logo

Betriebliches Gesundheitsmanagement

Wie gesund arbeiten wir wirklich?

In einer Zeit, in der alles schneller gehen muss, ist es gar nicht so einfach, ein gesundes Betriebsklima zu erreichen – und zu halten. Wie zufrieden sind also die Ostschweizer mit ihrer Arbeitssituation? Annette Nitsche vom Betrieblichen Gesundheitsmanagement Ostschweiz  im Interview.

Manuela Bruhin am 12. März 2021

Sie befassen sich mit dem Betrieblichen Gesundheitsmanagement. Die Corona-Krise hat unser gesamtes Arbeitsleben und -umfeld gehörig auf den Kopf gestellt. Wie hat sich Ihre Arbeit seither verändert?

Das Forum BGM Ostschweiz organisiert regelmässig Fachtagungen zu Gesundheit und Arbeit. Im letzten Jahr konnte aufgrund der Massnahmen zur Eindämmung des Covid-19-Virus keine davon durchgeführt werden. Und auch jetzt besteht eine Planungsunsicherheit. Was können wir im Sommer durchführen? Welche Veranstaltungen eignen sich für eine Online-Durchführung? Vieles planen wir deshalb zurzeit parallel und mit verschiedenen Optionen. Verändert hat sich auch der Kontakt zu unseren Mitgliedern. Wir können unsere Beratungen zur Förderung der Gesundheit im Betrieb nicht mehr vor Ort in den Unternehmen durchführen und müssen uns mit telefonischen Kontakten begnügen. Und natürlich arbeitet auch die Geschäftsstelle des Vereins zum zweiten Mal seit Wochen im Homeoffice.

Wie haben Sie die Situation vor der Krise erlebt? Kann man sagen, dass die Arbeitgeber in der Schweiz bemüht sind, in Sachen Gesundheitsmanagement etwas für das Betriebsklima zu tun?

Die heutige Arbeitswelt stellt hohe Anforderungen an die Betriebe. Kostendruck, Effizienzsteigerung, Innovationsdruck, Digitalisierung und rasche Anpassungen an den Markt sind nur einige Stichworte dazu. Bewältigt werden können diese Herausforderungen nur dann, wenn die Mitarbeitenden gesund, motiviert und leistungsfähig sind. Die Unternehmen sind deshalb gefordert, die Gesundheit ihrer Mitarbeitenden zu erhalten und zu fördern. Und die meisten Betriebe haben das erkannt. Das Forum BGM Ostschweiz führt alle drei Jahre ein Monitoring bei Ostschweizer Betrieben durch und fragt nach, wie es um die betriebliche Gesundheitsförderung steht. Im Jahr 2019 haben 84 Prozent der 665 befragten Ostschweizer Betriebe geantwortet, dass sie die Förderung und den Erhalt der Gesundheit der Mitarbeitenden als Führungsaufgabe verstehen.

Ein Ziel ist wie folgt formuliert: «Durch eine sinnvolle Beteiligung der Mitarbeitenden sollen praktikable, zielführende und akzeptierte Verbesserungen entstehen.» - Das tönt in der Theorie sehr gut. Wie wird das in die Praxis umgesetzt?

Das betriebliche Gesundheitsmanagement hat zum Ziel, Belastungen und Ressourcen im Arbeitskontext systematisch zu erfassen und mit gezielten Massnahmen Verbesserungen zu realisieren. Damit diese Massnahmen auch wirksam sind, ist es wichtig, bei den Mitarbeitenden nachzufragen, wie ihre Belastungen abgebaut oder reduziert werden können. Mitarbeitende sind die Experten und Expertinnen, wenn es um ihre Arbeit und die Gestaltung derselben geht. Im optimalen Fall werden sie deshalb so früh wie möglich an Vorhaben zur Förderung der Gesundheit am Arbeitsplatz beteiligt. Nur so können sie die Initiative ergreifen, also beispielsweise Belastungen ansprechen, eigene (Verbesserungs-)Ideen einbringen und auch eine Mitverantwortung beim Gelingen tragen. Denn der Schutz der physischen und psychischen Gesundheit ist eine gemeinsame Verantwortung von Arbeitgebern und dem einzelnen Mitarbeiter bzw. der einzelnen Mitarbeiterin. Die Verantwortung von Führungspersonen und Vorgesetzten bezieht sich dabei auf die arbeitsbezogenen Faktoren, die eine Auswirkung auf die Gesundheit haben, wie Massnahmen der Arbeitsgestaltung, der Arbeitsorganisation oder des Betriebsklimas. Die Eigenverantwortung der Mitarbeitenden dagegen bezieht sich auf die Sorge für die individuelle Gesundheit. Im Arbeitskontext heisst das vor allem, die eigenen Bedürfnisse, Ressourcen und Belastungen wahrzunehmen und diese auch zu kommunizieren.

Jetzt stehen wir wie gesagt vor ganz neuen Herausforderungen, gerade die psychische Stresssituation von vielen ist gestiegen. Was muss nun unternommen werden, um den neuen Anforderungen gerecht zu werden?

