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Jahresrückblick-Interview

«Wahrscheinlich werde ich um 00.03 Uhr ins Bett gehen»

Am 1. Juli 2019 trat Jérôme Müggler sein Amt als Direktor der Industrie- und Handelskammer Thurgau an. Die vergangenen Monate standen für ihn ganz im Zeichen des Umdenkens. Darüber hinaus hat Müggler privat aber auch die positiven Seiten genossen.

Marcel Baumgartner am 26. Dezember 2020

«Corona» war das dominierende Thema im vergangenen Jahr. Auf was können Sie in diesem Zusammenhang im positiven Sinne zurückblicken?

Eine Krise ist immer auch als Chance zu sehen – auch wenn sie im Einzelfall verheerende Auswirkungen haben kann. Echtes Umdenken und innovative Entwicklungen werden durch Druck von aussen gefördert oder gar erzwungen. Dazu gehören im Rückblick auf das Jahr 2020 eine beschleunigte Digitalisierung in vielen Bereichen, die stärkere Verbreitung von Home Office, die Etablierung von Video Calls für weniger wichtige Sitzungen, die Diskussion um den Föderalismus oder die überdurchschnittlich schnelle Entwicklung von mRNA-Impfstoffen, die auch andere Anwendungen in der Medizin finden werden.

Womit hatten Sie im Zusammenhang mit «Corona» am meisten zu kämpfen? Was hat Sie bedrückt?

Als Mensch, der sich als kommunikativ und neugierig bezeichnet, finde ich es sehr schwierig, auf soziale Kontakte im privaten und beruflichen Umfeld zu verzichten. Ich hätte dieses Jahr gerne mehr Freunde getroffen, meinen runden Geburtstag gebührend gefeiert und mein berufliches Netzwerk stärker gepflegt – das alles ist über Zoom, Teams, Skype etc. nicht sinnvoll möglich. Hier besteht viel Nachholbedarf für das kommende Jahr und darüber hinaus.

Bleiben wir beim Positiven: Was wird Ihnen rückblickend auf das Jahr 2020 in sehr guter Erinnerung bleiben? Gab es allenfalls einen entscheidenden Meilenstein in Ihrem Berufs- oder Privatleben?

Seit ich voll im Arbeitsleben stehe, gehe ich normalerweise morgens aus dem Haus und bin an Arbeitstagen über den Mittag in der Regel nicht zuhause. «Dank» Corona und den vermehrten Tagen im Home Office konnte ich mehr Zeit mit meiner Frau und meinen Söhnen am Esstisch verbringen – morgens wie mittags. Das ist sehr positiv und werde ich vielleicht mal wieder missen.

Welche drei Persönlichkeiten haben für Sie das Jahr 2020 positiv geprägt?

Schwierige Frage. Eine «Person» steht für mich stellvertretend für alle Frauen und Männer, die im Gesundheitswesen tagtäglich einen extrem harten Job machen und grossartige Leistungen erbringen. Das kann im Rahmen der aktuellen Krise nicht genug betont werden. Dann habe ich den viel geschmähten Gesundheitsminister Alain Berset als starken Bundesrat erlebt, der für schweizerische Verhältnisse überdurchschnittliche Qualität in den Bereichen Kommunikation und Führung gezeigt hat. Sein Job gleicht aktuell einem Minenfeld, in dem jeder Schritt ein Fehltritt ist – das ist undankbar. Und, Joe Biden weckt in mir die Hoffnung, dass auf internationaler und transatlantischer Ebene wieder ein anständiger Umgangston und ein konstruktiver Austausch möglich sein werden.

Woran denken Sie umgehend, wenn Sie sich mit der «Planung» des Jahres 2021 auseinandersetzen?

Einerseits frage ich mich, ab wann wieder eine gewisse Normalisierung des alltäglichen Lebens stattfinden und das Virus nicht mehr das Hauptthema sein wird. Auch wenn ich mir ein hohes Mass an Resilienz zusprechen würde, hatte ich auch schon den Corona-Blues. Andererseits überlege ich mir, wie wir nach der Krise nicht wieder umgehend in alte Verhaltensmuster zurückfallen werden. Mir wäre es wichtig, dass wir die Chancen aus der Krise mitnehmen und im privaten wie beruflichen Umfeld ein, zwei Schritte weiterkämen.

Gibt es darüber hinaus etwas, was Sie nächstes Jahr unbedingt in Angriff nehmen möchten?

Ja, da gibt es ein paar Dinge – meinem älteren Sohn das Schwimmen näherbringen, die Wände in unserem Haus mit Bildern und Objekten verschönern, meinen 40. Geburtstag «nachfeiern», endlich auf dem See von unserer Haustüre rudern gehen oder mit Freunden in einem Münchner Biergarten anstossen.

Abschliessend ein paar entweder/oder-Fragen. Den Übergang ins neue Jahr feiern oder im Bett verbringen?

Wahrscheinlich werde ich um 00:03 Uhr ins Bett gehen. Mit zwei jüngeren Kindern, die am Morgen jeweils zeitig aufstehen – ob nun Silvester ist oder nicht – schneidet man sich «ins eigene Fleisch», wenn man bis frühmorgens feiert.

Das Jahr 2021 mit klaren Vorsätzen starten oder alles auf sich zukommen lassen?

Alles auf mich zukommen lassen – wie in den Jahren zuvor.

Die Sommerferien 2021 wenn möglich im Ausland verbringen oder hier in der Schweiz?

Die Sommerferien verbringe ich eigentlich schon seit längerem in der Schweiz. Ich bin kein Freund von übermässiger Hitze und unser Land bietet im Sommer so viele spannende Möglichkeiten – Baden an Seen, Entspannen in den Bergen, Filme und Konzerte unter freiem Himmel, draussen sitzend in Cafés und Restaurants das Leben beobachten. Für den Herbst hoffe ich sehr, dass wir wieder ans Mittelmeer reisen und so den Sommer noch etwas verlängern können.

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Laveba 03/2022

Stölzle /  Brányik
Autor/in
Marcel Baumgartner

Marcel Baumgartner (*1979) ist Co-Chefredaktor von «Die Ostschweiz» sowie Verlagsleiter der Ostschweizer Medien AG. Das Medienunternehmen hat seinen Sitz in St.Gallen.

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