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Michael Lindenmann

Die Fenster öffnen

Weshalb nichts an einem Mehr an europäischer Integration vorbeiführt!

Michael Lindenmann am 31. Mai 2021

Die bundesrätliche Verlautbarung, das Rahmenabkommen mit der Europäischen Union (EU) nicht zu unterzeichnen, gab wohl weniger Anlass, die 9. Symphonie Ludwig van Beethovens erklingen zu lassen als das Requiem Wolfang Amadeus Mozarts. Sagte die Landesregierung mit ihrem Beschluss doch deutlich Nein zu mehr und Ja zu weniger Europa, ohne auch nur irgendwelche realpolitischen Perspektiven für die Zukunft des Verhältnisses zwischen der Schweiz und der EU aufzuzeigen. Die ganze Abbruchübung hat auch einen positiven Aspekt: Immerhin ist die Katze jetzt nach sieben Jahren Hin und Her aus dem Sack. Statt jetzt aber eine Vogel-Strauss-Politik zu betreiben, sollten wir uns ein Bonmot des Konzilspapstes Johannes XXIII. zu Herzen nehmen und unsere europapolitischen Fenster öffnen!

Erinnern wir uns an 1848

Im Rahmen politischer Debatten über die Geschichte der Schweizerischen Eidgenossenschaft wird gerne auf den Gründungsmythos von 1291 verwiesen, wogegen aus identitätsstiftenden Motiven grundsätzlich auch nichts einzuwenden ist. Zumal die Schweiz im Unterschied zu anderen Nationalstaaten einzig die gemeinsame Geschichte als Schicksalsgemeinschaft verbindet. Demgegenüber gerät die Gründung der modernen Schweiz anno 1848 im politischen Diskurs gerne ins Hintertreffen, obschon der demokratische Verfassungsstaat Schweiz auf Grundlage der Errungenschaften der Französischen Revolution erst dann aus der Taufe gehoben wurde. Seine Gründer setzten – beseelt vom Feuer des Fortschritts – nach dem letzten Bürgerkrieg auf Schweizer Boden erfolgreich ein Mehr an eidgenössischer Integration ins Werk. Hieran sollten wir uns erinnern!

Schaffen wir Raum für eine neue «Meistererzählung»

Mit dem Nein des Souveräns zum Beitritt der Schweiz zum Europäischen Wirtschaftsraum (EWR) 1992 begann zum einen der Aufstieg der Schweizerischen Volkspartei (SVP) zur stärksten Partei, zum anderen eine erfolgreiche Neubelebung des Gründungsmythos von 1291 und in diesem Zusammenhang einer Schweizer «Meistererzählung». Hiernach wären alle Schweizerinnen und Schweizer – angefangen bei Wilhelm Tell – schon immer «frei» gewesen, würden sich in dauernden Konflikten mit ihren Nachbarn befinden und stetig um ihre Autonomie kämpfen. Dass das Gros der Schweizer Bevölkerung bis zur Beseitigung des Ancien Regime 1798 wenige bis keine Mitspracherechte hatte oder die Schweiz nach dem Wiener Kongress 1815 nur dank gutem Willen fremder Mächte überhaupt noch bestand, geht gerne vergessen. Hierfür tragen nicht die SVP mit ihren prominenten und versierten Historikerinnen und Historikern die Verantwortung, sondern die übrigen Parteien, die einer Schweizer «Meistererzählung» politisch keinen Wert beigemessen haben und dies noch immer nicht tun. Schaffen wir also Raum für eine neue «Meistererzählung», in der die Schweiz für Offenheit, Innovationskraft und Integrationsbereitschaft steht!

Übernehmen wir Verantwortung für die europäische Zivilisation

Spätestens mit der Expansion des Römischen Weltreichs nach Norden war das Gebiet der heutigen Schweiz Teil eines grösseren Gebildes, welches für immerhin über 1'000 Jahre ein Garant für Wohlstand, Sicherheit und Fortschritt war. Im Unterschied zu anderen Weltreichen und ähnlich dem British Empire zeichnete sich das Imperium Romanum dadurch aus, lokale und regionale Sitten und Bräuche zu respektieren, solange die Bereitschaft bestand, sich gewisse Teile des Roman Dream of Life zu Eigen zu machen. Für das Gros der von Rom weit entfernten Bevölkerungen war dies sogar erstrebenswert. Hatte die römische Zivilisation doch so viel zu bieten, wobei auch sie Errungenschaften anderen Kulturen freudig aufnahm. Worauf will ich hinaus? Von einem Mehr an europäischer Integration seitens der Schweiz können nicht nur wir, sondern auch unsere Nachbarn profitieren. Zumal wir im Herzen Europas leben und angesichts derzeitiger geopolitischer Verwerfungen schon jetzt Teil einer europäischen Schicksalsgemeinschaft sind und in absehbarer Zeit noch stärker sein werden. Übernehmen wir also auch als Schweizerinnen und Schweizer Verantwortung für die europäische Zivilisation, die seit tausenden von Jahren für nicht weniger als Demokratie, Dichter und Denker steht!

Stölzle /  Brányik
Autor/in
Michael Lindenmann

Michael Lindenmann (*1989) studierte nach Erlangung der altsprachlich-humanistischen Maturität (Latein und Altgriechisch) an der Kantonsschule am Burggraben in St.Gallen Geschichte und Deutsche Sprach- und Literaturwissenschaft an den Universitäten Zürich und Basel. Nach Stationen bei Swisscom und einer Zürcher PR-Agentur arbeitet er seit Abschluss des Studiums als PR-Berater und Projektleiter bei der Mediapolis AG für Wirtschaft und Kommunikation in St.Gallen. Er lebt in Wil.

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