MENÜ
Über den Autor

icon
Lünstroth, Michael

Michael Lünstroth

Michael Lünstroth (*1978) ist Redaktionsleiter von thurgaukultur.ch. Zuvor war er als freier Autor unter anderem für taz und den «Tagesspiegel» tätig. Vor seinem Wechsel in den Thurgau war Lünstroth neun Jahre lang für die lokale Kulturberichterstattung beim «Südkurier» zuständig. Er lebt in Konstanz.

Kultur mit Lünstroth

Quälender Stillstand

Das Historische Museum des Thurgau in Frauenfeld ist gerade nicht zu beneiden. Seit Jahren arbeitet das engagierte Team um Museumsdirektorin Gabriele Keck unter erschwerten Bedingungen.

icon
Lünstroth, Michael

Das Schloss Frauenfeld, hier sitzt das Museum, platzt aus allen Nähten und ist, bei allem Charme der altehrwürdigen Mauern, auch sonst eher mässig geeignet für einen modernen Ausstellungsbetrieb. Trotzdem werden die Macher weiter mit ihrem Provisorium leben müssen. Eine fällige Klärung der Standortfrage hat die Politik Ende März bis auf Weiteres verschoben. Der Grund: Eine Sanierung und mögliche Erweiterung des kantonalen Kunstmuseums in der Kartause Ittingen wird als wichtiger erachtet. Und da sich der Kanton finanziell nicht in der Lage sieht, beide Projekte gleichzeitig zu stemmen, bleibt beim Historischen Museum alles wie es ist. Offiziell heisst es, der vor einer Erweiterung notwendige Standortentscheid sei «erst gegen Ende der Legislatur 2016 - 2020 realistisch». In der Konsequenz bedeutet das: Ein neues Historisches Museum, wo und in welcher Form auch immer, wird demnach frühestens irgendwann ab 2025 eröffnen können.

Für die Mannschaft des Historischen Museums ist das frustrierend, weil sie seit Jahren um eine Erweiterung ihres Hauses und für bessere Arbeitsbedingungen kämpfen. Direktorin Keck klagt schon lange, dass das Schloss zu klein ist für die Geschichte des Thurgau. Aktuell kann beispielsweise das ganze 19. und 20. Jahrhundert nicht gezeigt werden. Auch die Depots des Museums sind mangelhaft. Die Anforderungen in puncto Klima, Sicherheit und Logistik, seien nur sehr eingeschränkt erfüllt, erklärt Gabriele Keck. Handlungsbedarf wäre also da. Stattdessen gibt es verordneten Stillstand. Weil, so der Regierungsrat weiter, dass Historische Museum mit den zwei Ausstellungsorten (Schloss Frauenfeld, altes Zeughaus Frauenfeld) zwar «keine Ideallösung, aber mindestens eine pragmatische Zwischenlösung gefunden» habe. Eine Einschätzung, die im Museum selbst eine Mischung aus Achselzucken und Augenrollen auslöst.

Zu allem Überfluss gab es dann im März noch eine andere schlechte Nachricht für das Museum: Im Depot des Museums wurden Asbestfasern gefunden. Seither geht auch hier nichts mehr. Mit den dort eingelagerten rund 30.000 Objekten kann bis auf weiteres nicht gearbeitet werden. Für den Museumsbetrieb ist das ein ziemliches Desaster. «Die Alltagsarbeit der Kuratoren und Kuratorinnen im Depot ist gegenwärtig blockiert. Externen Forschern können wir derzeit keinen Zugang zu den Beständen gewähren. Anderen Museen können keine Leihgaben zur Verfügung gestellt werden», beschreibt Museumsdirektorin Gabriele Keck die Konsequenzen für ihr Haus.

Wie lange der Zustand anhalten wird, kann niemand derzeit verlässlich sagen. Der Kanton ist in Gesprächen mit dem Eigentümer des Gebäudes, der Axa Versicherung. Ein Zeitplan zur Sanierung soll erarbeitet werden, Kantonsbaumeister Erol Doguoglu sagt, man wolle die Arbeiten «so rasch als möglich aber auch nicht überhastet an die Hand nehmen» Für die Zwischenzeit soll es für das Museum aber ein Ersatzdepot geben. Wo das sein soll und wann dort wieder gearbeitet werden könnte, muss aber ebenfalls noch geklärt werden.

Alle Beteiligten bemühen sich. Aber am Ende steht in beiden Fällen - Erweiterung und Sanierung - die grosse Frage: Wie viel ist uns unsere Geschichte wert? Wenn es so weiter geht wie bisher, könnte man der aktuellen Generation irgendwann vielleicht mal vorwerfen, dass sie nicht besonders sorgsam mit dem thurgauischen Kulturerben umgegangen ist.

Teil von «Die Ostschweiz» werden
SO KÖNNEN SIE DAS NEUE MEDIUM UNTERSTÜTZEN

Werden Sie Gastautor oder Gönner von «Die Ostschweiz». Oder teilen Sie uns Verbesserungswünsche mit - unter info@dieostschweiz.ch