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Leitartikel zur Abstimmung

Zwei Wochen, und was danach kommt, spielt keine Rolle

Ach, klingt das schön. Zwei Wochen Ferien als Vater, wenn das Kind zur Welt kommt. Und schon ist alles besser. Eine ewige Bindung zum Nachwuchs entsteht. Was danach kommt, spielt keine Rolle: Diese zwei Wochen wiegen alles auf. Liebe Väter, das glaubt ihr nicht ernsthaft?

Stefan Millius am 13. September 2020

Ein Kind kommt zur Welt. Ausnahmezustand für die Eltern. Alles verändert sich von einem Tag auf den anderen. Aber hey, nur für zwei Wochen. Die 20 Jahre, die danach kommen, sind völlig easy. Und wir hören das Lachen von Eltern förmlich. Die wissen es längst besser. Es wird in Wahrheit je länger, desto aufwändiger. Die ersten zwei Wochen, wirklich? Natürlich ist das besser als nichts. Aber reicht besser als nichts?

Genau das vermittelt uns die Vorlage, über die wir am 27. September abstimmen: Wir legen den Grundstein für die Beziehung zu unserem Kind in den ersten zwei Wochen. Danach können wir uns wieder in der Arbeit vergraben für viele Jahre, wir können permament abwesend sein, es kommt schon gut, denn: Dese 14 Tage haben das Fundament gelegt für das gute Gedeihen des kleinen Menschen, danach läuft alles wie von selbst. Natürlich steht das nicht in der Vorlage, über die wir abstimmen. Aber es wird suggeriert.

Erstens: Niemandem ist es benommen, Ferien zu nehmen für die Zeit nach der Geburt. Diese lässt sich nicht punktgenau, aber halbwegs sicher eingrenzen. Ja, damit wird Ferienguthaben geklaut, Aber wofür will man dieses später im Jahr einsetzen? Für den «Around the world»-Trip mit einem Säugling? Eher ja wohl nicht. Die Frage ist schlicht, was einem persönlich diese ersten Tage wert sind. Den meisten offenbar so wenig, dass sie den Staat brauchen, der ihnen eindeutig sagt: «Bleib bei deinem Kind.» Wir merken das ja nicht selbst, eine Initiative muss uns das sagen. Wie so vieles.

Und zweitens, mal in aller Offenheit: Ein Kind macht in den ersten 14 Tagen seiner Existenz erstaunlich wenig. Und kriegt erstaunlich wenig mit. Klar, es braucht Nestwärme. Und ich höre die Stimmen, die sagen, wie vieles unbewusst abläuft. Das stellt auch niemand in Abrede: Es braucht die Nähe zu den Eltern. Aber vermutlich tut es das auch ab Tag 15. Ich kenne wenig Leute, die 20 Jahre später sagen: «Mein Leben ist verkorkst, weil mein Vater in meinen ersten zwei Wochen zu wenig bei mir war.» Rein wissenschaftlich: Niemand kann sich an seine ersten drei Lebensjahre überhaupt erinnern. Das heisst natürlich nicht, dass diese Zeit wertlos ist und dort keine Grundsteine gelegt werden. Aber eben, wir sprechen von den ersten beiden Wochen.

Es gibt so viele mögliche Modelle. Die Elternzeit beispielsweise, die sich Frau und Mann selbst einteilen können, je nach Lebensentwurf. Aber stattdessen haben wir vielleicht bald den Mutterschaftsurlaub und den Vaterschaftsurlaub. Unabhängig von individuellen Bedürfnissen. Hier die 14 Wochen, hier die 2 Wochen. Wird das der neuen Zeit gerecht?

Man kann natürlich nach dem Motto «Spatz in der Hand statt Taube auf dem Dach» argumentieren und das nehmen, was uns jetzt vorgelegt wird. Wieso auch nicht, der Staat bezahlt ja dafür. Aber ist es das, was wir wollen? Denn wenn wir jetzt den Spatz nehmen, fliegt die Taube für lange Zeit weg. Dann ist das Thema weg. Die Väter haben etwas bekommen, gut ist.

Jede Menge von engagierten Vätern sprechen sich derzeit für die Vorlage aus. Journalisten besonders gerne, weil denen Steuergelder tendeziell sowieso eher egal sind. Und weil sie gerne mehr Zeit mit den Neugeborenen verbringen würden. Nur ist das heute schon möglich. Einfach auf Kosten des persönlichen Ferienguthabens. Das ist zu viel verlangt? Dann stellt sich die Frage, wie drängend der Wunsch wirklich ist. Ein persönliches Jahrhundertereignis, aber zwei Wochen meiner Ferien hergeben? Auf keinen Fall! Na, das sagt wohl alles.

Ein Vaterschaftsurlaub zementiert die alte Vorstellung: Die Mutter ist wichtiger, der Vater ist Beigemüse. Ironischerweise sind die Kräfte für die Vorlage genau die, die zurecht finden, dass das nicht mehr sein sollte. Alles links der Mitte jubelt bei dem Thema. Aber seien wir ehrlich: Ein Nein zum Vaterschaftsurlaub ist vermutlich die feministischste Stimmabgabe, die es je gab. Der Vater glaubt, dass er sich mit zwei Wochen aus der Verantwortung stehlen kann? Das reicht nicht für ein reines Gewissen. Wir wollen mehr. Und zwar: Bewusste Väter sein für die ganze Zeit, die vor uns liegt. Und nicht für zwei Wochen. Nur lässt sich dieses Bewusstsein leider nicht staatlich verordnen. Wenn es fehlt, ändern auch zwei Wochen Vaterschaftsurlaub nichts.

Keine Ausgangslage ist wie die andere. Da kann auch Väterchen Staat nichts dran ändern. Wir schaffen ein Vehikel, das die einen gern fürs Kind nützen (und es vermutlich auch ohne die Änderung getan hätten) und die anderen für den Trip nach Amsterdam mit den Kollegen. Es ist nicht die Aufgabe des Staates, das zu ermöglichen.

Und jeder, der selbst schon seit einigen Jahren Vater ist, weiss: Diese zwei Wochen wären wenn schon viele Jahre später gut angelegt. Wenn das Kind existentelle Fragen hat. Wenn es die Nähe in einer Krise wirklich braucht. Wenn es die Welt nicht mehr versteht. Was uns «Grossen» im Moment ja auch schwer fällt. Und nicht in den ersten zwei Wochen des Lebens. Wenn jemand dann den Vater an der Seite braucht, ist es weniger das Kind - es ist die Mutter. Weil sie einen echten Stress hat. Einen Stress, den wir Männer nicht mal ansatzweise nachvollziehen können. Und Verzeihung, wenn uns die Mutter hoffentlich etwas wert ist, dann nehmen wir Ferien. Eigene Ferien. Für sie. Für die Familie.

Was wir nicht brauchen, sind die gönnerhaften zwei Wochen vom lieben Staat. Die sind ein Witz. Ein teurer Witz. Und wann genau wird uns der Staat auch noch vorschreiben, wie unsere Beziehung zugunsten des Kindes aussehen soll? Damit danach alles scheinbar gut ist? Es ist eine Frage der Zeit. Und das sollte uns allen Angst machen.

Ein Signal wollen die Befürworter aussenden, die selbst oft finden, zwei Wochen seien nichts. Ein Signal für den verstärkten Einbezug der Väter. Reine Symbolpolitik. Gelöst ist nichts.

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Stölzle /  Brányik
Autor/in
Stefan Millius

Stefan Millius (*1972) ist Chefredaktor von «Die Ostschweiz».

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