logo

Wahllisten-Flut

Übertreibt es «Die Mitte»? – Die Partei mutet der Wählerschaft dieses Mal enorm viel zu

So viele Kandidatinnen und Kandidaten für die Eidgenössischen Wahlen wie noch nie: In den Kantonen Thurgau und St.Gallen stellt insbesondere die «Mitte» alles Dagewesene in den Schatten. Mit elf bzw. sieben Listen geht die Partei auf Stimmenfang. Kann diese Strategie aufgehen?

Marcel Baumgartner am 23. August 2023

Ganze 36 Listen erhalten die Stimmbürgerinnen und -bürger im Kanton Thurgau zugestellt. Das sind 13 mehr als bei den Nationalratswahlen im Jahr 2019. Um die sechs Thurgauer Nationalratssitze bewerben sich insgesamt 210 Personen, das sind 75 mehr als bei den eidgenössischen Wahlen im Herbst 2019.

Nicht anders sieht die Situation im Kanton St.Gallen aus. Bei der St.Galler Staatskanzlei sind 29 Listen für die Nationalratswahlen eingereicht worden: vier mehr als vor vier Jahren. Der Kanton St.Gallen hat Anspruch auf zwölf Sitze im Nationalrat. 311 Personen aus dem Kanton bewerben sich um diese. Das sind rund 22 Prozent mehr als bei den letzten Erneuerungswahlen im Jahr 2019.

Hauptsächlich verantwortlich für die Listenflut ist in beiden Kantonen «Die Mitte». Im Thurgau tritt sie mit elf, im Kanton St.Gallen mit sieben Listen an.

Masse statt Klasse?

Sie setzt damit die Strategie um, welche die Partei schweizweit verfolgt. «Die Mitte» möchte eine möglichst breite Auswahl an Kandidatinnen und Kandidaten bieten. Sie erhofft sich damit, dass jede einzelne Person Stimmen aus dem jeweiligen Umfeld bringt, dass sich Wähler eher angesprochen fühlen.

Wie das «Regionaljournal Ostschweiz» von SRF jüngst festgehalten hat, muss dieser Ansatz nicht zwingend aufgehen. Eine Auswertung von Nationalratswahlen der vergangenen 35 Jahre, die das Institut für Politikwissenschaften der Uni Bern exklusiv für SRF erstellt hat, habe gezeigt, dass mehr Kandidierende keinen signifikanten Effekt auf die Sitzgewinne haben.

Rüstzeug für spätere Wahlkämpfe

«Die Mitte» versucht es trotzdem. Wohl auch, um einzelne Kandidierende in Stellung zu bringen für weitere Wahlen – etwa Kantonsratswahlen.

Das bestätigt auch Sandra Stadler, Parteipräsidentin der «Mitte» Thurgau.

«Ein Wahlkampf ist immer auch eine persönliche Erfahrung. Wer einmal einen Wahlkampf miterlebt hat, ist gut gerüstet für einen späteren Wahlkampf. Bereits im April 2024 haben wir kantonale Wahlen und auch wieder Wahlen in den Gemeinden. Eine Nationalratskandidatur kann also auch der Start zu einer politischen Karriere sein.»

Sandra Stadler

«Positiv für die Demokratie»

Ob so vieler Namen kann man jedoch schnell den Überblick verlieren. Es stellt sich die Frage, ob mit dieser Strategie den Wählerinnen und Wähler nicht zu viel zugemutet wird.

Stadler sieht hier kein Problem: «Wählerinnen und Wählern, die sich per se für die Politik interessieren, gelingt es auch mit vielen Listen den Überblick zu behalten, davon bin ich überzeugt.»

Aufklärung der Bevölkerung und politische Bildung

Für die Demokratie sei es ausserdem positiv, wenn viele Menschen kandidieren. Die Vielfalt an Personen würde auch viele Menschen ansprechen, die sonst nicht oft mit Politik in Kontakt kommen. «Um diese Menschen noch besser zu erreichen, sehe ich die Aufklärung der Bevölkerung über politische Prozesse und Politische Bildung an den Schulen als sinnvolle Wege», ergänzt Stadler.

