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Zeyer zur Zeit

Wenn die Wahrheit die Story nur stören würde

Anprangern, hinrichten, schweigen. So macht «Enthüllungsjournalismus» Spass. Nur nicht allen Beteiligten. Es geht um die HSG.

René Zeyer am 08. Februar 2021

Das lieben die Enthüllungsjournalisten bei der «SonntagsZeitung». Entweder können sie durch die Auswertung von gestohlenen Geschäftsunterlagen (schönfärberisch «Leaks» oder «Papers» genannt, je nachdem, was besser alliteriert) jemanden in die Pfanne hauen.

Oder sie lassen sich anfüttern. Gefundenes Fressen für die SoZ: «Rassismus-Vorwürfe an der HSG.» Da würden ausländische Studenten zuerst mit hohen Gebühren abgezockt: «Sobald sie bezahlen, werden sie jedoch ausgegrenzt. Ein ehemaliger Student und Anwalt packt aus», entrüstete sich das Blatt am 27. 9. 2020. Die Vorgeschichte gibt es hier.

Ein brasilianischer Anwalt wollte in der Schweizer Finanzwirtschaft Fuss fassen, beginnt die SoZ ihre schröckliche Moritat. Und nimmt gleich das tragische Ende vorweg: «Doch das Studium entpuppte sich als Albtraum, an dessen Ende sich der Student aus Brasilien wegen eines Zusammenbruchs in ärztliche Behandlung begeben musste.»

Wie konnte das geschehen? Zunächst musste er Bankauszüge vorlegen, um seine Liquidität zu beweisen. Unverschämtheit. Dann fand der Unterricht nicht etwa in der HSG, sondern in «einem Geschäftshaus in der Stadt» statt. Unglaubliche Zustände. Aber das war erst der Anfang.

Bei einer Werbeveranstaltung einer Grossbank wurde er nicht eingeladen. Ausgrenzung übelster Art. Allerdings liefert das Opfer von Rassismus gleich eine Erklärung für diese Diskriminierung selbst. Ihm sei nämlich mitgeteilt worden, dass er den Kurs wohl nicht bestehen werde. Das hatte sicherlich nichts mit seinen Leistungen zu tun, sondern garantiert mit seiner Herkunft und Hautfarbe.

Das stürzte ihn dann «völlig verunsichert» in eine «tiefe Krise». Seine Hilferufe verhalten an der HSG ungehört, erst ein Arzt diagnostizierte ein Burn-out. Daraufhin wollte er wenigstens einen Teil seiner Studiengebühren zurück, «doch seine Betreuer hätten das nicht einmal in Erwägung gezogen». Soweit diese Schweinerei. Nun spürt man hier deutlich das Stirnrunzeln des Oberchefredaktors: Ist das ein Einzelfall oder eine Welle?

Natürlich eine Welle. Aber leider eine anonyme. Denn «mehrere weitere ehemalige MBA-Studenten schildern ebenfalls negative Erfahrungen». Ein «Student aus Indien» beklage «institutionellen Rassismus» an der HSG. Beweis: er sei Zeuge gewesen, wie ein muslimischer Student vom Lehrer als «langsam» bezeichnet worden sei. Wir können nur hoffen, dass das nicht auch im Burn-out geendet hat.

In dieser Liga, Behauptungen vom Hörensagen, schwingt sich der Autor vom Einzelfall zum institutionellen Problem auf. Natürlich hat er auch eine Stellungnahme der HSG abgeholt. Die zuckte erschrocken zusammen, «diese uns nicht bekannten Vorwürfe nehmen wir sehr ernst». Man werde das sorgfältig abklären.

Genau vier Monate später liegt das Ergebnis einer hochkarätig besetzten, externen Untersuchungskommission vor. Resultat: Die Untersuchung ergab, «dass keiner der im besagten Artikel der Sonntagszeitung behaupteten Vorwürfe sich bestätigt hat. Weder für eine Ausgrenzung, rassistische Aussagen noch Benachteiligungen des im Zeitungsartikel erwähnten ehemaligen MBA-Studierenden konnten Indizien oder gar Beweise gefunden werden.» Zudem lege man grossen Wert auf die Feststellung, dass man mit ihm immer freundlich und klar kommuniziert habe. So die Medienmitteilung der HSG.

