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Die Akzeptanz des Inakzeptablen

Warum die Maske im Gesicht alles andere als «normal» ist

Sie ist keinerlei Einschränkung, sie ist kein Problem, und sie soll zum selbstverständlichen Teil unseres Alltags werden: Die Gesichtsmaske. Das wollen uns die Regierenden, aber auch viele Mitmenschen weismachen. Nur: Sie liegen falsch.

Stefan Millius am 30. Juni 2021

Singapur macht es vor. Der Stadtstaat hat aufgehört, rund um Corona Erbsen zu zählen. Es werden keine Infektionszahlen mehr addiert, keine Toten ausgewiesen. Singapur hat eingesehen: Es kursiert ein Virus, das die einen stärker und die anderen schwächer belastet, und es gilt, damit zurecht zu kommen. Und zwar nicht, indem man die Gesellschaft abwürgt. Man behandelt das Coronavirus in Singapur nun wie – sorry, viele mögen das nicht hören – das Grippevirus. Es ist da, es kursiert, basta. Singapur ist eine einsame Insel der Vernunft.

Anderswo, auch bei uns, möchte man lieber einen verzweifelten Kampf führen. Einen absurden Versuch der Ausmerzung. Man will einem Virus den Garaus machen und pflügt damit ganze bisher gesunde Landschaften bis zur Unkenntlichkeit um. Die Gesellschaft, die Wirtschaft, das Sozialleben, die Psyche des einzelnen: Es ist völlig egal, was unter die Räder kommt, Hauptsache, man kann sagen, man habe das Virus bekämpft. Dieses sitzt derweil am Wegrand und lacht. Mit gutem Grund.

Das sichtbarste Symbol dieses Kampfes ist die Maske. Sie ist längst in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Es spielt inzwischen keine Rolle mehr, welche Lockerungen der Bundesrat beschliesst, es herrscht eine Eigendynamik. Die Panikmache war so effizient, dass ein grosser Teil der Bevölkerung die Schutzmaske tragen will, Vorschrift oder nicht. Auch in einsamen Seitengassen, auf dem Velo, auf einem Wanderweg fernab der Zivilisation. Die heraufbeschworene Gefahr ist zum Selbstläufer geworden. Viele wittern sie inzwischen überall. Nur nicht dort, wo sie wirklich existiert. Jede Fahrt mit dem Auto, jeder Schritt über den Fussgängerstreifen birgt mehr Risiken für Leib und Leben als der Verzicht auf eine Maske im Gesicht. Aber das spielt keine Rolle. Der gesunde Menschenverstand hat sich verabschiedet.

Die Bürgerpolizei geht förmlich auf in der Mission der Maske. Böse Blicke und Worte gegen Maskenlose im öffentlichen Verkehr sind zum Alltag geworden. In jedem dieser Verweigerer steckt aus ihrer Sicht ein kleiner Attentäter, unsolidarisch, rücksichtslos, Verbreiter einer tödlichen Seuche. Man kann gegen diese Sicht der Dinge ankämpfen mit nackten Zahlen, man kann aufzeigen, dass rückblickend keine Rede von einer signifikanten Übersterblichkeit in irgendeiner Altersgruppe die Rede sein kann, dass keine Statistik Corona so besonders macht, dass seit eineinhalb Jahren unterm Strich nichts historisch Neues passiert: Es bleibt alles Schall und Rauch. Nie zuvor in der Geschichte haben wir so viel gewusst und so wenig verstanden wie im Jahr 2021.

Und selbst Leute, die leise Zweifel an der Sinnhaftigkeit haben, sagen: «Was solls, lasst uns die Maske tragen, einfach sicherheitshalber, was nichts nützt, schadet nichts.»

Aber das ist nicht die Wahrheit. Natürlich schadet es.

Die Wahrheit ist, dass Kinder unnötigerweise in einer Welt der verborgenen Gesichter aufwachsen. Die Wahrheit ist, dass sich Erwachsene bereitwillig nicht mehr nur einem sinnlosen Verdikt unterwerfen, sondern sogar dessen Vorreiter spielen. Sie suhlen sich in der Rolle der «besseren Menschen», sie fühlen sich wohl im vorauseilenden Gehorsam. Sie haben aufgehört, selbst zu denken und begonnen, ein absurdes Regelwerk so zu verinnerlichen, dass es nicht mal mehr Regeln braucht. Sie haben sich selbst aufgegeben und begegnen Menschen, die das nicht tun, mit Angst, Wut und Hass.

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Man muss nicht einmal das Offensichtliche benennen. Tatsachen wie die, dass nichts wertvoller ist als frische Luft, dass wir nicht stundenlang in Stoff oder Plastik atmen sollten, dass die Interaktion zu einem grossen Teil über die nun verborgene Mimik läuft. Das alles ist so selbstverständlich, dass man es am liebsten jedem entgegen schreien würde, der einen strafend ansieht, wenn man keine Maske trägt. Das macht müde.

Viel schwerer wiegt, wie verzweifelt die Leute, die uns führen sollten, an diesem Märchen festhalten. Wie sie das griechische Alphabet, im Notfall verbunden mit dem Pluszeichen, bemühen, um uns einzureden, dass zwar die – von ihnen selbst erfundenen – Fallzahlen sinken, aber nun erst recht das wirklich Böse auf uns wartet, lauernd hinter einer Mauer. Was ist von einer Regierung zu halten, die uns um jeden Preis in Panik halten will? Die uns keine Verschnaufpause gönnt, sondern im Wochentakt neue Horrorszenarien hervorzaubert, um uns ein Verhalten aufzuzwingen, das zu keinem Zeitpunkt Sinn gemacht hat? Tut sie das, um uns zu schützen? Aber wovor denn bitte, wenn wir die nackten Zahlen seit Frühjahr 2020 konsultieren?

Schützt man uns nicht viel eher vor der Freiheit, die wir uns über Jahrhunderte erkämpft haben?

Es ist erstaunlich, welchen Würgegriff eine staatlich verordnete Panikmache im Zusammenspiel mit gehorsamen Medien ausüben kann. Wie ein Symbol der Unterwerfung wie die Maske zum selbstverständlichen Accessoire werden kann. Wie sich viele Bürgerinnen und Bürger als verlängerten Arm der reinen Willkür verstehen und mitziehen. Und wie der selbständig denkende Teil der Gesellschaft marginalisiert und diffamiert wird.

Die Maske ist nicht harmlos. Alles andere als das. Sie ist der sichtbar gewordene Beweis dafür, dass Jahrmillionen der Evolution zu einem Nichts verpuffen, wenn Macht und Medien zusammenspannen. Wie es keine Rolle mehr spielt, was stimmt, nur noch, was uns vermittelt werden soll. Wie völlig blind wir blinden Führern folgen.

Und gegen diese erstaunliche Kraft kann übrigens auch dieser Text nichts ausrichten.

Stölzle /  Brányik
Autor/in
Stefan Millius

Stefan Millius (*1972) ist Chefredaktor von «Die Ostschweiz».

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