logo

Kommentar

Wenig Kommunikation, viel Dilettantismus: Eine Krise mit Vorzeichen

Wenige Wochen nach dem definitiven Aus für das Spital Wattwil an der Urne ist nun wieder alles anders als geplant. Was aus dem teuer erneuerten Spital wird, ist offener denn je. Wer die Schuld bei den Wattwilern sucht, liegt falsch. Die wären offen gewesen für vieles – aber wurden ausgelassen.

Stefan Millius am 20. Juli 2021

Die Klinikgruppe Solviva witterte ein gutes Geschäft im ehemaligen Spital Wattwil. Ein aufwändig saniertes und erweitertes Gebäude zum Schnäppchenpreis ergattern und dort ein hochspezialisiertes Angebot aufziehen: Das klingt gut. Was die Gesundheitsunternehmer nicht auf der Karte hatten: Den borstigen Widerstand aus Wattwil und dem weiteren Toggenburger Umkreis. Dort wollte und will man stets nur eines: Eine gute Abdeckung der Gesundheitsversorgung im geografisch nicht eben bevorteilten Lebensraum. Davon steckte einfach relativ wenig in den Absichten der St.Galler Regierung zusammen mit der privaten Gruppe.

Bei der Solviva – jedenfalls nach der offiziellen Lesart – ahnte man wohl, dass eine Zusammenarbeit vor Ort schwierig wird, die Pläne wurden begraben. Der Wattwiler Gemeinderat, viele ansässige Ärzte und Lokalpolitiker hatten stets deutlich gesagt, was sie vom Deal des Kantons St.Gallen mit der privaten Klinikgruppe halten. Und das ist nicht viel. Es hätte wohl einiger Reibungsverlust gedroht. Solviva will Geld verdienen und sich nicht täglich mit Widerstand herumschlagen. Also Reissleine ziehen und das nächste Projekt anpeilen.

Die Reaktionen fallen unterschiedlich aus. Selbst im Toggenburg. Die regionale FDP schreibt in einer Stellungnahme, man nehme «konsterniert zur Kenntnis, dass die Gespräche zum Kompetenzzentrum für Gesundheit, Notfall und spezialisierte Pflege (GNP) gescheitert sind. Es gilt, Gesundheitsversorgung und Arbeitsplätze zu sichern. Nun muss der Gemeinderat Wattwil aufzeigen, wie er dies umsetzen will.»

Das ist eine ziemlich kreative Forderung, die an allem vorbeigeht, was bisher passiert ist. Denn der Gemeinderat Wattwil hat in den vergangenen Monaten fast pausenlos verlauten lassen, was ihm vorschwebt, und das in einem für ein lokales Gremium zum Teil erstaunlichen Detaillierungsgrad. Nur hat ihm niemand zugehört.

Namentlich die St.Galler Regierung hat die Wattwiler nie wirklich ins Boot geholt. Es gab immer wieder Gerüchte darüber, wie nahe sich einzelne Personen auf der Lohnliste des Kantons und die Führungsriege der Solviva seien. In der Tat wurde immer so getan, als führe kein Weg an genau diesem Anbieter vorbei. Er kommt ja auch beim ehemaligen Spital Flawil zum Handkuss, das zum Therapiezentrum werden soll.

Etwas bösartig formuliert könnte man sagen: Die Berner Klinikgruppe wurde exklusiv eingeladen, die durchaus werthaltigen Einzelteile einer doch eher blinden Zerstörungsaktion einzusammeln und zu vergolden. Dass man dort nicht Nein sagte, ist durchaus menschlich – beziehungsweise unternehmerisch. Die Frage ist eher, was die St.Galler Regierung dazu getrieben hat, so entschieden auf diesen und nur diesen potenziellen Partner zu setzen. Man erinnert sich an einen PR-Trip zur Solviva, zu denen Medienschaffende eingeladen waren, um sich ein Bild zu machen. Oder vielleicht besser: Um sich ein bestimmtes Bild malen zu lassen.

Tatsache ist: Immer wieder haben die Wattwiler neue Ideen in den Raum geworfen. Sie waren nicht immer ausgegoren bis ins Detail, aber als Gesprächsgrundlage geeignet. Was schwierig ist, wenn die Gespräche gar nicht erst stattfinden. Natürlich hat sich die St.Galler Regierung der Standortgemeinde des Spitals Wattwil nicht verweigert oder deren Telefonnummer blockiert. Aber sie hat auch nie Bereitschaft signalisiert, andere Pläne als die eigenen näher zu prüfen. Dabei hatte sich der Gemeinderat Wattwil, mit Ressourcen vermutlich nicht gerade verwöhnt, sich die Hacken wundgelaufen, potenzielle Anbieter kontaktiert, Konzepte in Auftrag gegeben, neue Modelle skizziert. Das durchaus aus Eigeninteresse, aber das ist auch die Aufgabe einer lokalen Behörde: Zu den eigenen Leuten schauen.

