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Karin Federer | Walter Zoo

Wie es ist, mit einem Schimpansen gross zu werden

Der Walter Zoo ist über die Landesgrenze hinaus bekannt. Karin Federer wurde nicht nur jüngste Zoodirektorin der Schweiz, sondern ist sozusagen im Zoo aufgewachsen. Dabei konnte sie viele lehrreiche Begegnungen verzeichnen – bekam aber auch die Schattenseiten zu spüren.

Manuela Bruhin am 21. Juni 2021

Legendär waren die Besuche in der Turnhalle jeweils für die Schüler, wenn man auf Tuchfühlung mit einer Schlange oder gar einem kleineren Krokodil gehen konnte. Möglich gemacht hat dies der Walter Zoo, oder der «Tierli Walter», wie er in der Region genannt wird. In regelmässigen Abständen wurden die ortsansässigen Schulen besucht, um Wissenswertes über wilde Tiere zu erzählen. Wie fühlt sich eine Schlange an? Und was frisst ein Krokodil? Die Antworten darauf könnte Karin Federer wohl im Schlaf weitergeben – schliesslich ist sie im Walter Zoo gross geworden. Ihr Grossvater Walter Pischl gründete 1961 den Zoo, 1985 übernahmen ihre Eltern das Ruder. Zusammen mit ihrer Schwester Jeannine ist Karin seit einigen Jahren in der Geschäftsleitung vertreten und wurde mit Anfang 30 die jüngste Zoodirektorin der Schweiz.

«Tschibbi», die Schimpansin

Ihre Kindheit beschreibt die Gossauerin als schön: «In einem Zoo aufzuwachsen, ist sicherlich nicht alltäglich.» Es sei immer etwas los gewesen, viele tolle Erlebnisse konnte sie mit verschiedensten Tieren verbuchen, welche sie stark geprägt haben. Besonders in Erinnerung geblieben ist ihr dabei ein junger Schimpanse, der von seiner Mutter nicht richtig versorgt wurde. «Tschibbi» wurde von der Familie mit der Hand aufgezogen, sie verbrachte die ersten Jahre gar im Haus der Federers. «Ich war damals etwa fünf Jahre alt und wir sind quasi für eine gewisse Zeit zusammen aufgewachsen», erinnert sich Karin Federer.

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Jeannine  und Karin

Jeannine  und Karin Federer

Da erstaunt es nicht weiter, schlug sie später schliesslich den Weg als Tierärztin ein. Doch nicht immer herrscht eitel Sonnenschein, wenn man die Kindheit im Zoo verbringt. 1993 beispielsweise machte man schwierige Zeiten durch, es gab unter anderem Fehlkalkulationen für die Schimpansenanlage. Das Unternehmen geriet in finanzielle Schieflage. «Wird man in einem Zoo gross, hat das definitiv auch seine Schattenseiten», bringt es Federer auf den Punkt. «Gerade die Geldsorgen waren nach dem Bau der Schimpansenanlage sehr gross. Auch die Anspannung, die bei meinen Eltern bei schlechtem Wetter und den damit verbundenen tiefen Besucherzahlen fühlbar war, war nicht angenehm.» Sie erinnere sich an viele Abende, an denen die Sendung Meteo und die damit verbundenen Wetter- und folglichen Besucheraussichten einen grossen Einfluss auf die Gemütslage der Eltern hatte. «Es ging ums Überleben des Zoos. Und da war jeder Schönwetter-Sonntag mit vielen Besuchenden sehr wichtig», erinnert sich Federer.

Der Druck des Erfolgs

Ein Bereich, welcher sich im Laufe der Jahre deutlich entspannt habe. Man sei heute nicht mehr so stark wetterabhängig wie in der Vergangenheit. Der Zoo könne die Schwankungen besser auffangen, der Betrieb sei gewachsen und in seiner Struktur und Grösse professioneller. Doch die Sorgen eines Unternehmers sind geblieben, wie jüngst natürlich auch die Corona-Krise verdeutlicht. «Als Direktorin liegt mir sehr viel daran, den eingeschlagenen Weg konsequent weiter zu verfolgen. All das, was ich von meinen Eltern lernen durfte, hilft mir natürlich jetzt sehr», so Federer.

Ein Weg aber auch, der gewissen Druck erzeugt. Gründer Walter Pischl war bekannt dafür, viel in der Weltgeschichte herumzureissen, um sein Wissen dann weiterzugeben. Mit Anfang 30 Zoodirektorin zu werden, heisst gleichzeitig auch, eine grosse Verantwortung zu übernehmen und sesshaft zu werden. Das «Weltenbummler-Gen» des Grossvaters habe sie definitiv geerbt, glaubt Karin Federer. Und sie habe schon einige Flecken der Erde entdecken dürfen. «Ich bin aber auch immer mehr davon überzeugt, dass wir auf unseren ökologischen Fussabdruck achten und nicht jedes Land bereisen müssen. Verständnis und Interesse für die Vielfalt der Erde kann auch hier in der Schweiz geweckt werden.» Als Beispiel nennt sie – ganz Geschäftsfrau – natürlich einen Zoobesuch. Sie beschreibt sich selber als kein rebellisches Kind. In die Fussstapfen ihrer Eltern zu treten, war für sie vielmehr ein «Dürfen» - und kein «Müssen».

Die Arbeit innerhalb der Familie

Den Ausgleich zu ihrem manchmal stressigen Berufsalltag findet Karin Federer in der Natur. Seit drei Jahren beschäftigt sie sich intensiv mit den einheimischen Vögeln. «Das Beobachten und Bestimmen dieser Tiere bereitet mir sehr viel Freude. Gerade im Frühling berührt mich ihr vielseitiger Gesang.» Auch beim Joggen und Wandern fände sie einen guten Ausgleich zu ihrem Job.

Auch ihre Schwester Jeannine ist in der Geschäftsleitung des Zoos vertreten. Da sich beide jedoch sehr unterscheiden, war sogleich klar, wer welchen Bereich und Kompetenzen übernehmen wird. «Dennoch gab es natürlich auch Momente, in denen es einfacher gewesen wäre, wenn jeder seinen eigenen Weg gegangen wäre», sagt Federer. «Dadurch, dass wir aber beide auch unsere Zeit ausserhalb des Zoos hatten, geniessen wir es jetzt umso mehr, dass wir gemeinsam Projekte im Zoo meistern dürfen.»

Künftige Veränderungen

Als grosse Herausforderung nennt Karin Federer die Corona-Krise. Sie hat aber auch verdeutlicht, wie gross der Zusammenhalt innerhalb des Teams und die Unterstützung der Bevölkerung ist. «Ich trage viel Verantwortung, doch weiss ich auch, dass ich damit nicht alleine bin.» Und diese Verantwortung wird auch künftig nicht kleiner. Im vergangenen Jahr wurde der Masterplan bis 2040 fertig gestellt. Nebst der baulichen Weiterentwicklung des Zoos stehen die Bildung der Besuchenden und die Unterstützung von Natur- und Artenschutz-Projekten im Zentrum. «Ich wünsche mir, dass ich diese tolle Arbeit auch in Zukunft mit meiner wunderbaren Familie und dem engagierten Zoo-Team meistern darf und uns auch in schwierigeren Zeiten der Humor und die Freude an diesem grossen Projekt «Zoo» nicht abhandenkommt.»

Stölzle /  Brányik
Autor/in
Manuela Bruhin

Manuela Bruhin (*1984) aus Waldkirch ist Redaktorin von «Die Ostschweiz».

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