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Zeyer über Demonstrationen in pandemischen Zeiten

Was habt Ihr St. Galler nur getan?

Zürich ist entrüstet. Zumindest der «Tages-Anzeiger», und das ist ja das Sprachrohr der Zürcher. Zwar von immer weniger, aber dafür umso lauter. Und Rapperswil liegt zwar am Zürichsee, gehört aber zur Ostschweiz.

René Zeyer am 27. April 2021

Wir sind mal wieder entsetzt. Wirklich wahr. Denn es gibt «Fatale Signale aus Rapperswil». Dort ist Schlimmes passiert. Es fand eine Demonstration statt. Gut, das gehörte früher zu den Grundrechten von Staatsbürgern. Aber wir leben nun mal in den Zeiten von Corona, und da geht so etwas nicht.

Denn es war eine Manifestation von über 4000 «Massnahmen-Kritiker». Darüber könnten wir Zürcher vielleicht noch hinwegsehen. Aber es war «ein Exzess der Demonstrierenden mitten in der Pandemie». Sagt der Tagi, und dann muss das auch stimmen. Das hört sich verdächtig nach Orgie an, und da sind wir zwinglianischen Verteidiger von Sittlichkeit und Anstand alarmiert.

Bei uns, wie vormals in St. Gallen auch, wird gegen einen solche Sittenzerfall, gegen maskenfreie und unverantwortliche Corona-Leugner durchgegriffen. Polizei, auflösen, niederknüppeln, verhaften. Tränengas und Wasserwerfer, notfalls auch Gummischrot. So macht man das. So lebt die Polizei ihrem Auftrag nach, die Einhaltung der Gesetze durchzusetzen.

Aber stattdessen? Es ist uns peinlich, stattdessen liess sich die Polizei – abknutschen. Oder um es in den Worten des entsetzten Tagi zu sagen: ««Exemplarisch das Bild eines am Rande stehenden Polizisten, der von einer Massnahmengegnerin umarmt und mit einer Rose beschenkt wird. Er lächelt und rückt seine Maske zurecht, die wegen der spontanen Liebesbekundung verrutscht.»

Ist das zu fassen? Er lässt sich umarmen und zückt nicht den Reizgasspray? Er lässt sich eine Rose schenken, und wo ist sein Knüppel? Seine Maske verrutscht, die gewissenlose Übeltäterin hüpft von dannen, er eilt nicht hinterher, um sie sofort mit Kabelbindern einzuschnüren und zur Verhaftung parat zu machen?

Was hat St. Gallen sich nur dabei gedacht? Das sind doch ganz fatale Signale, sagen wir Zürcher. Keine Maske getragen, und kein Knüppelhieb lehrte die Gesetzesübertreter Mores. Und die «virologischen Argumente»? Hä? Nicht dran gedacht, Ihr Ostschweizer Narren. Aber am schlimmsten, wirklich pfui ist:

Für alle, «die in Spitälern arbeiten oder behandelt werden», nun kommt der Journalisten-Modalverb-Trick, «dürfte ein solcher Menschenauflauf wie Hohn klingen». Also, was habt Ihr nun mit einem hohnklingenden Menschenauflauf gemacht? Nichts. Was hättet Ihr machen sollen: «Eine Durchsetzung des Verbots hätte ein wichtiges Signal ausgesendet.»

Wäre doch so einfach gewesen. Statt fatale Signale über einen hohnklingenden Menschenhaufen auszusenden, hätte Ihr ein Mal, ein einziges Mal auf uns hören sollen und stattdessen ein wichtiges Signal ausgesendet. Natürlich hätten wir dann im Tagi geschrieben: «Polizei greift brutal gegen friedliche Demonstranten durch.» Wir hätten auch geschrieben: «Nach dieser Schadensbilanz ist die Verhältnismässigkeit bei der Auflösung einer zwar untersagten, aber fröhlich von der Bevölkerung akzeptierten Demonstration nicht gegeben.»

Macht Euch nichts draus, natürlich könnt Ihr es uns nie Recht machen. Logisch, wer Bratwurst ohne Senf isst, den kann man nicht ernst nehmen. Fragt da einer, wieso wir uns denn so furchtbar aufregen? Ist doch nichts passiert, alles friedlich, Demonstranten sind weg, kein Sachschaden, nichts.

Ha, ihr blinden Verantwortungslosen, rufen wir Euch zu. Erinnert Ihr Euch an Liestal oder Altdorf? Eben. Erinnert Ihr Euch auch, dass dort kurz nach den Demonstrationen das Gesundheitssystem fast zusammenbrach, vor den Intensivstationen sich herzerweichende Szenen abspielten, nach Luft ringende Infizierte von hilflosen Schwestern Hustensaft eingeflösst bekamen?

Nein, erinnert Ihr Euch nicht? Habe auch nicht stattgefunden? Ihr verdammten Rechthaber, also wir sind ja von Natur aus friedlich und gehen jedem Streit aus dem Weg. Aber müssen wir Euch an den Villmergenkrieg erinnern? Wollt Ihr nach dem St. Galler Globus noch mehr Sachen loswerden? Dann macht nur so weiter. Wir werden Euch, darauf könnt Ihr Senf nehmen, nicht abknutschen. Niemals.

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Stölzle /  Brányik
Autor/in
René Zeyer

René Zeyer (1955) ist Publizist, Bestsellerautor («Bank, Banker, Bankrott») und Kommunikationsberater. Er lebt in Zürich und gibt die medienkritische Plattform ZACKBUM.ch heraus.

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