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Und Amnesty sprach doch von 15'021 toten «Arbeitsmigrant*innen»

Die Schweizer Sektion von Amnesty International kritisiert in ihrer Replik auf meinen Artikel, dass ich verschiedene falsche Behauptungen in den Raum stelle. Insbesondere sei die Behauptung falsch, Amnesty International spreche von 15'021 toten «Arbeitsmigrant*innen».

Thomas Baumann am 22. November 2022

Die Schweizer Sektion von Amnesty International kritisiert in ihrer Replik auf meinen Artikel "Amnesty's tote Baby-Arbeiter" , dass ich verschiedene falsche Behauptungen in den Raum stelle. Insbesondere sei die Behauptung falsch, Amnesty International spreche von 15'021 toten "Arbeitsmigrant*innen". Amnesty vorzuwerfen, es habe seine Zahlen nicht sauber recherchiert, sei nicht nur falsch, sondern auch rufschädigend.

Amnesty International ist eine Nichtregierungsorganisation mit Sitz in London und Sektionen u.a. in der Schweiz, Deutschland und Österreich.

Am 26. August 2021 veröffentlichte Amnesty International einen Bericht, zu dem die drei deutschsprachigen Sektionen an demselben Tag jeweils eine Medienmitteilung herausgaben. In diesem Bericht steht wörtlich, dass "in den letzten zehn Jahren" gemäss offiziellen statistischen Daten Katars 15'021 Non-Kataris (also Personen ohne Staatsbürgerschaft Katars) "aller Altergruppen, Berufe und Todesursachen" in Katar verstorben sind. Es steht - und hier ist Amnesty Schweiz beizupflichten - in diesem Bericht tatsächlich an keiner Stelle, dass es sich bei den Toten um Arbeitsmigranten handle.

Während Amnesty Deutschland die Passage im Bericht korrekt mit "insgesamt 15'021 Staatsangehörige anderer Staaten" und Amnesty Österreich ebenso korrekt mit "mehr als 15'000 Personen nicht-katarischer Staatsangehörigkeit" wiedergibt, schreibt Amnesty Schweiz: "Statistiken der katarischen Behörden zeigen, dass zwischen 2010 und 2019 mehr als 15'021 ausländische Staatsangehörige (aller Altergruppen und Berufe) in Katar verstorben sind."

Warum es "mehr als 15'021" Todesfälle sein sollen - und nicht genau 15'021 - wird in der Medienmitteilung der Schweizer Sektion von Amnesty International nirgendwo aufgezeigt.

Die Amnesty Sektionen von Deutschland und Österreich (nicht aber der Schweiz) schreiben in ihren Medienmitteilungen vom 26. August 2021 weiter, eine von "Amnesty durchgeführte Analyse von Sterbefällen aus verschiedenen Quellen" zeige, dass die Quote der ungeklärten Todesfälle bei Arbeitsmigranten bei fast 70 Prozent liegen könnte. Diese Formulierung ist missverständlich und entspricht auch nicht dem Wortlaut im Bericht von Amnesty International: Bei diesen "Analysen" handelt es sich nicht um eigene Berechnungen, sondern bloss um einen Überblick über Berechnungen aus anderen Quellen. "Analysen" ist dafür ein stolzes Wort.

Auch bei der medialen Rezeption ihrer Medienmitteilung zeigt sich Amnesty nicht gerade kritisch. So titelte der "Spiegel: "Für unseren Torjubel starben 15'000 Menschen", und tagesspiegel.de und focus.de überschrieben ihre Artikel mit: "Ein Spiel bei der Fussball-WM kostet 234 Menschenleben". Über allfällige Proteste gegen solche Titelüberschriften ist nichts bekannt. Da Amnesty International fast täglich Medienmitteilungen verschickt, hätte ein solcher Protest sicherlich ebenfalls zu einer solchen geführt.

Die österreichische Sektion von Amnesty International schreibt auf ihrer Webseite an anderem Ort: "Insgesamt 2,3 Millionen Arbeitsmigrant*innen verdienen in Katar ihren Lebensunterhalt, sie stellen dabei 95 Prozent der Arbeitskräfte." Woher Amnesty Österreich diese Zahlen hat? Im erwähnten Bericht von Amnesty International vom 26. August 2021 steht jedenfalls die Zahl von zwei Millionen und nicht 2,3 Millionen. Allerdings findet man die Zahl von 2,3 Millionen auf Wikipedia. Hat sich Amnesty Österreich vielleicht dort "informiert"?

