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Kultur mit Müller

Zauberpulver, hochkarätiger Blues-Rock, gesangliches Kleinod und Smooth-Jazz

Eine weitere musikalische Entdeckungsreise mit Andreas B. Müller und seinem Kulturtipp. Dieses Mal im Zentrum: Pieter de Graaf, Robben Ford, Sachal Vasandani & Romain Collin und Mario Rossi Collection

Andreas B. Müller am 15. September 2021

Pieter de Graaf: Wie ein Nachhausekommen nach einer langen Reise

Immer wieder begegnet mir der Begriff der «Neoklassik», ohne bislang genau zu wissen, was das überhaupt ist. Wikipedia schreibt dazu: «Neoklassik ist eine Ende der 2000er Jahre entstandene Musikrichtung, die Elemente der Neuen Musik, insbesondere der Minimal Music oder der Neuen Einfachheit, und der elektronischen Musik, insbesondere des Ambient, sowie teils aber auch des Post-Rocks, miteinander verbindet. […] Es bestehen Berührungspunkte zur Populären Klassik ebenso wie zum Easy Listening.»

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Pieter de Graaf

Und ja, das ist eine gute Beschreibung der Musik des niederländischen Jazzpianisten, Komponisten, Produzenten und Arrangeurs Pieter de Graaf auf dessen neuem Album «Equinox». Mit Streichersätzen und Elektronik versetzte, lange und teilweise elegische Melodiebögen, die sich langsam steigern und sanft abschliessen. Schon beim ersten Anhören klingt vieles überaus vertraut und löst ein Gefühl aus von Heimkommen nach einer langen Reise in die zwar bekannten, und durch die Abwesenheit doch sich beruhigten, Räume der eigenen Wohnung. Oder die leeren Zimmer der Kindheit, in denen Staubpartikel im dünnen Lichtstrahl, der durch die verschlossenen Fensterläden bricht, in slow motion tanzen und eine eigenartige Melancholie auslösen. Die Kompositionen und Arrangements ziehen eine Tiefenentspanntheit an – und eignen sich auch zum Herunterfahren im hektischen Büro; ich empfinde sie wie feines Zauberpulver, das fast unmerklich die nicht immer ganz leicht annehmbare «Realität» verändert, Trost und Zuversicht schenkt und zurückführt in die eigene Mitte und Kraft.

Pieter de Graaf – «Equinox»

Anspieltipps:

Pieter de Graaf – «OCD»

Pieter de Graaf – «Supernova»

Pieter de Graaf – «In Circles»

Robben Ford: Ein Album wie ein Glas vom besten Roten

Hochkarätiger Blues-Rock ist die Kürzestzusammenfassung (auch) von Robben Fords eben erschienenem Album «Pure». Und natürlich brilliert der grossartige Gitarrist auch hier mit seinen groovigen Soli im meisterhaften Zusammenspiel mit erstklassigen Studiomusikern. Und doch scheint mir bei seinem 45sten (!) Soloalbum – das rein instrumental ist – etwas leicht anders als bei früheren Werken. Ob es die luftige Einbindung von jazzigen Elementen ist oder die perfekte Prise an World Music-Gewürzen, der Verzicht auf den Einsatz seiner Gesangsstimme, der vollfette Klang oder die Auswahl der Songs, ich weiss es nicht.

Robben Ford

Aber die neun Titel hören sich an wie ein gut gefülltes, verführerisch nach schwarzen Beeren, Kräutern und Lakritz duftendes Glas «Castalides Icône», einem Cuvée aus Syrah und Mourvèdre, der eine überwältigende Sinnlichkeit ausstrahlt (ja, das ist neben einem kostenlosen Werbespot für eine grossartige Platte ein kostenloser Werbespot für einen grossartigen Wein). Und wenn ich mir jetzt nach diesen Zeilen (und nach einem grosszügigen Schluck) die Kritiken von Musikjournalisten ansehe, bestätigt sich mein Eindruck, dass das Album des Ausnahmegitarristen nach fünf Grammy-Nominierungen «das Zeug zum Blues-Jazz-Rock-Olymp» (musikreviews.de) hat und die -Auszeichnung hoffentlich endlich auch verliehen erhält.

