logo

Sunnie J. Groeneveld

«Wir verlieren die glücklichen Zufälle»

Sunnie J. Groeneveld ist Unternehmerin, Autorin und Referentin. Sie ist Gründerin und Managing Partner der Beratungsfirma Inspire 925 sowie Verwaltungsrätin von fünf mittelgrossen Schweizer Unternehmen, unter anderem auch der Galledia AG mit Sitz in Flawil. Ein Gespräch über das digitale Leben.

Marcel Baumgartner am 28. April 2021

Sunnie J. Groeneveld, die sogenannte «digitale Transformation» umfasst unzählige Bereiche unseres Lebens. Aus einer übergeordneten Sicht betrachtet: Wie gut ist die Schweiz allgemein bei diesem Thema unterwegs?

Beim IMD World Digital Competitiveness Ranking liegt die Schweiz derzeit auf dem sechsten Platz, 2019 waren wir noch auf Platz fünf. Wir bewegen uns also aktuell in die falsche Richtung und haben auf alle Fälle noch Potenzial nach oben.

Gerade die vergangenen Monate haben gezeigt, dass jene Unternehmen im Vorteil sind, die schon vorgängig den Schritt ins digitale Zeitalter vollzogen haben. Gibt es aus Ihrer Sichtweise Branchen, die hierbei quasi eine Vorreiterrolle einnehmen?

Der Technologiebranche ist klar in der Vorreiterrolle und hat entsprechend von den letzten zwölf Monaten profitiert - das sieht man auch an der Entwicklung der Börsenwerte der Technologiefirmen über diesen Zeitraum. Die Finanz-, Professional Services, Versicherungs-, Pharma- als auch die Transportbranche (Airlines ausgenommen) gehören ebenfalls zu jenen Branchen, die eher besser durch die Pandemie gekommen sind, wobei in einigen Unternehmen digitale Versäumnisse zutage kamen. Die Handelsbranche ist durchwachsener und hat stärker als andere Sektoren den «digital divide» gespürt. Jene, die auf E-Commerce gesetzt hatten, sind gewachsen. Die anderen, darunter viele kleine Händler und Ladenbesitzer, sind in Schieflage geraten und mussten teilweise Konkurs anmelden. Am härtesten getroffen hat es aber die Kultur-, Gastronomie- und Tourismusbranche.

Und welche sind hingegen die «Hinterbänkler»?

Den grössten Nachholbedarf hinsichtlich der Digitalisierung besteht meiner Meinung nach in der Politik, im öffentlichen Sektor und im Bildungswesen.

Die Gesellschaft wurde nun ja gewissermassen dazu gezwungen, sich mit neuen, digitalen Abläufen zu beschäftigen. Sind wir grundsätzlich bereit dazu?

Hätten Sie diese Frage im Januar 2020 gestellt, hätten viele verneint. Dennoch haben industrieübergreifend zahlreiche Grossunternehmen mehrheitlich aus dem Home Office heraus über Monate hinweg sehr gut funktioniert. Wir Menschen sind viel anpassungsfähiger und lernwilliger, als wir glauben.

Haben für Sie die vergangenen Monate auch die Grenzen der digitalen Möglichkeiten aufgezeigt?

Definitiv. Wir haben als Gesellschaft kollektiv die Erfahrung gemacht, dass die digitalen Werkzeuge einerseits sehr befähigend sein können und gleichzeitig verstanden, wie wichtig die menschliche Nähe und der Austausch sind. Mir geht es da persönlich genauso: ich finde es zum Beispiel super, dass ich nun meine Firma so organisiert habe, dass wir als Team von überall zusammenarbeiten können und gleichzeitig freue ich mich riesig darauf, wenn wir alle wieder gemeinsam am Ende eines Arbeitstages gemeinsam an die Bar gegenüber unseres Büros auf das Erreichte anstossen können.

Wir stürzten uns plötzlich alle auf Zoom oder Teams. Wir erkannten, dass gewisse Sitzungen durchaus speditiver ablaufen, wenn sie virtuell ablaufen. Wir haben uns an Online-Bestellungen gewöhnt. Und wir pflegen Kontakte vermehrt über Chats. Bei allen Vorteilen: Was verlieren wir dabei?

