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Sabine Baumann

Blick nach Marokko

Die Sommerferien sind vorbei; ich denke sehr oft und sehr gerne an die drei Wochen in Marokko zurück.

Sabine Baumann am 09. September 2021

Eigentlich hatte ich direkt aus den Ferien berichten wollen, wie es in Marokko in Bezug auf «Corona» und die Massnahmen aussieht und wie die Menschen damit umgehen. Aber dann unternahmen wir so viel, dass ich gar nicht zum Schreiben kam.

Auf dem Papier sah es schon vor der Abreise streng aus; wir erkundigten uns jeweils auf der Website der Schweizer Botschaft in Rabat. Beispielsweise durfte bis zum 15. Juni niemand ins Land einreisen, nicht einmal Staatsangehörige. (Es sei denn, sie kamen aus Spanien oder Frankreich.) Allein das ist doch widersinnig: Sollte ein Land seine Menschen nicht grad in schwierig(er)en Zeiten sowieso aufnehmen? Oder: Ist es in Ordnung, einen Sohn, eine Tochter nicht zur kranken Mutter, zum betagten, vielleicht im Sterben liegenden Vater zu lassen? Und das wegen eines Virus, das für (über) 99,5% der Menschen harmlos ist!

Ach ja, ich hör‘ sie schon, sie schreien nach Quellen. Die kann, muss ich aber nicht liefern. Denn: Erstens sollte das jede(r) selber herausfinden können und zweitens wollen die Solidarischen von 2020 (Achtung: Ironie) gar keine Quellen. Sie wollen nur eins: den Hype aufrechterhalten und sich mega wichtig, mega richtig und, eben, mega solidarisch vorkommen.

Zurück zu Marokko: Was auf dem Papier streng aussah (zum Beispiel Ausgangssperre ab 23 Uhr (womit man in einem gewissen Alter jedoch leben kann…, Maskenpflicht im Auto sowie im Freien (!) oder Reisebeschränkungen zwischen den Städten...), entpuppte sich in der Realität als «much ado about nothing».

Sprich: Die meisten halten sich nicht dran – und kontrolliert wird höchst selten. Das Leben findet statt, die Masken sind unter der Nase oder sogar unter dem Kinn (um bei einer allfälligen Kontrolle schnell hochgezogen werden zu können), die Abstände zwischen den Menschen sind so, wie sie auch ohne «Corona» wären, die Desinfektionsmittel stehen herum und trocknen vielleicht irgendwann einmal ein (besser als dass sie die Haut austrocknen, anyway...), die Menschen reisen von einer Stadt in die andere, als ob nix wäre, gehen ihren Verrichtungen nach und wollen leben. Oder überleben.

Letzteres ist durch die «Corona»-Massnahmen schwieriger geworden: Ein Land, in dem der Tourismus eine bedeutende Einnahmequelle darstellt, ist verloren, wenn plötzlich keine Touristen mehr kommen. Und so war es leider; wir waren so gut wie die einzigen Touristen - und das sogar in den bekannten und wunderschönen Königsstädten Fès, Meknès und Rabat sowie in der Wirtschaftsmetropole Casablanca. (Und ja, ich kann vergleichen - ich kenne (und liebe) Marokko seit dem Jahr 2004 und habe es in dieser Zeit über zwanzigmal bereist.)

Und ich kenne auch Menschen, die dort leben. Ich war bei ihnen zu Hause, habe mit ihnen Couscous gegessen und Tee getrunken und mit ihnen gesprochen.

Überhaupt haben wir mit den Menschen, denen wir begegnet sind, sei es in einem Café, einem Restaurant, einem Taxi oder einer Kutsche, gesprochen. Alle haben das Gleiche gesagt: Sie leiden unter den Massnahmen. Nicht unter dem Virus.

Und auch wer mit niemandem spricht, sollte merken: Nicht das Virus hat das Leben der Menschen beeinträchtigt und verändert, sondern die Massnahmen gegen das Virus haben es getan. Wenn es nämlich anders wäre, hätten die Menschen Angst vor einer Ansteckung und würden sich schützen. Viele hätten Angehörige verloren und wären deswegen traurig oder verzweifelt - wie bei einer echten Pandemie halt. So ist es aber nicht - überhaupt nicht. (Nicht heulen, ihr Zeugen Coronas, nicht heulen.)

Im Riad in Meknès, ein Juwel mit 9,6 auf «booking.com» und normalerweise auf eineinhalb Jahre hinaus oder länger ausgebucht, waren wir die einzigen Gäste – wirklich die einzigen. Das war natürlich schön insofern, als dass wir jeden Abend die Dachterrasse für uns hatten, wo wir den marokkanischen Rotwein bei Mondschein zu zweit geniessen konnten und es sehr ruhig war, so dass wir ausschlafen konnten. Das war aber beklemmend insofern, als dass wir mit Rashid, dem Gastgeber, sprachen und dabei erfuhren, dass es zur Zeit fast überall in Marokko so sei. (Und wenn es in Marokko so ist, dann ist es in anderen Ländern, die vom Tourismus abhängig sind, ebenfalls so.)

Er hatte sein Riad erst ein paar Tage vor unserer Ankunft wieder aufmachen können; meint, die Gefahr, die von dem Virus ausgehe, werde total übertrieben, und hofft, dass der Spuk bald vorbei sei.

Inshallah.

Dass all‘ die Betriebe, die schliessen mussten, nichts vom Staat erhalten haben, erfuhren wir bei unserem letzten Abendessen in Meknès von einem Besitzer eines anderen Riad. Naja, was soll ich dazu sagen beziehungsweise schreiben? Massnahmen verhängen, in blindem Aktionismus ständig verschärfen und die Menschen, die darunter leiden, hängen lassen? Richtig, nicht?

