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Zeyer zur Zeit

Wollt Ihr den totalen Lockdown?

Genauso rasant, wie die Zahl der Infizierten und die Panik steigt, nähert man sich der Vorbereitung des nächsten Lockdowns.

René Zeyer am 17. Oktober 2020

Verblüffend ist eigentlich nur die Geschwindigkeit. Innert weniger Tage fand der Klimmzug statt. Von «nie wieder Lockdown» über «alles tun, um Lockdown zu vermeiden» zu «Lockdown nicht auszuschliessen».

Rund 3400 Treffer findet man in der Mediendatenbank SMD, wenn man nach dem Begriff «Lockdown» in den letzten sieben Tagen sucht. Geradezu erschreckend ist der Salto, den der «Tages-Anzeiger» in einem Leitartikel schlägt.

Viele Menschen seien dazu verleitet worden, «bedenkenlos feiern, singen und tanzen» zu gehen. Statt, wie es sich gehört zu Hause Trübsal zu blasen und sich zu überlegen, ob sie einen Beitrag zur steigenden Suizidrate leisten wollen.

Nun kommt der Salto ohne Netz und Verstand: «Paradoxerweise wird aber ein Lockdown umso wahrscheinlicher, je mehr sich die Botschaft, dass es ihn sicher nicht geben wird, in den Köpfen festsetzt.»

Vor einem solchen Überschlag mit doppelter Schraube wäre sogar Thomas von Aquin vor Neid erblasst. Mit geradezu biblischer Schärfe biegt nun dieser flächendeckend verbreitete Leitartikel auf die Zielgerade ein: «Wer indes einen Lockdown kategorisch ausschliesst, macht sich schlicht der Irreführung schuldig.»

Mit Verlaub und auf die Gefahr hin, als Corona-Leugner verunglimpft zu werden: Wer den geistigen Nährboden für einen neuerlichen Lockdown bereitet, macht sich schlicht der rücksichtslosen Zerstörung der Volkswirtschaft schuldig. Nicht mal aus reiner Dummheit, sondern grobfahrlässig und absichtlich.

Nun japsen andere Fundamentalisten auf und behaupten, jegliche Vermischung von wirtschaftlichen Schäden mit Gesundheitsschäden, gar dem Tod von Menschen sei unmenschlich, amoralisch, kleingeistig, materialistisch, inhuman. Das könne schlichtweg nur ein Unmensch tun.

Auch das ist natürlich nicht unmenschlich, sondern die Kritik ist unsinnig. Oder aber, jede Krankenkasse müsste per sofort verboten werden, die Verhältnismässigkeit einer Therapie zu beurteilen. Wozu sie verpflichtet ist, und wobei auch der finanzielle Aspekt, also Kosten und Nutzen, eine Rolle spielt und spielen muss.

Wäre das nicht der Fall, wären die Krankenkassenprämien schon längst nicht nur gewaltig, sondern schlichtweg unbezahlbar.

Erschreckend ist auch die Lustlosigkeit, Trübseligkeit und Obrigkeitshörigkeit, die alle Mahner kennzeichnet. Sie fordern Führungsstärke – vom gleichen Bundesrat, der als fachfremder Gesundheitsminister bereits den grössten Schaden an der Volkswirtschaft seit dem Zweiten Weltkrieg zu verantworten hat. Sie fordern, dass alle eigenverantwortlich und «richtig» handeln sollen. Und dass die «Verharmlosungen» ein Ende haben müssen.

Zumindest der letzte Vorwurf trifft auf mich nicht zu. Ich verharmlose keineswegs. Ich gehe allerdings mit Bundesrat Maurer einig, dass selbst die Schweiz das Geld nicht hat, um einen zweiten Lockdown abzufedern.

Es ist erschreckend, wie schnell das Wort Lockdown von der Konnotation «unmöglich, kein zweites Mal» über «muss vermieden werden» zu «ist nicht auszuschliessen» und schliesslich zu «ist denkbar, möglich, unvermeidlich» verschoben wurde.

Während die Bevölkerung streng zur Ordnung und Eigenverantwortung ermahnt wird, ihr clavinistisch jede Zerstreuung oder Vergnügung ausgeredet werden soll, sie zu Zucht und Anstand aufgerufen wird, und dazu, den Anordnungen der Obrigkeit klaglos Folge zu leisten.

Offensichtlich soll in der Schweiz nicht mehr zwischen schwarzen und weissen Schafen unterschieden werden. Sondern alle sollen sich wie Schafe verhalten.

Stölzle /  Brányik
Autor/in
René Zeyer

René Zeyer (1955)  ist Publizist, Bestsellerautor («Bank, Banker, Bankrott») und Kommunikationsberater. Er lebt in Zürich und Havanna.

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