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Referentin am Networking-Tag

«Das Thema Robotik ist in Japan mit deutlich weniger Skepsis verbunden»

Wie könnten Roboter das Leben von älteren Menschen erleichtern? Dieser Frage geht Sabina Misoch auf den Grund. Die Leiterin des interdisziplinären Kompetenzzentrums Alter IKOA-FHS an der FHS St.Gallen spricht im Interview über die Skepsis der Schweizer im Hinblick auf Robotiklösungen.

Manuela Bruhin am 02. August 2019

Sabina Misoch, Sie reisen im Hinblick auf Ihre Arbeit viel nach Japan. Wie sieht dort die Situation mit den Robotern für ältere Menschen aus?

Japan ist für mich als Altersforscherin sehr spannend, da eine Reise dorthin einem Blick in die Zukunft gleicht: Japan hat bereits heute eine demographische Struktur mit einem Anteil von etwa 30 Prozent Personen, welche 65 Jahre und älter sind. Dies werden wir in der Schweiz erst im Jahr 2050/2060 erreicht haben. Es ist interessant, welche Lösungen Japan für die demographische Herausforderung gefunden hat – immer eng gekoppelt an die Frage, ob und wie diese Lösungen eventuell für die Schweiz adaptiert werden könnten.

Welche kulturellen Unterschiede machen sich dabei bemerkbar?

Das Thema Robotik ist in Japan mit deutlich weniger Skepsis verbunden, als das in der Schweiz der Fall ist. Wenn wir Robotiklösungen für die demographische Herausforderung (bei gleichzeitigem Fachkräftemangel) bei uns in der Schweiz zur Unterstützung und Entlastung entwickeln wollen, so muss dies meiner Ansicht nach in enger Zusammenarbeit mit den potentiell betroffenen Personen und Personengruppen, also den Senioren selbst und den Pflegenden stattfinden.

Vor einiger Zeit wurde die Schweiz von einer «Roboter-Robbe» besucht. Damals erklärten Sie, mit wie vielen Vorbehalten das Thema hierzulande angegangen wird.

Bei uns ist nicht per se von einer positiven Einstellung Robotern gegenüber auszugehen, das stimmt. Deshalb braucht es hier viel Sensibilität und partizipative Entwicklung zusammen mit den Betroffenen. Wir erforschen derzeit beispielsweise in einem Projekt, wie ein Roboter aussehen und gestaltet werden soll, um von den Senioren akzeptiert zu werden. In einem anderen Vorhaben wird zusammen mit den relevanten Nutzergruppen, also den Senioren und den Pflegenden, ein Roboter zur Unterstützung im Pflegebereich entwickelt werden.

Sie sprechen hier das grösste nationale Forschungsprojekt «Alter(n) in der Gesellschaft; AGE-NT» an, welches bereits Halbzeit erreicht hat. Welche bisherigen Rückschlüsse ziehen Sie?

Dieses Vorhaben hat in den ersten zwei Jahren der Förderung mit dem Aufbau nachhaltiger Strukturen erfolgreich begonnen. Als Beispiel wäre hier die Visualisierung von relevanten Daten zum Wohnen und Leben älterer Menschen im Altersatlas der FHNW, Modellversuche zusammen mit Praxispartnern zu Arbeitsmodellen für Arbeitnehmende 45+ an der BFH, die Grundlegung für einen Lern- und Begegnungsort für personenzentrierte Technik für Menschen mit Demenz sowie den schweizweiten Aufbau der Struktur von Living Labs 65+ zur langzeitlichen Testung von Innovationen unter realweltlichen Bedingungen in enger Kooperation mit den Senioren selbst zu nennen; beides Vorhaben der FHS St, Gallen.

Wie geht es nun weiter?

In den verbleibenden (knapp) zwei Jahren werden diese Strukturen weiterentwickelt, im Rahmen des Vorhabens Forschungsprojekte durchgeführt, Ergebnisse in Studiengänge eingebracht und publiziert und ein Geschäftsmodell für den nachhaltigen Weiterbestand nach Ende der Förderung durch Bundesgelder (nach 12/2020) erarbeitet. Kernstück von AGE-NT ist die Vernetzung der relevanten Stakeholder in der Schweiz, wozu im Herbst 2019 wieder ein Networking Anlass in Zürich stattfinden wird.

Auch in St.Gallen referieren Sie am Networking-Tag über das spannende Thema «Roboter zur Unterstützung älterer Menschen».

Wir sind überzeugt, dass in guter und in enger Zusammenarbeit mit den Senioren und Pflegenden entwickelte Robotiklösungen zur Unterstützung der Autonomie oder zur Entlastung der Pflege auch in der Schweiz Potential haben. Deswegen entwickeln wir zusammen mit Technologiepartnern mögliche Lösungen zusammen mit den Senioren im Rahmen unserer Living Labs 65+, in denen mögliche Lösungen in Langzeittests im Lebensalltag der Betroffenen auf Herz und Nieren geprüft und im Hinblick auf ihre Nützlichkeit und Akzeptanz untersucht werden.

Ein Beispiel daraus wäre, dass der Roboter die Menschen zur Gymnastik animieren soll.

Der Roboter führt Gymnastikübungen vor und erklärt gleichzeitig, wie man diese korrekt durchführen soll. Genau wie bei einem Fitnesstrainer, nur, dass dieser Trainer elektronisch ist. In einer Vergleichsstudie mit zu Hause lebenden Senioren wollen wir herausfinden, ob der Erfolg – im Sinne der nachhaltigen Motivation zur Bewegung – bei der Animation durch den Roboter, durch ein Demovideo oder durch Anweisungen per Mail grösser ist.

Wie weit ist man mit diesen Entwicklungen?

Der Roboter, beziehungsweise die Fitnessübungen, sind fertig programmiert. Der Roboter wird in Ostschweizer Haushaltungen unserer Living Labs 65+ eingesetzt und evaluiert werden.

In der Theorie tönt das vielfach spannend, in der Umsetzung wird es dann schwierig. Welche Szenarien sind realistisch?

Ich denke, dass wir das Potential von technologsicher Unterstützung für Menschen im Alter, sei es, dass diese selbständig zu Hause leben oder in einem Alters- und Pflegeheim sind, nutzen sollten. Durch einen sinnvollen Einsatz von Technologien kann die Sicherheit erhöht, die Pflege unterstützt und entlastet, die Kommunikation vereinfacht, neue Therapien angeboten und so insgesamt die Lebensqualität von Menschen in der Lebensphase Alter erhalten oder verbessert werden.

Wie gehen Sie es an, damit die Skepsis gegenüber Roboterlösungen abnimmt?

Wir verfolgen das Ziel, durch partizipative Entwicklung von Technologie jene Entwicklungen zu unterstützen, die von den Nutzergruppen wirklich gebraucht und von diesen auch akzeptiert werden. Dies bedeutet, dass wir diese Nutzergruppen in einem möglichst frühen Stadium der Produktentwicklung mit ins Boot nehmen müssen, damit Innovationen auf den Weg gebracht werden, die diese Bedingungen wirklich erfüllen.

Networking-Tag St.Gallen

Sabina Misoch ist eine der Referentinnen am Networking-Tag 2019 in St.Gallen. Dieser findet am Freitagnachmittag, 6. September 2019, statt. Anmeldeschluss ist der 25. August. Weitere Infos unter: www.networkingtag.ch

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Stölzle /  Brányik
Autor/in
Manuela Bruhin

Manuela Bruhin (*1984) aus Waldkirch ist Redaktorin von «Die Ostschweiz».

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