Luftschlösser waren es keineswegs, die Wattwil ins Spiel brachte. Vor bald einem Jahr war die Rede von einer regionalen Investorengruppe, die einer «Private Public Partnership» den Weg ebnen könnte. Der Fokus des so entstehenden Angebots wäre nicht derselbe gewesen wie derjenige der Partnerschaft mit Solviva, die der Kanton anstrebte – aber es wäre ein Fokus gewesen. Auch von einer Stiftung war schon die Rede. Doch weil die Ideen gar nicht erst näher geprüft wurden, ist es unmöglich zu behaupten, dass man nicht auch mit dem «Wattwiler Modell» zum Erfolg hätte kommen können.

Was jetzt geschehen ist, ist die nahtlose Fortsetzung der Serie «Pleiten, Pech und Pannen», welche die St.Galler Spitalpolitik schon lange bildet. Es ist das eine, kantonale Spitäler zu schliessen und die Gesundheitsversorgung neu zu denken. Das andere ist die Frage, was man mit den «Überresten» macht, die zurückbleiben, und diese sind aufgrund eines Volksverdikts aus dem Jahr 2014 bekanntlich ziemlich vergoldet. Es wäre das Mindeste gewesen, die Spitalstandortgemeinde ernst genug zu nehmen und ihre Arbeit zu würdigen, indem ihre Vorschläge seriös geprüft werden.

Umso mehr, als ja die Vorarbeit der Regierung und ihre eigenen Pläne nun klar ersichtlich auch nicht gerade das Gelbe vom Ei waren. Man setzte auf einen einzigen möglichen Partner, der sich nun vorsichtshalber verabschiedet, weil das Ganze vielleicht doch nicht so einfach werden könnte wie erhofft. Im Prinzip kann man froh sein darüber. Wie viel Engagement hätte Solviva in der Zukunft die strukturschwache Region Toggenburg investiert, wenn sie schon atmosphärische Spannungen im Vorfeld nicht aushält? Die Berner, sagen wir es deutlich, hätten nicht hierher gepasst. Sie wollten nicht dasselbe wie die Menschen, mit denen sie hätten zusammenarbeiten müssen.

Kritiker des Widerstands aus Wattwil monierten oft, man wolle dort reine Strukturerhaltung betreiben. Was nicht wahr ist. Natürlich wollten die Wattwiler «ihr» Spital am liebsten behalten, wie es ist. Aber sie haben durchaus pragmatisch früh nach Alternativen gesucht, nach einem Plan B, und standen dabei auch einer privaten – oder teilprivaten – Lösung nie im Weg. Man war bereit in Wattwil, etwas Neues zu wagen. Einfach nicht zwingend das, was die St.Galler Regierung servieren wollte. Und das muss möglich sein in einem föderalistischen System.

Und kann man einem Gemeinderat ein gewisses Misstrauen verübeln, wenn es um die St.Galler Spitalpolitik geht? Nachdem kurz nach dem feierlichen Eröffnungsakt rund um Sanierung und Erweiterung bekanntgegeben wurde, dass man soeben Dutzende von Millionen verlocht hat, weil der Prunkbau nicht mehr gebraucht wird? Das war eine Demütigung ersten Grades. In Wattwil hat man aber nicht lange geschmollt, sondern sich ins Zeug gelegt. Mit ziemlich wenig Widerhall.

Wer sagt, dass nun die Gemeinde Wattwil in der Verantwortung stehe, liegt nicht zwingend falsch. Das tut sie. Aber nicht nur sie. Es war die St.Galler Regierung, die einen Deal aufgleiste, der nun geplatzt ist, und dafür einem Gemeinderat die Schuld zu geben, der sich nur für seine Interessen eingesetzt hat, ist eine absurde Umkehrung der Realität.

WERBUNG
Referendum Medien

Stölzle /  Brányik
Autor/in
Stefan Millius

Stefan Millius (*1972) ist Chefredaktor von «Die Ostschweiz».

Hier klicken, um die Mobile App von «Die Ostschweiz» zu installieren.