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Fachbeitrag

Freizeitaktivitäten – ein Schlüssel zur Persönlichkeit?

Die Arbeitswelt scheint familiärer geworden zu sein. Die Onlinemeetings der vergangenen Jahre haben regelmässig Einblicke in den privaten Wohnraum von Fach- und Führungskräften rund um den Globus gewährt und es ist modern, dass Kollegen nach der Arbeit gemeinsam Sport treiben.

Nellen & Partner am 25. Mai 2022

Text: Dragan Popovic, Konsulent bei Nellen & Partner in Zürich.

Allerdings stellt dies lediglich die Fortführung einer Entwicklung dar, die schon lange vorher begonnen hat. Angaben zu Freizeitaktivitäten in Lebensläufen sowie Gespräche darüber in Jobinterviews sind gang und gäbe. Auch Grillen oder Besuche auf Volksfesten waren unter Kollegen bereits früher üblich. Doch was sagen Freizeitaktivitäten über Menschen aus? Wie ernst können Entscheider in Unternehmen Aussagen dazu nehmen und welche Bedeutung sollten sie ihnen beimessen, etwa bei der Personalauswahl?

Statistisch betrachtet ist Musik das Hobby Nummer 1 in der Schweiz. Das ergab die Statista Global Consumer Survey 2021. Auf den weiteren Rängen folgen Reisen, Essen beziehungsweise etwas gehobener formuliert Kulinarik, Lesen/Schreiben, Kontakte pflegen Sport treiben, Gesundheit und Fitness sowie Haustiere. Lesen, Reisen, verschiedene sportliche Aktivitäten, Musik hören und Kochen gehören nach Recherchen von Jochen Mai, Gründer des Job- und Bewerbungsportals Karrierebibel, auch zu den am häufigsten genannten Hobbys im Lebenslauf. Doch manche können zum „Bewerbungskiller“ werden, etwa weil sie gewöhnlich seien oder passiv wirken – wie Fernsehen, Kino und Computerspiele – oder mit Gefahr und Risikobereitschaft assoziiert werden. Dazu zählen Bergsteigen, Free-Climbing, Fallschirmspringen, Höhlentauchen sowie Motorcross fahren. Sie können bei Personalern Befürchtungen auslösen, aus dem nächsten Urlaub nicht gesund zurückzukehren, in einem „normalen“ Job gelangweilt oder als Manager mit hoher Budgetverantwortung ungeeignet zu sein.

Vorsicht vor Piloten – oder doch nicht

Tatsächlich zeigt eine Studie nach Angaben des Manager Magazins, dass CEOs mit riskanten Hobbys auch bei ihren Unternehmensentscheidungen eher mutig seien. Firmen mit einem Piloten an der Spitze häuften im Durchschnitt um 0,18 Prozent höhere Fremdkapitalkosten an. Allerdings legte das Manager Magazin in einem anderen Bericht dar, dass solche Studien durchaus ein „gemischtes Bild“ ergeben. Darin heisst es: „Zum Beispiel führen Topmanager, die auch Piloten sind, innovativere Unternehmen, und Unternehmen mit Marathonläufern an der Spitze erzielen bessere Ergebnisse“. Ganz sicher können Manager einiges von Piloten mitnehmen, wie der Beitrag „Ready for Take-off – so lernen Führungskräfte von Piloten“ aufzeigt.

Um Pluspunkte zu erhalten, riet Jochen Mai, dass Bewerber mit der Angabe ihrer Hobbys zeigen sollen, dass sie ihr Leben aktiv führen und gestalten. Soziales Engagement, Teamgeist sowie körperliche Fitness wirken sich positiv aus. Beispiele seien Turniertanzen, Geocaching, Musik machen, Vereinsfunktionen, Bloggen, Yoga und Marathon laufen. Aber auch Hobbys mit beruflichem Bezug seien hilfreich, wenn etwa ein Ingenieur in seiner Freizeit Oldtimer restauriere.

Nichtstun kann auch positiv sein

In der Praxis können Gespräche über Hobby gut als Eisbrecher dienen. Schliessen Personalentscheider angesichts der Freizeitbeschäftigungen jedoch auf die Persönlichkeit, greift dies zu kurz. Denn die auf den ersten Blick oft vorteilhaft wirkenden Hobbys führen in vielen Fällen dazu, dass sich Menschen erschöpft fühlen, wie Redakteurin Carmen Böker im Magazin Zeit Online darlegte. Sie fragte: „Wir gestalten unsere Freizeit immer effizienter. Kaum jemand hat noch Hobbys, um sich nur die Zeit zu vertreiben. Sind wir deshalb so erschöpft nach dem Wochenende?“ Sie argumentierte, dass viele aufgrund des zeitgemässen Anspruchs, „auch die Freizeit mit Aufgaben vollzupacken, sie zu nutzen“ diese genauso gestalten wie ihren Berufsalltag: „effizient, strukturiert, durchgetaktet“. Dies führe häufig zu Freizeitstress.

Carmen Böker wies darauf hin, dass es durchaus ein Hobby sein könne, mit Absicht nichts zu tun. Die Generation der heutigen Grosseltern hielt es für ein gelungenes Wochenende, die meiste Zeit im Liegestuhl verbracht zu haben. In den Fünfzigerjahren soll das aus dem Fenster schauen die drittliebste Freizeitaktivität gewesen sein – „auf die Fensterbank aufgestützt, am besten mit einem Kissen unter den Ellenbogen“. In Grossbritannien gelten Vogelbeobachtungen, Gärtnern und ausgedehntes Teetrinken gar als Pflege nationalen Kulturguts. Wer ein Hobby ausübe, dürfe sich währenddessen unberührt von den Erwartungen anderer fühlen, von den Ansprüchen, die er erfüllen zu müssen glaube.

Persönlichkeiten sind immer komplex

Das Fazit lautet also: Hobby ist Hobby und muss keine Beschäftigung sein – erst recht nicht eine bestimmte, die zwangsläufig zum Beruf passt beziehungsweise einige Aktivitäten nicht beinhalten sollte. Beispiele prominenter Führungskräfte belegen das. David Michael Solomon etwa ist CEO und Vorstandsvorsitzender von Goldman Sachs, eines der führenden globalen Häuser im Investmentbanking, Wertpapierhandel sowie in der Vermögensverwaltung. Neben diversen anderen Tätigkeiten ist er DJ und produziert Musik unter dem Künstlernamen DJ D-Sol, so Wikipedia.

Also sollten auch Personaler hierzulande den Hobbys von Kandidaten nicht zu grosse Bedeutung beimessen. Sie sind lediglich ein Teil im grossen Puzzle der Persönlichkeit, das keinen speziellen Platz hat. Es kommt immer auf den jeweiligen Menschen an. Das bedeutet: Ein Fallschirmsprung unter professionellen Bedingungen kann sicherer sein als in einem Oldtimer über die Autobahn zu tuckern und Bergsteigen mit einem erfahrenen Bergführer an der Seite kann gesundheitsfördernder sein als ein Marathonlauf für einen Untrainierten. Analysieren Sie immer die gesamte Persönlichkeit! Gerne unterstützen wir Sie dabei.

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Laveba 03/2022

Stölzle /  Brányik
Autor/in
Nellen & Partner

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