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Corona-Splitter (2)

Wo bleibt denn die Moral?

Teil 2 der Corona-Splitter: Eine Übung im Analysieren von Argumenten.

Rainer Fischbacher am 23. März 2021

Im ersten Teil der Corona-Splitter habe ich mit Daniel Kahnemanns Forschungsergebnissen erklärt, dass realitätsbezogene Argumente zu guten Entscheidungen führen können, Argumente aus dem sozio-kulturellen und psychologischen Kontext wie Moral, Pflicht, Tabu, schlechtes Gewissen jedoch Grundlage schwerer Fehlentscheidungen waren.

Wo bitte bleibt denn hier die Moral? Es darf doch nicht sein, dass nackte Zahlen wichtiger sind als die Moral?

Ich verspreche Ihnen, wenn Sie weiter lesen, werden Sie mit meiner Antwort zufrieden sein. Sie ist echt salomonisch. Zuerst aber eine Übung im Denken nach Kahnemann und ein klärendes Beispiel:

In der NZZ war kürzlich folgendes zu lesen: Der amerikanische Präsident Joe Biden hilft den USA aus der Krise durch immense Hilfspakete. Ich würde als advocatus diaboli kritisieren: er hilft den Amerikanern durch Enteignung künftiger Generationen.

Was halten Sie von diesen Argumenten? Was würde Kahnemann sagen?

Ist es ein Hilfspaket, wie die NZZ behauptet? Ja! Mit 1000 Milliarden kann man helfen!

Ist es ein Raub an künftigen Generationen, wie ich behaupte? Ja, irgendwer muss das später bezahlen!

Beide Behauptungen spiegeln folglich eine eindeutige Realität. Der Realitätsbezug ist vorhanden, und somit gibt es keine eindeutig richtige oder falsche Antwort. Beide Argumente sind hochwertig. Nun darf die Moral, die Gesellschaft, der sozio-kulturelle Kontext, die Psychologie, ja vielleicht sogar die Demokratie entscheiden, welche Interpretation sie bevorzugt. Die Karten liegen auf dem Tisch.

Der Realitätsbezug ist also nicht wichtiger als die Moral, aber er muss zeitlich vor der Moral stehen.

Wenn die Moral entscheidet, bevor transparent über alle Aspekte eines Problems berichtet wurde, dann ist das Machtpolitik und hat mit Moral nichts mehr zu tun.

War das mit der Notrechtsdebatte auch so? Alle waren frei, ihre Argumente vorzubringen vor dem Lockdown-Entscheid? Niemand wurde als verantwortungslos kritisiert? Kein Facebook-Konto wurde gesperrt? Kein seriöser Kritiker wurde mit Aluhüten in einen Topf geworfen? Die wissenschaftliche Taskforce wurde gleichermassen aus Befürwortern und Gegnern des Lockdowns gebildet??? Die Liste lässt sich beliebig fortsetzen, und Sie kennen die Antwort.

Demnächst mehr…

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Coronasplitter
Stölzle /  Brányik
Autor/in
Rainer Fischbacher

Rainer Fischbacher ist Arzt in Herisau und ehemaliger Ausserrhoder Kantonsarzt.

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