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Kultur mit Müller

Verbrechen, Gefühle und ein «NEINhorn»

Tipps für gute Musik und vieles mehr rund um Kultur: Das gibt es regelmässig mit Andreas B. Müller, vielen noch bekannt als früherer Geschäftsleiter des Openair St.Gallen. Heute mit einer Ladung Büchertipps.

Andreas B. Müller am 26. April 2021

Spannung und Spannungen versprechend

Allein die Ausgangslage bei Michael Connellys «Night Team» ist Spannung und Spannungen versprechend: Einerseits ist da der abgehalfterte, nein, der nicht nur aus Altersgründen in die Pension geschickte Detektiv Hieronimus «Harry» Bosch, der sich mit seinen, sagen wir unorthodoxen, aber notabene sehr erfolgreichen, Ermittlungsmethoden nicht nur Feinde bei den Feinden gemacht hat, sondern auch bei Seinesgleichen. Hier ist ihm die junge Ermittlerin Renée Ballard ähnlich, wenn auch aus anderen, ehrenhaften Gründen: Sie hatte ihren Exchef wegen sexueller Belästigung angezeigt, und wurde als Folge in die berüchtigte Nachtschicht des Los Angeles Police Departements strafversetzt. Beide haben keine Bisshemmungen, vertiefen sich leidenschaftlich bis stur in ihre Fälle, der im aktuellen Fall zu ihrem gemeinsamen wird. Mit geschärfter Menschenkenntnis, der richtigen Portion Intuition und Neugier gepaart mit Erfahrung fügen sie Puzzleteil an Puzzleteil, bis sich ein stimmiges, oder vielmehr grausiges Bild ergibt, das die Abgründe der Spezies Mensch aufzeigt. Ja, sie lösen den neun Jahre alten Fall einer Fünfzehnjährigen, die sich prostituiert hatte. Nein, sie haben kein «Verhältnis» miteinander. Ja, die unerschrockene Einzelgängerin und der abgebrühte Einzelgänger ergänzen und vertrauen sich, was beiden einiges abverlangt im Hintenanstellen des Egos. Und nein, auch wenn ihr Vorgehen säurescharf ist, bleiben sie doch Terminatoren mit Menschlichkeit, selbst wenn das Gegenüber es vielleicht anders verdient hätte.

Michael Connelly, «Night Team» (Kampa)

Ein veritables Verbrechen. Oder doch nicht?

Bei «Kalmann» kann man nicht von einem Krimi sprechen, auch wenn der Geschichte ein veritables Verbrechen zugrunde liegt. Oder doch nicht? Der nach Island ausgewanderte Bündner Autor Joachim B. Schmidt lässt seinem selbsternannten Sheriff von Raufarhöfen, Kalmann Óðinsson, tief in die manchmal etwas matschige, dann wieder polarsternklare Gedankenwelt blicken und den Produzenten des besten Gammelhais der Insel in eine Geschichte verwickeln, die den liebenswürdigen Einzelgänger manchmal nahe an den Rand der Verzweiflung bringt. Und manchmal darüber hinaus. Dabei will er nur etwas: eine Frau. Und (wieder) seine Ruhe. Wenn da nicht die hartnäckige Kommissarin Birna wäre, die (s)einem Geheimnis auf der Spur ist, wohin der im Dorf unbeliebte Fischfangquoten-König und Besitzer des einzigen Hotels am Ort plötzlich spurlos verschwunden ist. Wobei von ganz so spurlos kann bei der Blutlache ausserhalb des Dorfes nicht wirklich die Rede sein. Kalmann versucht nicht ungeschickt, dem Suchtrupp einen hungrigen, von Grönland rübergeschwommenen Eisbären aufzubinden, hütet dann aber in seiner Räucherei doch das eine oder andere Geheimnis. Wie gesagt, es ist eigentlich kein Krimi, weil es mehr um ein faszinierendes Eintauchen in die Welt des zweiunddreissigjährigen Naturburschen Kalmann geht, die eine einmalige Einsicht in seine naive Weisheit und seinen berührenden Humor vermittelt. Wenn er sich etwa wünschte, doch auf seiner Couch liegengeblieben zu sein, damit sich die Welt um ihn herum nicht verändert hätte, spricht er im Lesenden wohl auch eine tiefe Sehnsucht nach Stabilität und Ruhe und Klarheit an… Und während ein undurchdringlicher Nebel am «Artic Henge», dem Schauerplatz des Geschehens, aufzieht, der den plötzlich selbstsicheren Kalmann und die plötzlich verängstigte Kommissarin beinahe verschluckt, kommen beide dem Geheimnis des Versprechens, das er dem verschwundenen Robert abgegeben hatte, Schuss für Schuss näher.

