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Waldmeyers Freitags-Glosse

Waldmeyer und Russland, im Juli 2032

Wir befinden uns bereits im Jahr 2032. Putin war nun etwas älter, genau 79 Jahre alt. Er stolperte mit seiner weissen Dishdasha über die spärlich begrünten Gehwege seiner Villa in Saudi-Arabien. Ja, seine Dishdasha, dieses weisse arabische Gewand, war etwas lang geschnitten. Putin schwitzte.

Roland V. Weber am 03. Juni 2022

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Laveba 03/2022


Putins zweite Frau Alina Kabajewa hatte sich vorübergehend ihrer schwarzen Abaya entledigt und machte Aerobic-Übungen auf dem Rooftop des grosszügigen Anwesens. Auch sie hatte sich Riad nicht ausgesucht. Und auch sie war etwas älter geworden, aber sie hielt sich gut. Die ehemalige Kunstturnerin, vor zehn Jahren mit ihren zwei Kindern noch unter falschen Identitäten im Tessin, reiste bereits 2022 zurück nach Moskau. Moskau einfach, hiess das früher. Und dann ging es bald nach Riad.

Jetzt langweilte sich Putin zu Tode. Er befasste sich, zur Ablenkung, immer noch intensiv mit der russischen Geschichte; er träumte vom Zarenreich und litt unter dem Zusammenbruch der Sowjetunion – das war 1991. Wie hatte sein Adlat Medwedew doch 2022 noch referiert: Man bräuchte ein „vereintes Eurasien, von Wladiwostok bis Lissabon“.

A propos Medwedew: Putin überlegte, ob er gegen Abend zum Aperitif zu seinem Kollegen rübergehen sollte. Dieser lebte nun, ebenso im Exil, gleich nebenan; nur ein kleines Sandstück trennte die beiden Villen, es war ihnen jedoch erlaubt, dazwischen hin- und her zu stapfen – durch den heissen Sand. Medwedews Villa war allerdings bedeutend kleiner.

„Wir könnten im August Putin und Medwedew besuchen“, meinte Waldmeyer zu Charlotte, „vielleicht kann man sie beobachten, wie sie in diesem Saunakäfig in Riad rauf- und runtertigern!“

„Vergiss es, Max, du wolltest doch die Alhambra buchen, Granada“, entgegnete Charlotte belustigt. Sie wusste genau, dass Max nie und nimmer zu den abstinenten Saudis reisen würde.

Lawrow, der perfide und raffinierte russische Aussenminister, Meister im Faktenverdrehen, hatte sich 2023 nach Nordkorea abgesetzt, ins letzte kommunistische und von der normalen Zivilisation abgekoppelte Land der Welt. Er erlag allerdings noch im selben Jahr einem Herzinfarkt. Man sollte sich über solche Vorkommnisse nicht freuen. Aber die ganze westliche Welt tat es. Es geschah ausgerechnet anlässlich einer kafkaesken nordkoreanischen Präsentation des Sieges Russlands über den Westen, obwohl es eine klare Niederlage war. Das Ende einer absurden Kriegsepisode war nun auch das Ende Lawrows. Seine Tochter, vor Jahren noch in London gesehen, Gucci-behängt, später aber sanktioniert und zurück im versehrten Moskau, lebt nun wieder in London. Sie wohnt jetzt in einer einfachen WG und studiert, immer noch im Jahr 2032, Ethnologie, finanziert von einem befreundeten Ex-Oligarchen.

Aber alles der Reihe nach. Was bisher geschah:

Russlands Überfall auf die Ukraine verlief bekanntlich nicht nach Plan. Der langwierige Stellungskrieg im Süden und Osten der Ukraine dauerte noch bis 2023. Der irre Kremlherr und seine Armee-Muppetshow boten alles auf, was es an Material und Reservisten aufzubieten gab. Vergeblich.

Inzwischen zog sich auch die ökonomische Schlinge zu: Russland wurde regelrecht ent-globalisiert und vom ganzen Welthandel abgeschnitten. Die Gestelle in den Supermärkten blieben leer, auch die letzten westlichen Firmen hatten sich aus Russland zurückgezogen, und die erst zaghaft begonnene Digitalisierung des grossen Landes wurde rückabgewickelt. Deutschland verzichtete inzwischen sogar auf Gaslieferungen. Alternativ musste der grüne Habeck zähneknirschend alle Braunkohlekraftwerke wieder anwerfen. Trotzdem waren unsere deutschen Nachbarn gezwungen, in jenem kalten Winter 2022/2023 tatsächlich einen zweiten – oder gar einen dritten – Pullover anzuziehen. Heizen war nur bis 16 Grad erlaubt. Der Vorteil der deutschen Verhaltenspsyche ist, dass diese sehr obrigkeitshörig ist. Deshalb hielten sich auch alle Deutschen an die Vorschriften.

