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Höpli zum Freitag

Wo unsere Kirchen reden – und wo sie schweigen

Braucht es die Kirchen, damit ich mir eine Meinung über die Konzernverantwortungsinitiative bilden kann? Nein. Warum engagieren sie sich dann im Abstimmungskampf? Braucht es die Kirchen, um Alarm über den vorrückenden islamischen Fundamentalismus zu schlagen? Ja. Warum tun sie es dann nicht?

Gottlieb F. Höpli am 19. November 2020

Unsere Kirchen sind mit den Institutionen des Staates vielfältig verwoben. Sie sind durch Verfassung und Gesetze geschützt und damit auch reglementiert (nachzulesen in der Bundesverfassung und in den kantonalen Kirchengesetzen). Darüber hinaus sind sie aber autonom. Dazu gehört logischerweise auch das Recht, aus dem jeweiligen Bekenntnis heraus zu Fragen Stellung zu nehmen, die das Zusammenleben und die Zukunft unseres Staates betreffen.

Dass unsere Kirchen zu politischen Fragen Position beziehen, ist deshalb grundsätzlich kein Problem. Weil sie aber Staatsbürger mit ganz unterschiedlichen politischen Bekenntnissen in ihren Reihen haben, ist es eine Frage der innerkirchlichen Demokratie, wie weit sie sich politisch aus dem Fenster lehnen wollen: Wann, wie und in welcher Form sollen sich kirchliche Organe – von der Spitze der Landeskirche bis hin zur einzelnen Kirchgemeinde – zu politischen Fragen äussern?

Damit solche politischen Statements in der öffentlichen Meinungsbildung ernstgenommen werden, müssen sie selbst Resultat einer glaubwürdigen internen Meinungsbildung sein. Das darf beim aktuellen, zum Teil feurigen Einsatz von Kirchen und Kirchenleuten zugunsten der Konzernverantwortungsinitiative bezweifelt werden.

Rechtlich problematisch ist das nicht. Aber vielleicht nicht besonders klug. Nicht zuletzt, weil die Kirchen und einzelne ihrer Vertreter zurzeit öffentlich als Teil einer kunterbunten Front von Linken und Linksextremen, Pazifisten, Multikultis, militanten Umwelt- und Drittweltaktivisten wahrgenommen werden, die einem Teil des Kirchenvolks wohl nicht so ganz geheuer sind. Von älteren, konservativen Kirchenangehörigen und -steuerzahlern ganz zu schweigen.

Die eigentliche Frage, die sich anscheinend im Abstimmungs-Pulverdampf niemand stellt, ist aber eine ganz andere: Warum redet meine Kirche am einen Ort und schweigt zu so vielen anderen, drängenden Problemen? Gibt es in unserem Land tatsächlich nur dieses eine Thema, und gesetzt den Fall, dem sei nicht so: Ist es denn auch wirklich das wichtigste?

Wenn unsere Kirchen schon über die Landesgrenzen hinausschauen, was ihr gutes Recht, ja vielleicht sogar ihre Pflicht ist: Müssten ihnen da nicht anderes Unrecht, andere Katastrophen und Gefährdungen auffallen, zu denen sie vielleicht sogar dringender etwas sagen müssten?

Zum Beispiel zum aktuellen Schicksal der armenischen Christen, die hundert Jahre nach dem erlittenen Völkermord durch die Türken erneut Opfer von Krieg und Vertreibungen sind? Diesmal durch das von der Türkei unterstützte und wohl auch angefeuerte muslimische Aserbaidschan? A propos Türkei: Der inzwischen wohl ohne Übertreibung islamistisch zu nennende Staats- und Kriegsherr Erdogan benützt ja auch seine Landsleute in Europa, um jegliches aufgeklärtes Gedankengut zu bekämpfen. In Moscheen, «Kulturvereinen», Netzwerken aller Art.

Wo ertönt Protest, wo Solidarität mit den bedrohten Christen in Armenien und anderswo? Und wer, wenn nicht die Kirchen, wäre aufgefordert und legitimiert, die Stimme in der Öffentlichkeit zu erheben? Dabei auch die Politik aufzufordern, aktiv zu werden für jene Hunderttausende von Menschen, mit denen sie – mit denen wir! – das Glaubensbekenntnis teilen, wie es immerhin auch in unserer Bundesverfassung steht («Im Namen Gottes des Allmächtigen»).

Möglich, dass die Front der Unterstützer eines solchen Protests schmaler ausfällt als beim Kampf gegen die Konzerne. Weil es womöglich weniger populär ist. Und sogar etwas mehr Mut erfordert.

Stölzle /  Brányik
Autor/in
Gottlieb F. Höpli

Gottlieb F. Höpli (* 1943) wuchs auf einem Bauernhof in Wängi (TG) auf. A-Matur an der Kantonssschule Frauenfeld. Studien der Germanistik, Publizistik und Sozialwissenschaften in Zürich und Berlin, Liz.arbeit über den Theaterkritiker Alfred Kerr.

1968-78 journalistische Lehr- und Wanderjahre für Schweizer und deutsche Blätter (u.a. Thurgauer Zeitung, St.Galler Tagblatt) und das Schweizer Fernsehen. 1978-1994 Inlandredaktor NZZ; 1994-2009 Chefredaktor St.Galler Tagblatt. Bücher u.a.: Heute kein Fussball … und andere Tagblatt-Texte gegen den Strom; wohnt in Teufen AR.

Geschieden; drei wunderbare Töchter.

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