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Giuseppe Gracia

Liebe Frau NR Friedl

Ein offener Brief an Nationalrätin Claudia Friedl zur Angelegenheit «Artvent».

Giuseppe Gracia am 27. November 2018

Hier geht es zur Vorgeschichte. Inzwischen hat sich die Vereinspräsidentin, Nationalrätin Claudia Friedl, im Tagblatt vernehmen lassen. Dieser offene Brief nimmt Bezug auf ihre Reaktion.

Sehr geehrte Frau Nationalrätin Claudia Friedl

Als Präsidentin von «Pic-O-Pello» haben Sie offenbar eigenmächtig, ohne Absprache mit den Vereinsmitgliedern, entschieden, dass ich am diesjährigen Artvent-Programm nicht teilnehmen darf.

Seit knapp 30 Jahren bin ich Gast im Splügen, eine Beiz, die in meinem Roman «Riss» (1992) nicht nur eine wichtige Rolle spielt, sondern der auch zu einem Grossteil im «Splügen» entstanden ist. So erschien es Sam und mir eine schöne Idee, wenn ich auch einmal am Artvent mitmache, als Schriftsteller mit dem Vortragen von Weihnachtsgeschichten aus der Literatur.

Ich kann verstehen, wenn es Ihnen nicht passt, dass ich nicht nur brav Schriftsteller bin, sondern auch ein PR-Mandat für das Bistum Chur habe, also in den Medien regelmässig das katholische Reich des Bösen vertrete. Das ist für Sie wahrscheinlich so, als wäre ich der Kommunikationschef von Darth Vader und dem Todesstern.

Aber auch wenn ich deswegen durch die Maschen Ihres Toleranz- und Gesinnungstests falle, wollte ich Ihnen doch mitteilen, dass ich in St. Gallen schon häufiger als Schriftsteller aufgetreten bin, dass ich in diversen Schweizer Medien regelmässig als Autor und Publizist mit liberalen Positionen in Erscheinung trete, auch als Kolumnist beim BLICK. Und dass mich bisher noch niemand allein auf mein Churer PR Mandat reduziert hat.

Aber natürlich kann niemand gezwungen werden, seinen weltanschaulichen Horizont offen zu halten. Jeder darf in seiner geistigen Echokammer verweilen. Jeder darf die zarten Pflanzen seiner Selbstgerechtigkeit und seines moralischen Überlegenheitsgefühls hegen und pflegen, wie es ihm gefällt. Ich mache Ihnen keinen Vorwurf, dass Sie fremde Hunde verjagen, sobald sie sich der Harmonie Ihres Gärtleins nähern.

Aber ich nehme es Ihnen übel, dass Sie meinen Freund Sam vorgeschickt haben, um mir Ihre Entscheidung zukommen zu lassen, und zwar, ohne dass Sie dabei namentlich genannt wurden. Wenn Sie schon ohne Rücksprache mit dem Verein Auftrittsverbote verhängen, dann stehen Sie wenigstens dazu und schauen Sie den Betroffenen dabei in die Augen.

Und noch etwas: einen «erbitterten Kampf» gegen Abtreibung oder Verhütung führt der Bischof von Chur nicht, wie Sie behaupten, dazu hat er zu viel Humor. Sie verwechseln ihn wohl mit Papst Franziskus, der Abtreibung kürzlich mit «Auftragsmord» verglichen hat. Nun können Sie ja alle Autoren und Kulturleute von Ihrem Verein ausschliessen, die sich irgendwie getrauen, Papst Franziskus deswegen nicht gleich ins Reich des Bösen zu verdammen.

Giuseppe Gracia, 27. November 2018

Stölzle /  Brányik
Autor/in
Giuseppe Gracia

Giuseppe Gracia (*1967) ist freier Autor und für «Die Ostschweiz» als Publizist tätig. Er ist verheirateter Vater von zwei Kindern und lebt in St.Gallen.

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