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Gastkommentar

Zur Erinnerung: Am Freitag spielte die Schweiz gegen Serbien

Am vergangenen Freitag begrüsste die Gratiszeitung '20 Minuten' ihre Leserschaft gleich auf der Frontseite mit dieser Schlagzeile: «Kosovare und Serbe: 'Wir bleiben Freunde - trotz WM-Spiel'».

Thomas Baumann am 05. Dezember 2022

Wer den WM-Kalender nicht kennt, hätte wetten können, dass der Kosovo gegen Serbien spielt. Ein - angesichts der jüngeren Vergangenheit - durchaus brisantes Duell.

An jenem Freitag spielte aber die Schweiz und nicht der Kosovo - und auch nicht die 'schweizerisch-kosovarische Nationalmannschaft' - gegen Serbien.

Der Beitrag albanischstämmiger Schweizer zur Erfolgsgeschichte des schweizerischen Fussballs jüngerer Zeit soll hier nicht geschmälert werden: Noch vor vier Jahren bestand quasi das gesamte Mittelfeld aus Spielern mit familiären Wurzeln in Kosovo und Nordmazedonien. Und auch heuer sind immerhin der Mannschaftskapitän und der Ideengeber im offensiven rechten Mittelfeld kosovarischer Abstammung. Zwei durchaus wichtige Spieler - aber auch nur zwei von elf. Doch darum geht es nicht.

Spielt die Schweiz gegen Serbien, dann ist es normal, dass bei manchem in der Schweiz lebenden Serben oder manchem serbischstämmigen Schweizer zwei Herzen in der Brust schlagen: Für die Schweiz und für die 'alte Heimat'. Ausgiebig medial thematisiert wurde dies ja bereits im Fall des in Kamerun geborenen Schweizer Stürmers Breel Embolo vor dem Spiel der Nati gegen sein Geburtsland. Entsprechend mochte der Spieler nach seinem Torerfolg nicht derart ausgelassen jubeln wie üblich: In die Süsse des Erfolgs mischte sich auch hier eine gewisse, nur allzu verständliche, bittere Note.

Befragt man Serben oder serbischstämmige Schweizer vor dem Serbien-Spiel der Schweiz nach ihren Gefühlen und welchem Team sie eher zuneigen, dann ist dies absolut legitim. Genauso wie man vor dem Spiel gegen Brasilien hier lebende Personen mit Wurzeln in Brasilien hätte befragen können. Es wäre aber reichlich idiotisch, hier lebende Serben vor dem Brasilien-Spiel zu fragen, ob sie eher für die Schweiz oder für Brasilien sind. Denn was hat diese Affiche mit ihrer serbischen Herkunft zu tun?

Vor dem Spiel die Schlagzeile "Schweizer und Serbe: Wir bleiben Freunde - trotz WM-Spiel" zu bringen, hätte noch irgendwie Sinn ergeben. Aber bei einem Spiel der Schweiz gegen Serbien "Kosovare und Serbe" zu schreiben, ergibt ähnlich viel Sinn wie die Schlagzeile "Kameruner und Brasilianer: Wir bleiben Freunde - trotz WM-Spiel", bloss weil im Kader der schweizerischen Nationalmannschaft gegen Brasilien ein gebürtiger Kameruner stand.

Natürlich, der unsichtbare Elefant im Raum sind die Jugoslawienkriege Ende des letzten Jahrtausends und seine Auswirkungen. Aber: Diese betrafen und betreffen nicht nur den Kosovo, sondern auch Bosnien-Herzogowina und Kroatien. Gerade im Bosnienkrieg gab es eine Vielzahl an Opfern im Vergleich zum Kosovokrieg: Bei einem einzigen schrecklichen Massaker in Srebrenica starben mehr Bosnjaken als Albaner im gesamten Kosovokrieg.