Joachim B. Schmidt, «Kalmann» (Diogenes)

Bringt die Gefühle wie magisch in die Gegenwart

Was fühle ich? Manchmal gar nicht so einfach zu wissen. Und manchmal noch schwieriger, es auszudrücken oder beim Gegenüber wahrzunehmen. Eine kleine grosse Hilfe dabei ist das umwerfend gezeichnete Buch «da sein» von Kathrin Schärer, die mich schon als Illustratorin von Büchern von Franz Hohler begeistert hatte. Den so eindrucksvoll dargestellten Tierportraits in die Augen zu kucken, bringt die Gefühle wie magisch in die Gegenwart und lädt dazu ein (unbeobachtet natürlich, oder mit dem Enkel), die Mimik selber deutlich nachzustellen. Und weil das Gehirn schlecht zwischen erlebten und vorgestellten Gefühlen unterscheiden kann, kann es sein, dass sich im Augenwinkel plötzlich eine Träne löst, ob vor Trauer oder Freude sei dahingestellt…

Kathrin Schärer, «da sein» (Hanser)

Nein. Doch. Nein. Doch. Nein. Doch.

Wenn Marc-Uwe Kling (u.a. «Die Känguruh-Chroniken») Kinderbücher macht, dann macht er sie wahrscheinlich gerade auch für Erwachsene. Oder Erwachsenen sei geraten diese Bücher nicht als «Kindereien» abzutun, denn die tiefe Weisheit beispielsweise in «Das NEINhorn» lädt ein, das «Kind im Manne» (oder in der Frau, selbstverständlich), die Entdeckungslust, die Freundschaft und die Albernheit auch über den sogenannten Reifegraben hinaus weiter- und auszuleben. Welch wunderbare Idee, das NEINhorn mit der KönigsDOCHter in einem Dialog zu sehen, der – ach NEIN – DOCH so an unsere oftmalige Gesprächsunfähigkeit (oder -unwilligkeit) erinnert. Oder die weise Antwort des WASbären auf die Frage des NEINhorns, ob er schlecht höre oder nur nicht richtig zuhöre. «Mal so, mal so», meinte dieser nur. Dass das bockige Einhorn den «Erwachsenen» komisch vorkommt, ist eigentlich klar, wenn wir den Einhornopi fragen hören: «Sag uns wieso? Warum bist du nicht wie wir? Warum bist du nicht froh?» Und das NEINhorn zur Antwort gibt: «Ach, euer Lächeln, das ist euch doch ins Gesicht geleimt! Tschüss dann!», und weg ist es. Diese Bildergeschichte, erneut witzig und detailreich gezeichnet von Astrid Henn, ist ein Buch zum Vielmal-(Vor-)Lesen. Und es hilft dabei, echt zu sein.

Marc-Uwe Kling und Astrid Henn, «Das NEINhorn» (Carlsen)

Mama Nanou: Die Mischung machts!

Und zum Schluss noch eine Koch- und Lebensweisheit von Mama Nanou aus Käpt’n Sharkys neuestem Hörspiel-Abenteuer «Der Piratenkönig» (von Jutta und Jeremy Langreuter, Coppenrath/Europa):

«Nicht zu viel und nicht zu wenig,

nicht zu scharf und nicht zu fad,

die perfekte Menge immer fest im Blick,

denn Würzen will gelernt sein,

darum hör’ auf meinen Rat:

Die Mischung machts, das ist der Trick!»

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Stölzle /  Brányik
Autor/in
Andreas B. Müller

Andreas B. Müller (*1960) liebt gute Musik, Literatur und Wein (alles, was Seele hat), wirkt(e) unter weiterem als Konzert- und Festivalorganisator, Marketing- und Kommunikationsfachmann, rasender Reporter, Kurdirektor, Kellner, Coach und Supervisor, Projektentwickler und Ideeologe und zuletzt als Teamleiter Major Donor Fundraising für ein international tätiges Kinderhilfswerk. Er ist Mitinhaber der Kulturplattform «Parterre 33» (www.parterre33.ch), Präsident des St. Galler Jazzvereins «gambrinus jazz plus» (www.gambrinus.ch) und bewegt mit seiner Wirkstatt Müller (www.wirkstattmueller.ch) Menschen und Projekte.

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