Was meint denn nun die SoZ, beziehungsweise der Autor dazu? Er habe Einsicht in den Bericht verlangt, die HSG das abgelehnt, «der Bericht sei strikt vertraulich». Dann klagt er an: «Weder der Autor noch die betroffenen Studenten wurden von der Untersuchungskommission kontaktiert. Wie kann eine Kommission Rassismus-Vorwürfe untersuchen, wenn die betroffenen Studenten selbst gar nicht angehört wurden?» Auf den ersten Blick berechtigte Fragen von Cyrill Pinto.

Im Licht der Antworten der Medienstelle der HSG, der ich diese Stellungnahme vorlegte, dann doch weniger. Der Bericht sei explizit als strikt vertraulich bezeichnet und habe als Adressat «die Universitätsleitung als Auftraggeberin». Gut, aber die Betroffenen?

«Die in Ihrem (meinem, R.Z.) Mail genannten Personen sind mit ihren Vorwürfen nie weder namentlich noch anonym an die Universität herangetreten oder haben der Universität gegenüber Missstände zur Anzeige gebracht. Sie haben deshalb in diesem Verfahren keine Parteistellung und somit auch kein Einsichtsrecht in den Schlussbericht.»

Daraufhin wird noch ein Loblied auf Prof. Evenett gesungen, der bereits 2017 «den Wunsch, sich in absehbarer Zeit aus der Programmleitung zurückzuziehen», geäussert habe. Also keinerlei Zusammenhang mit diesen Ereignissen.

Also doch wieder die alte Leier. Studenten haben etwas zu meckern. Vor allem will der Protagonist dieser Rassismus-Story in der SoZ das eigene fachliche Versagen offensichtlich als Ausdruck von Rassismus erklären. Da natürlich ein Fall nicht reicht, zerrt die SoZ weitere anonyme Beschuldigungen oder den Eintrag in einen Blog in Indien heran. Fertig ist die Anklage.

Dann sei dieser Bericht nicht herausgerückt, und die «eigentlich Betroffenen» seien nie kontaktiert worden. Damit insinuiert der Autor: Da soll im Geheimen Weisswäscherei betrieben werden, ohne den Kritikern Gehör zu geben. Zudem gebe es sicher einen Zusammenhang mit dem bevorstehenden Rücktritt des Professors.

Ein weiterer Beitrag zu: never let the truth spoil a good story. Laut HSG haben sich der namentlich erwähnte Kritiker genauso wenig wie die anonymen direkt an die Uni gewandt. Eine vertrauliche interne Untersuchung über Fehlverhalten bei Tamedia würde auch nicht auf Anfrage an die Öffentlichkeit durchgereicht.

Überzeugende Argumente, die den Verdacht aufkommen lassen, dass sich die SoZ einmal mehr instrumentalisieren liess, weil ein gescheiterter Student im Nachhinein der HSG noch ans Bein pinkeln will. Die HSG bekleckert sich ja regelmässig nicht mit Ruhm und Ehre. Spesenskandale, ein Versagerrat bei Raiffeisen darf fröhlich bis zu seiner Pensionierung an der HSG das lehren, was er selber nicht geschafft hat: wie man ordentlich eine Firma führt und kontrolliert.

Aber diese Art von Kritik schadet nicht der HSG, sondern dem Ruf der Medien insgesamt. Einmal mehr. Aber da lebt es sich schon lange recht ungeniert.

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Stölzle /  Brányik
Autor/in
René Zeyer

René Zeyer (1955)  ist Publizist, Bestsellerautor («Bank, Banker, Bankrott») und Kommunikationsberater. Er lebt in Zürich und Havanna.

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