Im Schweizer Team steht bekanntlich auch ein Spieler bosnischer Abstammung, der immerhin schon zweimal als Einwechselspieler zum Einsatz kam. Aber '20 Minuten' wäre eine Schlagzeile "Bosnier und Serbe: Wir bleiben Freunde" wohl nie im Traum eingefallen. Selbst dann nicht, wenn - wie noch vor vier Jahren - gleich drei Spieler mit bosnischem Hintergrund (wenn auch verschiedener ethnischer Herkunft) im Kader gestanden hätten.

Auch die Loslösung Kameruns von Frankreich verlief nicht unblutig: Im Unabhängigkeitskrieg wurden ebenfalls einige zehntausend Kameruner getötet. Ist es '20 Minuten' deswegen eingefallen, vor dem EM-Achtelfinalspiel gegen Frankreich im letzten Jahr die Schlagzeile "Kameruner und Franzose: Wir bleiben Freunde" zu bringen, bloss weil auf Seiten der Schweiz ein Spieler kamerunischer Herkunft in der Stammformation stand?

In der Qualifikation zur nächsten Fussball-EM kommt es nun tatsächlich zum Aufeinandertreffen der Schweiz und Kosovo. Wird es dann auch eine Schlagzeile "Kosovare und Serbe: Wir bleiben Freunde" geben? Denn möglicherweise läuft dannzumal auch ein schweizerisch-serbischer Doppelbürger für die Nati auf. Klar ist: Im Artikel von '20 Minuten' wurde letztlich kosovarisch-albanisches Ressentiment gegenüber Serbien verhandelt. On '20 Minuten' wohl ebensosehr bereit ist, auch serbisches Ressentiment gegenüber Kosovo derart unschuldig abzuhandeln?

Man kann es feiern, wenn hierzulande ein Kosovare und ein Serbe befreundet sind. Zweifelsohne würden mehr solche Freundschaften auch dem Balkan gut tun. Umgekehrt darf man aber auch erwarten, dass Mitglieder verschiedener Ethnien in der Schweiz zivilisiert miteinander umgehen. Schliesslich wird von 'einheimischen' Schweizern ja ebenfalls multikulturelle Sensibilität erwartet - da sollte auch der importierte Nationalchauvinismus Grenzen haben. Solche Freundschaften sollten eigentlich ganz normal sein - oder zumindest ihre Möglichkeit als 'normal' eingefordert werden, ohne dass man deswegen jedesmal ein grosses Tamtam zu machen braucht. Und schon gar nicht hat sich die Schweiz als Spielwiese für irgendwelche nationalistischen Animositäten aus dem Balkan herzugeben.

In einer Art vorauseilendem Gehorsam wird hierzulande die eigene multikulturelle Sensibilität gegenüber diversen Ausländergruppen zelebriert, nicht ohne dass diese regelmässig in eigentlichen Ethno-Kitsch abgleitet: Calmy-Rey's Kopftuch im Iran, Stephan Lichtsteiner's Doppeladler-Geste - und jetzt wird auch noch die schweizerische Nationalmannschaft in Verdankung des Beitrags kosovarischer Einwanderer flugs zu einer Art 'schweizerisch-kosovarische Nationalmannschaft' umgedeutet. Und das bei aktuell ganzen drei albanischstämmigen Spielern im Kader, wovon einer noch kein einziges Spiel zu Ende gespielt hat und ein weiterer es noch nicht einmal zu einer einzigen Einsatzminute gebracht hat.

Angesichts solcher Überhöhung von Multikulti vermag es dann auch nicht wirklich zu verwundern, dass sich einer dieser Spieler in übersteigerter Selbstwahrnehmung der eigenen welthistorischen Bedeutung einmal mehr dazu hinreissen liess, dem Gegner mit einer nur allzu durchsichtigen Aktion ans Schienbein zu treten und danach in typischer Fussballermanier das Unschuldslamm zu mimen. Granit Xhaka hätte das Trikot wohl kaum angezogen, hätte der Nationalmannschaftskollege statt "Jashari" zufälligerweise "Milosevic" geheissen.

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Autor/in
Thomas Baumann

Thomas Baumann ist freier Autor und Ökonom. Als ehemaliger Bundesstatistiker ist er (nicht nur) bei Zahlen ziemlich pingelig.

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