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Grögli Beat

Beat Grögli

Beat Grögli (*1970) ist Dompfarrer in St.Gallen

Sola gratia

Verhandeln mit Gott

Ist mit Sühne-Rosenkränzen, einer Totenmesse oder einer Wallfahrt bei Gott fast alles zu erreichen? Sind wir so etwas wie ein Verhandlungspartner?

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Grögli Beat

«Sola gratia» – allein aus Gnade – ist ein wichtiger reformatorischer Grundsatz. Gerecht werde ich vor Gott nicht durch das, was ich leiste oder tue. Die Reformatoren kritisierten damit eine Werkgerechtigkeit, die damals in der katholischen Kirche extreme Blüten trieb. Mit Ablässen, Novenen, Sühne-Rosenkränzen, Wallfahrten, Reliquien, Totenmessen war fast alles zu erreichen. Mit Gott war zu verhandeln. Man konnte sich seiner versichern. 

Aber Gott ist nicht so – und zu Recht haben die Reformatoren energisch darauf hingewiesen. Leider haben sie das Kind gleich mit dem Bad ausgeschüttet und vieles einfach abgeschafft. Aber richtig ist der Grundsatz doch: «sola gratia» oder «prima gratia»: zuerst die Gnade. Zuerst bin ich geliebt, angenommen, befreit, erlöst, und daraus folgt mein Tun und Lassen. Daraus lebe und schöpfe ich – nicht aus mir selbst heraus.

Ich glaube, dieses «sola gratia» habe heute wieder eine ganz neue Aktualität gewonnen. Und wir Christen – Katholiken, Reformierte und Orthodoxe – täten gut daran, diese Botschaft den Menschen heute neu ans Herz zu legen und ihnen zuzusprechen: «Sola gratia» – aus Gnade allein macht Gott dich gerecht; ins rechte Verhältnis zu Gott kommst du nicht, weil du das oder jenes geleistet hast, sondern aus Liebe. «Sola gratia» – das ist die Zusage, dass jeder Mensch wertvoll und wichtig ist – vor jeder Leistung und trotz aller Schuld. Diese Botschaft brauchen wir in einer Welt und in einer Gesellschaft, die nur noch rechnet und alle Lebensbereiche ökonomisiert.

Das Recht auf Leben muss der Mensch sich nicht verdienen, auch der alte, kranke oder behinderte Mensch nicht. Wir tun gut daran, den Orten Sorge zu tragen, wo das gelebt und verwirklicht wird: in den Familien, in den Spitälern und Heimen; in den internationalen Organisationen; in einer solidarischen Gesellschaft, welche die Lasten miteinander trägt; in den Festen, die wir gemeinsam feiern; und nicht zuletzt in den Gottesdiensten, wo der Himmel sich öffnet, wo das Mensch-Sein aufgehoben ist bei Gott, und wo die Ahnung stark wird, dass Gott noch nicht am Ende ist, wenn wir am Ende sind.

Diese gnädige Sorge in einer gnadenlosen Welt ist uns Christen gemeinsam aufgetragen.

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