Die letzten verfügbaren statistischen Daten Katars gehen von rund 2,8 Millionen Einwohnern in Katar aus. Bekanntlich sind davon nur etwas mehr als 300'000 Personen auch Bürger Katars. Das heisst: Etwa 2,5 Millionen sind Ausländer, nur ganz leicht mehr als die von Amnesty Österreich erwähnten 2,3 Millionen Arbeitsmigranten.

Aus den Statistiken geht ebenfalls hervor: Ungefähr eine halbe Million aller Einwohner Katars sind unter zwanzig Jahre alt. Bei einer Zahl von nur rund 300'000 katarischen Bürgern ist es offensichtlich, dass die überwiegende Mehrheit dieser Minderjährigen - vermutlich etwas mehr als 400'000 - Ausländer sind. Kinder sind bekanntlich keine "Arbeitsmigranten". Die Zahl der Arbeitsmigranten dürfte somit eher bei zwei Millionen als den von Amnesty Österreich kolportierten 2,3 Millionen liegen.

Und noch etwas anderes zeigt uns diese doch recht beachtliche ausländische Kinderschar: Die ausländischen Migranten - auch die "Arbeitsmigranten" aus Südasien - sind dabei, in Katar Wurzeln zu schlagen. Anders als man denken könnte, leben sie nicht alle als Alleinstehende in Baracken auf Baustellen, sondern teils auch als Familien. Die Zahlen sind deutlich: Bis zum Alter von neun, zehn Jahren umfasst jede Alterskohorte etwa 30'000 Individuen oder mehr, bevor ihre Zahl bis zum 19. Altersjahr um beinahe die Hälfte absinkt. Damit korrespondieren diese Zahlen ausserordentlich klar mit dem Zuwanderungsboom nach der WM-Vergabe und zeigen, wie die Zuwanderer in Katar familiäre Wurzeln schlagen.

Aber eigentlich müssen wir gar nicht weiter suchen, um die in Beteuerungen von Amnesty Schweiz zu widerlegen, dass Amnesty International nie von 15'021 toten "Arbeitsmigrantinnen" gesprochen habe. Denn an demselben Tag, als sich die Schweizer Sektion von Amnesty International in der "Ostschweiz" gegen angeblich "falsche und rufschädigende" Behauptungen verwahrte, veröffentlichte Amnesty International in Deutschland einen Text seiner Pressesprecherin Ellen Wesemüller mit dem Titel "Fussball-WM in Katar: Die Qual der Zahl" (www.amnesty.de/informieren/aktuell/katar-fussball-wm-arbeitsmigrant-innen-tote). Und da lesen wir den Satz: "15.021 - das sind die Arbeitsmigrantinnen, die in Katar zwischen 2010 und 2019, also innerhalb von zehn Jahren nach WM-Vergabe gestorben sind." Hier steht schwarz auf weiss, was Amnesty International angeblich nie behauptet habe. Die Tinte, mit der dies geschrieben wurde, ist noch kaum trocken.

Ganz allgemein würde Amnesty International etwas mehr Bescheidenheit gut anstehen. So lässt sich Amnesty Österreich auf seiner Internetseite folgendermassen verlautbaren: "Amnesty International hat sich bewusst gegen einen Boykott der WM in Katar entschieden und sich entschlossen, stattdessen die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit als Chance für positive Veränderungen zu nutzen."

Ob Amnesty die WM boykottiert, dürfte den meisten herzlich egal sein. Als Chance sieht Amnesty International die WM durchaus - fragt sich nur, inwiefern. Geht es nur um die Rechte von Arbeitern in Katar - oder auch um den eigenen Einfluss, die eigene Macht, die Steigerung der eigenen Mitgliederzahlen?

Dabei, dies sei klar gesagt, gäbe es über Katar durchaus Kritisches zu berichten. Zum Beispiel über islamistische Aktivitäten, welche von dort ausgehen. Doch weil Amnesty International mit seiner Themensetzung quasi ein Monopol über die öffentliche Diskussion ausübt, gehen jene Stimmen völlig unter. Die Losung in Bezug auf Katar sollte daher lauten: Weniger Amnesty, mehr andere Stimmen!

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Autor/in
Thomas Baumann

Thomas Baumann ist freier Autor und Ökonom. Als ehemaliger Bundesstatistiker ist er (nicht nur) bei Zahlen ziemlich pingelig.

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