SVP St.Gallen wählt anderen Weg

Für eine übersichtliche Auswahl hat sich unter anderem die SVP des Kantons St.Gallen entschieden. Vier Nationalratssitze hat die Partei aktuell – fünf sind das Ziel. Und dafür setzt man auf eine Liste mit zwölf Kandidierenden. SVP-Präsident Walter Gartmann sagt dazu:

«Jede Partei hat da wohl ihre eigenen Rezepte, und ich werde mir nicht anmassen, den anderen Parteien Tipps zu geben. Die SVP hat sich dazu entscheiden mit einer sehr guten und breit abgestützten Hauptliste den 5. Nationalratssitz zurückzugewinnen und Esther Friedli wieder in den Ständerat zu entsenden.» Die Bevölkerung könne so übersichtlich ihre bürgernahen und bodenständigen Vertreterinnen und Vertreter nach Bern wählen.

Walter Gartmann

Walter Gartmann

Die Motivation der Listenletzten

Und wie sehen das Kandidierende, die im Grunde genommen als «Listenfüller» beziehungsweise Stimmenfängerinnen fungieren? Was ist die Motivation, bei einem – in Bezug auf die eigenen Wahlchancen – aussichtslosen Unterfangen mitzuwirken?

Der Name von Lisa Vincenz – Tochter von Nationalrätin Susanne Vincenz – etwa findet sich auf dem letzten Platz der Frauen-Liste der FDP St.Gallen. Die Co-Präsidentin der St.Galler FDP-Frauen sagt dazu: «Wir verstehen unsere Frauenliste als Support für die Hauptliste der FDP und als Möglichkeit für die Kandidatinnen, Erfahrungen zu sammeln. Mit unserer Liste konnte vor vier Jahren der zweite Sitz verteidigt werden. Das ist auch dieses Mal unser klares Ziel.»

Den Listenplatz frei gewählt

Der Listenplatz selbst sei zudem nicht entscheidend. Auf der FDP-Hauptliste folgen nach den Bisherigen traditionell die Neukandidierenden nach Alphabet. «Hier erinnere ich gerne an die Wahl von Peter Weigelt, Andreas Zeller oder Susanne Vincenz-Stauffacher, welche allesamt auf den hinteren Listenplätzen waren.»

Die FDP Frauen listen die Kandidatinnen grundsätzlich nicht alphabetisch. «Aber unabhängig davon verstehe ich meine Rolle als Co-Präsidentin der FDP-Frauen primär darin, ‘meine’ Frauen zu fördern und habe mich deswegen auf den letzten Listenplatz setzen lassen», so Lisa Vincenz.

Lisa Vincenz

Lisa Vincenz

Doppelter Versand in Bern

Die aussergewöhnliche Flut an Wahllisten könnte übrigens nicht nur die Wählerschaft überfordern. In Bern beispielsweise könnte sie dazu führen, dass die insgesamt 39 Listen nicht mehr in einem Couvert Platz finden.

Das hat dort allerdings auch mit dem Umstand zu tun, dass Berner Stimmberechtigte - im Gegensatz zu anderen Kantonen – im offiziellen Versand neben den Wahlzetteln auch Parteiflyer zugeschickt bekommen. Auch das dürfte nicht für mehr Übersicht sorgen.

Highlights

Neues Buch «Nichts gegen eine Million»

Die Ostschweizerin ist einem perfiden Online-Betrug zum Opfer gefallen – und verlor dabei fast eine Million Franken

am 08. Apr 2024
Fettweg-Spritze nicht zugelassen

Nach Wirrwarr um «Lemon Bottle» sagt St.Galler Arzt: «Mir war das Produkt nicht geheuer. Die Unglaublichkeit liegt aber ganz woanders.»