Wir verlieren, was man in Englisch als «Serendipity» bezeichnet, also die glücklichen Zufälle. Serendipity geschieht zum Beispiel beim Warten an der Kaffeemaschine, beim gemütlichen Schwatz am Firmenapéro oder beim gemeinsamen Herauslaufen aus dem Meeting – überall dort, wo der «glückliche Zufall» dazu führt, dass man zufällig eine wertvolle Idee gemeinsam entwickelt. Da die Kreativität ein wichtiger Faktor für unsere internationale Wettbewerbsfähigkeit ist, müssen wir uns in der aktuellen Situation noch stärker dafür einsetzen, dass solche Zufallsbegegnungen weiterhin stattfinden, z.B. mittels Applikationen wie lunch-lottery.com.

Werden die Jahre 2020 und 2021 als wegweisend im ganzen Digitalisierungsprozess eingehen?

Ja, 2020 und 2021 sind die Jahre der grossen Beschleunigung. Gleichzeitig war vor allem 2020 ein Jahr, dass vom reaktiven Handeln geprägt war. Ich bin gespannt, was die nächsten zwei Jahre bringen, wenn wir hoffentlich viel proaktiver an die Gestaltung der digitalen Zukunft herangehen.

Wie stark sind Sie selbst von den ganzen digitalen Möglichkeiten geprägt? Welchen Einfluss haben sie auf Ihr Leben?

Ganz generell finde ich es grossartig, wie ich dank digitalen Tools neue Möglichkeiten realisieren kann. Ein Beispiel: Im Lockdown letzten April habe ich aus dem Wohnzimmer heraus ein Pop-up TV Studio eingerichtet und habe teils sehr renommierte Experten aus aller Welt zu einem Interview via Zoom eingeladen. Diese habe ich dann in Zusammenarbeit mit der deutschsprachigen Ausgabe von Forbes in Form einer wöchentlichen YouTube Serie «On the Sunnie Side» herausgebracht. Die Möglichkeit aus meinem Wohnzimmer heraus mit Experten aus aller Welt zu diskutieren und Neues von ihnen zu lernen, finde ich enorm bereichernd.

Müssen Sie bzw. wir alle auch hierbei lernen, während gewissen Zeiten abstinent zu bleiben?

Natürlich. Ein gesundes Mass zu finden, ist aber nicht nur in digitalen Aspekten des Lebens zu empfehlen, sondern in praktisch allen Bereichen sinnvoll.

Wir sehen es: Die digitale Transformation lässt sich nicht aufhalten. Muss man sie aber in irgendeiner Form kontrollieren?

Die digitale Transformation ist in erster Linie ein Veränderungsprozess, dem wir nicht reaktiv sondern proaktiv begegnen sollten. Das heisst, ich würde in erster Instanz dazu raten, die digitale Transformation bewusst im eigenen Kontext – sei das in der eigenen Familie, im Team, im Unternehmen oder in der Wohngemeinde – proaktiv mitzugestalten. In jenen Fragestellungen, wo wir das bisher verpasst haben und deshalb nachträglich korrigieren müssen – beispielsweise in gewissen Aspekten rund um Data Privacy – da kann Kontrolle zusätzlich notwendig sein.

Zur Person

Sunnie J. Groeneveld ist Unternehmerin, Verwaltungsrätin, Autorin und Studiengangsleiterin. Sie ist Gründerin und Managing Partner der Beratungsfirma Inspire 925 sowie Verwaltungsrätin von fünf mittelgrossen Schweizer Unternehmen und Studiengangsleiterin des Executive MBA Digital Leadership an der HWZ Hochschule für Wirtschaft Zürich. Zuvor war sie die erste Geschäftsführerin von digitalswitzerland, der grössten industrieübergreifenden Standortinitiative der Schweiz zur digitalen Transformation. Sie ist ebenfalls Autorin des Buches «Inspired at Work» (Versus Verlag), wurde zu den «Top 100 Women in Business» gezählt und von der Handelszeitung als eine der «Top 50 Who is Who in Digital Switzerland» ausgezeichnet, sowie vom Wirtschaftsmagazin Forbes auf seine «30 under 30» Liste für den deutschsprachigen Raum gesetzt. Sunnie Groeneveld hat einen Abschluss in Economics von der Yale Universität.

Stölzle /  Brányik
Autor/in
Marcel Baumgartner

Marcel Baumgartner (*1979) ist Co-Chefredaktor von «Die Ostschweiz» sowie Verlagsleiter der Ostschweizer Medien AG. Das Medienunternehmen hat seinen Sitz in St.Gallen.

Hier klicken, um die Mobile App von «Die Ostschweiz» zu installieren.