Die aktuellen Resultate des Job-Stress-Index 2020 der Stiftung Gesundheitsförderung Schweiz zeigen, dass bereits vor dem Ausbruch der Corona-Pandemie beinahe ein Drittel der Erwerbstätigen (28.7%) erschöpft war. Drei von zehn Erwerbstätigen (29.6%) wiesen zudem mehr Belastungen als Ressourcen auf – ein Missverhältnis, das auf Dauer krankmachen kann. Unternehmen und insbesondere deren Führungspersonen waren also bereits vor der Pandemie aufgefordert, darauf zu achten, dass ihren Mitarbeitenden ausreichend Ressourcen für eine gesunde Bewältigung ihrer Aufgaben und Herausforderungen zur Verfügung stehen. Im Wissen, dass sich viele der gesundheitlichen Auswirkungen der Pandemie erst mittel- und langfristig bemerkbar machen, zum Beispiel die Auswirkungen auf die psychische Gesundheit, gilt es, diese Verantwortung ernst zu nehmen.

Annette Nitsche

Annette Nitsche

Wie kann das erreicht werden?

Eine der wichtigsten Ressourcen dabei bildet der gesundheits- oder mitarbeiterbezogene Führungsstil. Führungspersonen wirken im direkten Kontakt auf das Wohlbefinden und die Motivation ihrer Mitarbeitenden ein. Zum Beispiel, in dem sie auch ein offenes Ohr für private Anliegen haben, durch einen wertschätzenden Umgang oder in dem sie Vorschläge und Kritik der Mitarbeitenden ernst nehmen. Führungspersonen nehmen auch indirekt auf die Gesundheit der Mitarbeitenden Einfluss, indem sie die Arbeitsbedingungen gestalten. Dazu gehört zum Beispiel das regelmässige Einholen von Rückmeldungen bezüglich der Aufgabenmenge und der Zeitressourcen. Und nicht zuletzt wirken Führungspersonen auch als Vorbilder. Eine ständige Erreichbarkeit suggeriert bei den Mitarbeitenden, dass dies im Betrieb erwünscht ist.

Nicht immer wird jedoch offen miteinander kommuniziert. Auf was muss geachtet werden?

Zeigen sich bei Mitarbeitenden Anzeichen einer psychischen Erkrankung, zum Beispiel durch Abweichungen im Sozialverhalten, in der Stimmungslage oder durch eine Veränderung der Leistung, dann gilt es, besonders aufmerksam zu sein. Durch die frühzeitige Erkennung einer psychischen Erkrankung und einer angemessenen Intervention kann ein positiver Verlauf begünstigt werden. Dies verhindert nicht nur Arbeitsausfälle, Konflikte und Folgekosten, es erspart den Betroffenen und ihrem Umfeld auch persönliches Leid. Im Umgang mit psychisch erkrankten Mitarbeitenden besteht häufig eine grosse Unsicherheit. Es lohnt sich deshalb, externe Unterstützung zu holen, zum Beispiel beim internen Personaldienst, dem Forum BGM Ostschweiz oder Beratungsstellen.

Vieles beruht also auf direkten Kontakt. Jetzt wurden aber viele ins Homeoffice befördert und klagen über Einsamkeit und fehlende Motivation. Wie können die Chefs ihre Mitarbeiter unterstützen?

Sie sagen es richtig, die Mitarbeitenden wurden ins Homeoffice befördert oder verpflichtet. Die aktuelle Homeoffice-Situation unterscheidet sich in vielem von einem gewollten und zwischen Arbeitgeber und Mitarbeiterin vereinbarten Homeoffice. Es ist ausserordentlich, auferlegt und zeitlich noch nicht absehbar. Gleichzeitig hat sich bei vielen die Arbeit und die Arbeitsweise wesentlich verändert. Einige leiden unter einer Mehrfachbelastung oder Einsamkeit, andere geniessen die neue «Freiheit». Das bedeutet auch, dass nicht alle dasselbe brauchen, um sich von ihrem Chef oder ihrer Vorgesetzten unterstützt zu fühlen. In der aktuellen Situation ist es deshalb ganz besonders wichtig, dass sich Führungspersonen Zeit für Einzelgespräche nehmen und nachfragen, welche Unterstützung der Mitarbeiter oder die Mitarbeiterin benötigt, um motiviert und gesund von zuhause aus arbeiten zu können.

Forum BGM Ostschweiz - Netzwerk für Betriebliches Gesundheitsmanagement

Der Verein Forum BGM Ostschweiz ist das Kompetenzzentrum in der Region, wenn es um betriebliche Gesundheitsförderung geht. Das Ziel ist die Förderung und Verbreitung von betrieblicher Gesundheitsförderung und damit eine Verbesserung der Gesundheit der Arbeitnehmerinnen und -nehmer in der Ostschweiz. Gegen einen kleinen Jahresbeitrag stellt das Forum Unternehmen und Organisationen spezifisches Fachwissen zur Verfügung. Mitglieder erhalten eine kostenlose Beratung zur Einführung eines betriebsinternen Gesundheitsmanagements und können so von den Erfahrungen des Netzwerks profitieren. Auf der Website stehen Praxisbeispiele, Hinweise auf Weiterbildungen und aktuelle Informationen rund um BGM zur Verfügung. Mitglieder haben darüber hinaus kostenlos Zugang zu aufbereiteten Fachinformationen und profitieren von diversen Vergünstigungen. Weitere Informationen unter www.bgm-ostschweiz.ch

Stölzle /  Brányik
Autor/in
Manuela Bruhin

Manuela Bruhin (*1984) aus Waldkirch ist Redaktorin von «Die Ostschweiz».

Hier klicken, um die Mobile App von «Die Ostschweiz» zu installieren.