die dienstälteste Schweizer Spiele-Website und beschäftigen sich seit seiner Kindheit mit Konsolen- und Computerspielen. Als Fotoreporter sind er und seine Crew an allen grossen Gaming-Events vertreten, um seine Community auf dem Laufenden zu halten. 

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