In der Verzweiflung startete Putin einen kleinen provokativen Einmarsch von Transnistrien aus in die Moldau und feuerte seine letzten ballistischen Spielzeuge ab. Gleichzeitig schoss er von Kaliningrad aus eine „versehentliche“ Rakete nach Riga. Schon vorher war er – mit den letzten Bataillonen aus Sibirien – in Georgien einmarschiert. Damals hatte die Nato noch zugeschaut (Georgien liegt zu weit weg). Aber das mit der Riga-Rakete war nun zu viel: Die Nato veranstaltete eine „militärische Sonderoperation“ im Westen der Ukraine. Es war eine Friedensaktion und hatte nichts mit Krieg zu tun. Die schon halb verhungerten russischen Truppen glichen inzwischen einer Bourbaki-Armee, ergaben sich sofort und wurden erst mal ordentlich verpflegt. Die Ukrainer, inzwischen bestens gerüstet mit allerlei Kriegsspielzeug, deckten den Rest der feindlichen Truppen im Süden mit einem Bombenhagel ein, versenkten sämtliche russischen Kriegsschiffe im Schwarzen Meer und konnten nur mit Mühe zurückgehalten werden, gleich auch noch weiter gegen Osten nach Russland vorzurücken.

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Die russisch gesteuerten transnistrischen Truppen wurden kurzerhand von der rumänischen Armee mittels einer „Polizeiaktion“ zurückgedrängt. Die Nato zog es vor, sich hier nicht die Finger zu verbrennen. Es funktionierte; binnen 12 Stunden ergaben sich die erschöpften russischen Truppen mit ihren kaputten Geräten auch an dieser Front. Das Rote Kreuz zog gleich hinten nach, und die Schweiz schickte Lawinensuchhunde (die kann man nämlich auch bei eingestürzten Gebäuden gut einsetzen).

Inzwischen warfen die USA im Auftrag des Roten Kreuzes (im Rahmen einer 24-Stunden-Luftbrücke) über Moskau und St. Petersburg Hilfspakete ab; insbesondere die russischen Städter, welche über keine Dacia auf dem Land verfügten, verhungerten regelrecht.

Nun war die Maske Russlands endgültig ab. Die russische Armee, so hatte sich gezeigt, war seit Dezennien nur ein einziger Bluff gewesen, ein Sauhaufen von Analphabeten-Soldaten mit Uraltgeräten, kommandiert von versoffenen und korrupten alten Generälen. Das Autokratenreich hatte offenbar ein riesiges potemkinsches Fake-Dorf aufgebaut, das ausser Rohstoffen nichts produzieren und exportieren konnte. Inzwischen wurde auch die Ladaproduktion eingestellt. Nichts mehr wurde importiert, nichts ging mehr raus. Ausser die Rohstoffe.

Jetzt war es für Putin an der Zeit, entweder zu kapitulieren, Zyankali zu schlucken oder zu fliehen. Er floh. Saudi-Arabien bot ihm Asyl. Der ganze Armeestab floh indessen nach Syrien; Präsident Assad zeigte sich grosszügig, denn endlich konnte er sich revanchieren, und dort ist es eh wärmer. Ärgerlich war nur, dass sich der ganze Armeeclan gleich an der schönen syrischen Mittelmeerküste festsetzte, in Tartus – dort unterhielt Putin bereits seit 2019 eine Luftwaffenbasis. Waldmeyer ist der Meinung, dass Syrien generell unterschätzt wird, verfügt das Land doch über rund 200 km Küste am Mittelmeer. Die Armeeschergen lebten dort nun in Saus und Braus, konnten sie doch Dutzende von Paletten mit USD mitnehmen. Die meisten russischen Köpfe des Geheimdienstes tauchten übrigens unter.

Und dann geschah es: Aus dem Kreml hörte man nichts. Tatsächlich war der Kreml nun führungslos und die Nato musste plötzlich mit unbekannten Köpfen verhandeln. Der inzwischen von FSB auf RSF (Russischer Staatsfreund) umbenannte Geheimdienst holte Nawalny aus dem Gulag zurück und versuchte, ihn als neuen Präsidenten zu installieren. Ein taktisch kluges Manöver, denn so konnte mit dem Westen wieder auf „normal“ geschaltet werden. Kriegsverbrechen wurden vordergründig untersucht, bis heute sitzen indessen nur ein paar subalterne Armeeangehörige in Den Haag und warten auf ihren Prozess.

Nawalny sagte zu. Aber er hielt noch am selben Tag seiner Wahl in der provisorischen Duma eine vernichtende Rede gegen das neue Regime, welches offenbar ebenso korrupt war wie das alte, und er trat am gleichen Abend noch zurück. Nawalny lebt nun in Los Angeles und versucht, zusammen mit ein paar bekehrten Oligarchen, eine Exilregierung aufzubauen. Die Amerikaner helfen dabei.