am 06. Apr 2024
Er hat genug

Kurz und knapp: «Aufrecht»-Präsident Patrick Jetzer gibt alle Funktionen ab

am 10. Apr 2024
Neue Präsidentin

Die tägliche Gratwanderung: Wenn das St.Galler Hospiz mit Leben gefüllt wird. Und es eine Warteliste für Menschen gibt, die keine Zeit mehr haben.

am 10. Apr 2024
Punkte zur Kriminalitätsbekämpfung

So will dieser SVP-Nationalrat die Schweiz retten: Mike Egger präsentiert seinen Massnahmenkatalog

am 09. Apr 2024
Ostschweizer Satire

Weibel wirbelt auf: Was die Wahl von Bettina Surber mit Unterhosen zu tun hat

am 09. Apr 2024
Eine Analyse zur aktuellen Lage

Die Schweiz am Abgrund? Wie steigende Fixkosten das Haushaltbudget durcheinanderwirbeln

am 04. Apr 2024
Variante «Rückbau und Ersatz»

A1 Engpassbeseitigung St. Gallen und 3. Röhre Rosenbergtunnel – ASTRA und Olma Messen vereinbaren weiteres Vorgehen betreffend Halle 9

am 11. Apr 2024
Migration und Markt

Ausbeutung von Sans-Papiers durch Bauern – migrationspolitischer Unsinn

am 11. Apr 2024
Gastkommentar

Die verklagte Schweiz: Von unverständlichen Entscheidungen

am 10. Apr 2024
Die Schweiz am Abgrund?

SVP-Nationalrat Manuel Strupler: «So kann es nicht weitergehen. Diese Masslosigkeit schadet.»

am 10. Apr 2024
Die Schweiz am Abgrund?

Mitte-Ständerätin Brigitte Häberli: «Ich verspüre auch keine Lust, mich an der Abgrund- und Katastrophendebatte zu beteiligen»

am 09. Apr 2024
Die Schweiz am Abgrund?

Mitte-Nationalrat Thomas Rechsteiner: «Im internationalen Vergleich geht es uns sehr gut, wir jammern auf hohem Niveau»

am 08. Apr 2024
Die Schweiz am Abgrund?

SVP-Nationalrat Walter Gartmann: «Wenn wir so weitermachen, wird es unsere schöne Schweiz in Kürze nicht mehr geben»

am 07. Apr 2024
Die Schweiz am Abgrund?

FDP-Nationalrätin Kris Vietze: «Unsere Fiskalquote ist unterdessen höher als jene von Deutschland»

am 06. Apr 2024
FDP-Regierungsrat in der Kritik

Wolfsjagd als Weiterbildung: Beat Tinner, welchen Nutzen hat eine solche Russland-Reise für den Kanton?

am 31. Mär 2024
Politischer Wandel

Machtablösung in der Mitte-Hochburg Wil: «Keine ideologische Fantasieideen»

am 10. Apr 2024
Gast an der Uni St.Gallen

Witwe des russischen Oppositionsführers: Julia Nawalnaja spricht am St.Galler Symposium

am 08. Apr 2024
Jugendliche und ihre Probleme

Die geschlossene Wohngruppe des Platanenhofs in Oberuzwil wird 40 Jahre alt: Darf das ein Grund zum Feiern sein?

am 07. Apr 2024
Regierungsratswahlen Thurgau

SVP und SP konnten Regierungsratssitze verteidigen – Denise Neuweiler erreicht Spitzenresultat

am 07. Apr 2024
Der Kanton Thurgau hat gewählt

130 Mandate: So setzt sich der Thurgauer Kantonsrat neu zusammen

am 07. Apr 2024
Harte Kritik

Nach Aussprache des Toggenburger Ärztevereins mit Bruno Damann sagt dieser: «Den Vorwurf des Ärztevereins muss ich nicht rechtfertigen»

am 03. Apr 2024
Stölzle /  Brányik
Autor/in
Marcel Baumgartner

Marcel Baumgartner (*1979) ist Co-Chefredaktor von «Die Ostschweiz».

Hier klicken, um die Mobile App von «Die Ostschweiz» zu installieren.