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Über den Autor

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Buchinger, Wolf

Wolf Buchinger

Wolf Buchinger (*1943) studierte an der Universität Saarbrücken Germanistik und Geografie. 1969 heiratete er. Er arbeitete danach 25 Jahre als Sekundarlehrer in St. Gallen und im Pestalozzidorf Trogen. Seit 1994 ist er als Coach und Kommunikationstrainer im Management tätig. Sein literarisches Werk umfasst Kurzgeschichten, Gedichte, Romane, Fachbücher und Theaterstücke. Zudem schreibt er seit 30 Jahren regelmässig für den «Nebelspalter». Zusammen mit seiner Frau bildet er das Bühnenduo «Kernbeissers». Er wohnt in Erlen (TG).

Buchinger

Ode an den Thurgau

Es gibt so viele Vorurteile über Thurgauer. Und das Beste daran: Sie stimmen alle.

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Buchinger, Wolf

Ja, zugegeben, wir klauen immer noch, aber moderner und mit grösserem Erfolg. Unsere Bauern fahren die grössten Traktoren der Welt, mit denen man halb Texas in einem Tag umpflügen könnte, das gibt ihnen ein tolles Selbstbewusstsein, wenn sie mit dem Fernglas vom Fahrersitz aus unter ihnen ihr Feld suchen müssen, Hauptsache der Staat zahlt ihnen eine hohe Prämie für Dimensionen, die sie nie brauchen werden.

Ähnlich ist es mit den wunderschönen Eisenbahnzügen, die bei uns gebaut werden, es sind die buntesten der Welt, aber immer, wenn ein Millionenauftrag reinkommt, wird die Marge runtergespu(h)lt bis es unnötige Subventionen gibt. Die Regierung macht jetzt extra einen Joint Venture von Mostindien nach Richtig-Indien, damit dort die Margenergänzung gezahlt werden muss.

TG hat die beste Luft der Schweiz. In Davos prahlt man mit den saubersten und teuersten Sanatorien, doch die Lunge hat dort oben keinen Anreiz, sich zu regenerieren, es fehlen ihr die natürlichen Aromen, die der Mensch braucht, um tief durchatmen zu können. Wenn ich zum Beispiel nur die dreihundert Meter zur Post gehe, weht mir gratis erst eine starke Brise Pferdemist entgegen, es folgt der inspirierende Duft von Heu aus einer Scheuer, dann warm wie der Föhn mit fröhlichem Gemuhe der Urgeruch des Thurgaus aus einem Kuhstall und in der Post riecht es nach Esel von der Koppel nebenan. Vielleicht wurde sie deswegen geschlossen und in die Volg verlegt, wo es nach unserem Käse und selbstgemachten Moscht duftet. Lunge, was willst du mehr?!

Und erschrecken Sie nicht, wenn Sie bei unseren Kindern fröhlich gegrüsst werden, nein, sie betteln nicht, sondern sind dank ihrer (für ZH und AG rückständigen) Erziehung trainiert, auch Fremden in die Augen zu schauen und ein echt gemeintes «Grüezi» zu sagen, selbst Achtjährige tun es, auch wenn sie Kopfhörer übergestülpt haben oder mit ihren Handys beschäftigt sind.

Ja, ja, ja, Thurgauer haben ihren Fahrausweis in der Lotterie gewonnen! Da wir keine Staus haben (höchstens hinter Traktoren), sind wir es nicht gewohnt, zu drängeln, noch bei Rot über eine Barriere zu rasen oder brutal die Vorfahrt zu schneiden wie in Stadtkantonen üblich. Wir fahren defensiv, vorausschauend und manchmal vielleicht etwas zu langsam, eben, weil wir keine Staus haben.

Nein, nein, nein, unsere Strassen sind nicht das ganze Jahr gefährlich wie im Winter bei Glatteis, weil überall Mist darauf liegt! Wir sind der sauberste Kanton in der Schweiz! Bei uns müssen Sie Schwarze und Dunkelhäutige suchen, alles ist reinweiss, wir verstecken alle, die nicht zu uns passen in abgelegenen Flüchtlingsunterkünften, Deutsche in grossen Mietüberbauungen an den Dorfrändern, Türken und die vom Balkan dürfen alte, am Verfall nagende Bauernhäuser bewohnen, in der Hoffnung, dass sie sie instand halten und etwas zu unserer Kultur beitragen.

Noch Fragen? Beantworten Sie sie selbst, kommen Sie vorbei und geniessen Sie das alte, neue Thurgau-Feeling! Sie werden die Antworten selbst finden müssen, denn von uns bekommen Sie sie nicht. Wie eh und je flüchten wir vor fremden Fötzeln, verstecken uns im Keller und warten geduldig ab, bis die Invasion vorbei ist, so wie wir es im vorletzten Jahrhundert auch mit den Franzosen gemacht haben.

*Der überzeugte Neuthurgauer Wolf Buchinger, der in den Luftschutzkeller geflüchtet ist, weil ein Senegalese ihn aus einem Mercedes heraus nach dem nächsten Puff gefragt hat.

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