Robben Ford – «Pure»

Anspieltipps:

Robben Ford – «White Rock Beer… 8 Cents»

Robben Ford – «Balafon»

Robben Ford – «Pure»?

Sachal Vasandani & Romain Collin: Kleinod von beinahe kammermusikalischer Qualität

Seit diesem Frühling greife ich immer wieder zu «Midnight Shelter» von Sachal Vasandani und Romain Collin: Die tiefe, warme, leicht brüchige und doch klare Stimme des in New York lebenden Sängers Vasandani verbindet sich magisch mit dem zurückhaltenden Klavierspiel des Franzosen Collin. Schlicht, zart, fast ehrfürchtig und vorsichtig an die Songs herantastend und -hauchend, erzählt das Duo Geschichten über Begegnungen und Trennungen, Sehnsucht und Glück. Die Musik und die Texte berühren, rühren an und lassen zwischendurch ein tiefes Seufzen zwischen wohliger Entspanntheit und leichter Wehmut entfliehen.

Sachal Vasandani

Die gelungene Mischung von Fremd- und Eigenkompositionen und die minimalistische Umsetzung lassen «Midnight Shelter» für mich zu einem seltenen Kleinod von beinahe kammermusikalischer Qualität werden, um still zu feiern, wenn ich mit mir und dem Leben in Einklang bin. Ich schliesse mich gerne der Bewertung «Ein Meisterwerk!» von BR-Klassik an, welche es im Mai zum Album des Monats kürten.

Sachal Vasandani & Romain Collin – «Midnight Shelter»

Anspieltipps:

Sachal Vasandani & Romain Collin – «Adore You»

Sachal Vasandani & Romain Collin - Don't Think Twice It's Alright (Bob Dylan Cover)

Sachal Vasandani & Romain Collin – «Before You Go» (live)

Mario Rossi Collection: Smooth Jazz mit Niveau

Wer oder was Mario Rossi ist, habe ich auch nach längerem Recherchieren nicht ausfindig machen können. Aber die «Mario Rossi Collection» hat es in sich und empfiehlt sich für alle Smooth Jazz Lover: Easy Listening mit Niveau von den besten Musikern dieses Genres (die natürlich, wie Robben Ford, Eric Marienthal, Buzz Feiten, Dave Weckl, Philip Lassiter etc. auch anderes als coole Cocktailbar-Musik machen).

Mario Rossi

Es örgelt ohne Sörgeln vor sich hin, versprüht gute Laune, verführt zu einem zweiten Drink, mit dem Mann die Liebste verführen will, plitschplatschplätschert Synthieschwaden mit sich ziehend durch nie realistische, farbenfrohe Wasserfallreplikationen und Tropicalambiente vortäuschende Bananenstauden und Plastikpalmen beim Sonnenuntergang auf einer Jazz Cruise um die mit weissen Häuser gesprenkelten griechischen Inseln. Auf höchstem Niveau beste Unterhaltungsmusik. Und damit das Unbeschwertsein kein Ende nimmt, ist das neue Album schon angekündigt und reicht mit drei Vorauskopplungen bereits für einen dritten Drink…

«Mario Rossi Collection»

Anspieltipps:

Mario Rossi Collection – «Window»

Mario Rossi Collection – «Birds»

Stölzle /  Brányik
Autor/in
Andreas B. Müller

Andreas B. Müller (*1960) liebt gute Musik, Literatur und Wein (alles, was Seele hat), wirkt(e) unter weiterem als Konzert- und Festivalorganisator, Marketing- und Kommunikationsfachmann, rasender Reporter, Kurdirektor, Kellner, Coach und Supervisor, Projektentwickler und Ideeologe und zuletzt als Teamleiter Major Donor Fundraising für ein international tätiges Kinderhilfswerk. Er ist Mitinhaber der Kulturplattform «Parterre 33» (www.parterre33.ch), Präsident des St. Galler Jazzvereins «gambrinus jazz plus» (www.gambrinus.ch) und bewegt mit seiner Wirkstatt Müller (www.wirkstattmueller.ch) Menschen und Projekte.

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