So ist es doch in vielen Ländern… Aber das interessiert die Solidarischen von 2020 nicht. Hauptsache, sie gefallen sich in ihrer Pseudo-Solidarität. Wenn sie wahrhaftig solidarisch wären, würden sie nämlich denjenigen, die unter den Massnahmen gelitten haben, helfen. Das wäre echte Solidarität. Alles andere ist Heuchelei. (Gruss aus der Risikogruppe, zu der ich nämlich, falls sie wissenschaftlich belegt sein sollte, auch gehören würde.)

Im Riad in Rabat waren wir immerhin nicht die einzigen, aber die meisten Zimmer waren auch dort frei. An unserem ersten Abend in der Hauptstadt, das heisst am Dienstag unserer dritten Ferienwoche, wurde die Ausgangssperre verschärft: Ab 21 Uhr mussten alle Geschäfte geschlossen und die Menschen zu Hause sein. Das bedeutete, dass viele schon gegen 20 Uhr nervös wurden und ihre Kunden vor 21 Uhr abwiesen, um noch aufräumen zu können. Und das in einem Land, wo die Menschen am Abend nach draussen gehen, herumspazieren, sich treffen, miteinander reden, einkaufen, die Kinder herumrennen und spielen lassen…; in einem Land also, wo die so wichtigen sozialen Kontakte häufig am Abend stattfinden, was aufgrund der tagsüber oft grossen Hitze ja logisch ist. Es machte mich nachdenklich, es machte mich traurig, es machte mich wütend.

Beim Spazieren in den Medinas der Königsstädte kamen wir uns manchmal fast schon exotisch vor. Und wenn wir irgendwo einmal ein anderes Touristenpärchen entdeckten, waren wir überrascht. In früheren Jahren zur gleichen Jahreszeit wäre ich an den gleichen Orten überrascht gewesen, wenn ich für zwei oder drei Minuten keine Touristen gesehen hätte.

Wir kauften ein, wir unternahmen viel - und gaben jedes Mal ein grosszügiges Trinkgeld. Das Gefühl, das Beste, was wir können, getan zu haben, wurde überschattet vom Gefühl, dass es ein Tropfen auf einen heissen Stein war.

Und was mir am meisten eingefahren ist: Die Menschen in Marokko lassen einander leben. Sie beobachten einander nicht, sie kontrollieren einander nicht, sie korrigieren einander nicht. Ob jemand eine Maske trägt oder nicht, kümmert die anderen nicht. Wie jemand sie trägt, kümmert sie ebenfalls nicht. Sie machen es so, wie es für sie stimmt, und lassen die anderen in Ruhe. Niemand weist andere zurecht, die es anders machen. Niemand belehrt, beleidigt oder beschimpft andere, die es anders machen. Niemand schaut einen an, niemand stellt einen blöd hin, niemand mäkelt herum. Man muss sich niemandem erklären, vor niemandem rechtfertigen. Niemand wird übergriffig oder ausfällig, niemand verletzt die Privatsphäre von Mitmenschen. Die durchaus darin bestehen kann, keine Maske zu tragen. Aus gesundheitlichen Gründen zum Beispiel. Oder aus weiteren guten Gründen.

Dass ich das Gleiche von der Schweiz ganz und gar nicht behaupten kann, ist erschreckend. Und sagt ganz viel über diejenigen aus, die all‘ das, was die Menschen in Marokko eben nicht tun (siehe oben), nötig haben. Der Unterschied ist so gross, dass Ferien in Marokko schon deswegen viel entspannender und erholsamer sind, als sie es zur Zeit in der Schweiz sind. Warum hierzulande offenbar so viele frustrierte und dumme (nicht aufheulen, ihr seid dumm und merkt es nie…) Zeitgenossen leben, die nichts Besseres zu tun haben, als Polizei zu spielen und ihre eigene Lebensangst auf andere zu projizieren, weiss ich nicht. Ich kann nur vermuten…

Was ich aber weiss: Die panisch-hysterischen und moralisierend rechthaberischen Zeugen Coronas gibt es nur in gewissen Ländern. (In den von Regel-Fetischismus und Wohlstandsverwahrlosung heimgesuchten und gerade darin irgendwie dem Untergang geweihten, würd’ ich mal sagen…)

Was ich auch weiss: Diejenigen, die es nötig haben, sich im Zug, Bus oder Tram so zu benehmen wie oben beschrieben, hätten sooo viel zu lernen - so viel, dass es eigentlich zu viel ist und irgendwie halt keine Chance mehr besteht…

Und was ich sowieso weiss: Meine Seele ist in Marokko geblieben.

(Das hat, ich bin wie immer ehrlich, nicht nur mit der Absenz von Bünzlibürgertum zu tun. Aber auch.)

Verstehen Sie mich richtig: Ich finde die Schweiz ein wunderschönes Land. (Beim Landeanflug dachte ich das wieder...)

Aber zu viele Einwohner und Einwohnerinnen mischen sich in Angelegenheiten ein, die sie nichts angehen, nämlich in die Angelegenheiten ihrer Mitbürger und -bürgerinnen.

Darum halte ich es mit meinem Lieblingsschriftsteller Max Frisch, der gesagt haben soll: «Die Schweiz ist schön. Man kann weggehen. Und man kann wieder zurückkommen. Und wieder weggehen...»

Stölzle /  Brányik
Autor/in
Sabine Baumann

Sabine Baumann (*1973) ist Berufsschullehrerin und wohnt in Winterthur.

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