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Die überstrapazierte Logik

Wir sind völlig frei, solange wir tun, was man uns sagt

Der jüngste Auftritt von Bundesrat Alain Berset war ein Husarenstück der verbalen Kommunikation. Selbst wenn man seine Sprachbarriere begünstigend einrechnet: Was der Innenminister jüngst gesagt hat, macht beim besten Willen keinen Sinn.

Stefan Millius am 08. Juni 2021

Eine kleine Analogie als Einstieg.

Nehmen wir an, jemand will mich zur Teilnahme an einem Marathon nötigen. Was bei meiner körperlichen Verfassung ein Persilschein zum Herzinfarkt wäre. Ich will das nicht. «Kein Problem», sagt der Jemand, «alternativ kannst du mir auch einfach jeden Monat 500 Franken überweisen, dann musst du nicht.»

Klingt schwer nach einer freien Entscheidung, richtig?

Bitte keine Bedenkzeit anfordern, die Frage war rhetorisch.

Dem Vorwurf, eine Zwei-Klassen-Gesellschaft zu schaffen, ist Bundesrat Alain Berset nun schon einige Male begegnet. Also hatte er – beziehungsweise seine Heerscharen von Kommunikationsberatern – Zeit, sich darauf vorzubereiten und eine glasklare Antwort auszuarbeiten, die diesen Vorwurf aus der Welt schafft.

Was natürlich nicht geht, weil der Vorwurf zutrifft.

Deshalb muss man sich um die Antwort winden. Man muss sprachliche Kunststücke schaffen. Man muss den indirekten Impfzwang so lange umschreiben, bis er nicht mehr nach Zwang klingt. Man muss Hilfsverben vermeiden, die danach klingen, als hätte man keine freie Wahl. «Müssen» ist so ein Wort. Sobald ich muss, habe ich keine Wahl.

Alain Berset hat das versucht – und ist grandios gescheitert. Vor den Medien erklärte er heute:

«Die Impfung ist absolut freiwillig.»

Das ist korrekt. Man wird nicht von Überfallkommandos aus dem Haus entführt und in ein Impfzentrum verschleppt. Dafür haben die Kantone auch kein Personal, das brauchen sie, um die vielen Kundgebungen mit bis an die Zähnen bewaffneten und gewaltbereiten, brutalen Demonstranten im Keim zu ersticken.

Ja, die Impfung ist freiwillig. Bis hierher alles gut. Aber der Bundesrat musste um jeden Preis noch einen draufgeben:

«Freiheit bedeutet, eine Auswahl haben zu können.»

Möglicherweise hat Alain Berset kürzlich einen Volkshochschulkurs in Philosophie belegt und dort diesen schicksalsschwangeren Satz aufgelesen. Das Problem ist nur, dass er nicht stimmt. Siehe oben mit dem Marathon. Wenn man mir die Wahl zwischen zwei Optionen gibt, bei denen ich mich zwingend (das ist das Schlüsselwort) für eine entscheiden muss, für mich aber beide weder nachvollziehbar noch akzeptabel sind, ist das keine Freiheit. Es ist die Wahl zwischen zwei Zwangshandlungen. Wer das für Freiheit hält, ist bewundernswert bescheiden.

Die Wahrheit ist: Freiheit ist es, wenn ich beide Optionen ausschlagen und mich für meine eigene entscheiden kann.

Aber es kommt noch besser:

«Die Leute können tun, was sie wollen.»

Bevor Sie nun das Haus des verhassten Nachbarn niederbrennen und im Anschluss eine Bank überfallen: Berset meinte «tun, was sie wollen» nur in Bezug auf die Impfung, er hat nicht soeben die Anarchie ausgerufen. Also auch hier: Freiheit!

Wir haben also die freie Wahl, mehr noch, wir haben die Freiheit, wir können tun, was wir wollen, wobei, Moment – er sagt in der Tat noch einmal etwas:

«Wer sich nicht impfen lassen will, muss sich testen lassen.»

Oh. Da taucht dieses Hilfsverb auf. Er muss. Der Lobgesang auf die grenzenlose Freiheit endet mit der Mitteilung, dass wir, wenn wir A nicht wollen, eben B tun müssen. Das ist die Auswahl, die laut Alain Berset Freiheit bedeutet. Einem Zwang wird ein alternativer Zwang gegenübergestellt. Ein höchst unpraktischer übrigens, der ins Geld geht, wenn man ihn oft beansprucht.

Menschen, die die Impfung für unnötig halten in ihrem Fall – das müsste theoretisch der überwiegende Teil der Bevölkerung sein – oder dem Impfstoff aufgrund der Vorgeschichte und der schon fast verzweifelt anmutenden Werbekampagne nicht trauen, haben keine Freiheit. Sie müssen sich testen lassen oder aber in weiten Teilen darauf verzichten, ihr angestammtes Leben wieder aufzunehmen, sei es mit Kultur, Gastronomie oder Reisen.

Die Frage, die bleibt: Wir werden nicht wirklich regiert von Leuten, die Freiheit so definieren?

Stölzle /  Brányik
Autor/in
Stefan Millius

Stefan Millius (*1972) ist Chefredaktor von «Die Ostschweiz».

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