Russland war am Boden. Es erfuhr den perfekten wirtschaftlichen Kollaps. Im Jahre 2032 war das grösste Land der Erde nur noch eine Tankstelle für China. Das lächerliche BIP Russlands betrug schon 2022 nur das Doppelte der Schweiz, halbierte sich indessen bis 2032, stabilisierte sich dann aber auf rund 800 Mia USD – knapp unterhalb des Niveaus der Schweiz.

Der militärisch, politisch und wirtschaftlich implodierte Unstaat war nun zu Reparationszahlungen an die Ukraine verpflichtet. Anstatt wie früher in die Privatkassen der Nomenklatur und der Oligarchen gingen nun genau 19 Cent pro Liter Öl, welches Russland exportierte, in den ukrainischen Aufbaufonds. Fürs Gas, das nun wieder vereinzelt in den Westen gepumpt wurde, gab es eine äquivalente Abgabe. Waldmeyer rechnete: Ein Barrel Öl hat 159 Liter, macht gut 3 USD Abgabe pro Barrel (der Marktpreis für das Barrel lag inzwischen bei rund 150 USD, die Abgabe war also verkraftbar). Dieser Fonds, eine Art Marschallplan, wurde übrigens von unserem ehemaligen Notenbankpräsidenten Philipp Hildebrand geleitet; gespeist wurde er ebenso von den konfiszierten Oligarchengeldern aus vielen westlichen Ländern. Auch die Schweiz kam nicht darum herum, die eingefrorenen 28.6 Mia USD einzuzahlen. Im Beirat des Aufbaufonds sassen auch Merkel und Scholz, dort gab es allerdings nichts zu entscheiden, was den beiden sehr entgegenkam. Selenski freute sich, es kamen so rasch Milliardenbeträge zusammen. Hildebrand zwar inzwischen sein bester Freund.

Selenski traute der Sache allerdings noch nicht ganz und hielt täglich immer noch engagierte Ansprachen in seinem olivgrünen Battle-Dress und weihte, am Laufband und immer telegen, Schulen, Spitäler und Einkaufszentren ein. Er prügelte die ukrainische Wirtschaft virtuos voran, das Land konnte sich binnen kurzem zu einem florierenden Industrievorhof Westeuropas entwickeln. Die Ukraine hatte kurz nach dem Krieg den Euro übernommen (ohne der EU beitreten zu können), was dem inzwischen assoziierten Land den Austausch von Waren und Dienstleistungen erheblich erleichterte. In Russland zirkulierte, pro memoria, ab 2023 praktisch nur noch der USD, der Rubel kannte einzig im Raum Wladiwostok noch eine gewisse Verbreitung.

Putins Privatinsel in Gelendschik am Schwarzen Meer - eine palastähnliche Festung, von gigantischem Ausmass und mit allem Luxus ausgestattet – wurde zur Touristenattraktion. Es war ein verzweifelter Versuch der neuen russischen Regierung, sich vom alten Regime zu distanzieren und gleichzeitig Devisen einzunehmen. TUI kaufte die Insel für einen unbekannten Milliardenbetrag und fliegt nun Tausende von neugierigen westlichen Urlaubern ein. Hier kann man bestaunen, was im Sozialismus alles möglich war. Eine erweiterte Tour, die man buchen kann, schliesst die Besichtigung des weltgrössten Panzerfriedhofs in der nahen Südukraine ein; für hartgesottene Touristen wird eine nochmals erweiterte Tour im zerbombten Mariupol angeboten. Hier können allerlei Rundfahrten gebucht werden; diese erfolgen auf erbeuteten russischen Schützenpanzern, gelenkt von begabten und bildhübschen ukrainischen Soldatinnen.

Nun hatte Waldmeyer plötzlich einen Plan: „Charlotte, ich habe das mit der Alhambra überlegt, idealer im August wäre ein ganz anderer Ort. Lass uns doch nach Gelendschik ans Schwarze Meer gehen! Da gibt es ein interessantes erweitertes Programm.“

Jetzt fand es Charlotte nicht mehr lustig - denn Waldmeyer war es todernst.

Stölzle /  Brányik
Autor/in
Roland V. Weber

Roland V. Weber (*1957) verbrachte einige Zeit seines Lebens mit ausgedehnten Reisen. Aufgewachsen in der Schweiz, studierte er Betriebswirtschaft in St. Gallen und bekleidete erst verschiedene Führungspositionen, bevor er unabhängiger Unternehmensberater und Unternehmer wurde. Er lebt in den Emiraten, in Spanien und in der Schweiz. Seit Jahren beobachtet er alle Länder der Welt, deren Wirtschaft, Politik und Gesellschaft. Er bezeichnet sich selbst als «sesshafter digitaler Nomade», als News Junkie, Rankaholic und als Hobby-Profiler.

Roland Weber schreibt übrigens nur, was er auch gerne selbst lesen würde – insbesondere, wenn Sachverhalte messerscharf zerlegt und sarkastisch oder ironisch auf den Punkt gebracht werden.

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