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Rapper E.S.I.K. publiziert Song zu Corona

«Absoluter Gehorsam ist keine Schweizer Tugend»

Es ist nach wie vor ziemlich still in Kunst und Kultur, wenn es um die Coronasituation geht. Einer wollte aber nicht mehr länger schweigen. Der St.Galler Rapper E.S.I.K. beklagt im Song «Stellder vor» die aktuelle Politik gegen das Virus - und die Auswirkungen auf die Gesellschaft.

Stefan Millius am 06. Januar 2021

Lange habe er gezögert, sich Gedanken gemacht, ob er diesen Song veröffentlichen oder in der Schublade verschwinden lassen soll. Doch schliesslich nahm sich der St.Galler Rapper Khaled Lutz alias E.S.I.K. ein Herz und tat es. In «Stellder vor» übt er Kritik am Umgang unseres Landes mit dem Coronavirus. Im Gespräch mit dem Musiker über sein jüngstes Werk.

Aus der Kunst- und Kulturszene hört man wenig zur Coronasituation. Hast du eine Erklärung dafür, wieso das so ist?

Ich bin tatsächlich überrascht und wundere mich sehr! Aber Künstler sind auch nur Menschen, und alle stecken derzeit in einer schwierigen Situation. Trotzdem habe ich mehr erwartet, vor allem, weil Künstler direkt betroffen sind! Ich verstehe nach so langer Zeit - die Krise dauert bald ein Jahr an, ohne irgendein Licht im Tunnel, es wird nur immer schlimmer! - nicht, dass man sich das ohne jeglichen Gegendruck gefallen lässt. Vor allem in der Schweiz mit ihrer Geschichte! Eigentlich ein gefundenes Fressen für Künstler.

Du hast das Schweigen nun gebrochen und einen provokativen Song mit klarer Positionierung veröffentlicht. Was gab den Anstoss?

Ich habe Ende 2019 innerhalb einer Woche meinen Vater verloren, und bin selber Vater geworden! Das war traumatisch, und kurz darauf kam diese Krise. Als Vater macht man sich plötzlich andere Gedanken. Als die Maskenpflicht kam und immer mehr Leute nur noch mit Maske rumliefen, habe ich bemerkt wie mein halbjähriger Sohn darauf reagiert. Es bricht mir das Herz zu sehen, wie ihm die Möglichkeit genommen wird, in der Öffentlichkeit Gesichter lesen zu lernen. Dazu kommt, dass er mir die Maske immer vom Gesicht reisst, wenn ich ihn beim Einkaufen auf dem Arm trage. Kurz nach Einführung der Maskenpflicht begann ich den Song zu schreiben. Als dann die Maskenpflicht erweitert wurde auf gewisse Bereiche an der freien Luft, hat's mir endgültig gereicht, und ich wusste, dass ich den Song veröffentlichen würde.

Du hast damit ebenfalls recht lange gewartet. Ist das Zögern auch darauf zurückzuführen, dass du Nachteile für deine Karriere zu erwarten hast?

Tja, wie gesagt, ich bin gerade Vater geworden… Das Zeitmanagement muss sich noch einpendeln, sonst wäre der Song früher gekommen. Aber ich musste mir zunächst auch ein eigenes möglichst klares Bild der Situation machen. Nachteile erwarte ich keine, zum Glück bin ich nicht an irgendwelche Verträge gebunden, sondern ein unabhängiger kritischer Künstler. Wenigstens bin ich authentisch und mir selber treu, falls ich dann falsch liegen würde, wäre ich bereit, meine Meinung zu ändern. Womit ich nicht leben könnte, wäre, richtig zu liegen, aber nichts unternommen zu haben, vor allem jetzt, da ich einen Sohn habe.

Wie sahen die bisherigen Reaktionen auf den Song aus?

Bisher sehr gut, weil auch mein Umfeld allgemein eher kritisch ist, und vieles hinterfragt, auch schon vor dieser Krise. Das kann sich natürlich jederzeit ändern. Meine Reichweite ist ganz okay, aber bei einer grösseren könnte das anders aussehen. Aber eigentlich sage ich im Song ja immer: «stellder vor…» und will, dass der Hörer sich in eine Zeit vor dieser Krise zurückversetzt und sich von dort vorstellt, wie er auf eine allgemeine Maskenpflicht reagieren würde.

Du gehst im Text auf diverse der Massnahmen gegen das Coronavirus ein. Kannst du der aktuellen Politik gar nichts abgewinnen oder gibt es auch Schutzvorkehrungen, die du für sinnvoll hältst?

Was mich gestört hat, ist die Maskenpflicht, vor allem wie sie eingeführt wurde, und dass gewisse Umsetzungen völlig unlogisch waren. Hände waschen ist immer eine gute Massnahme, nicht nur, aber vor allem im Winter. Hände desinfizieren sehe ich wieder anders, das muss man differenzierter betrachten. Abstand halten ist auch wieder schwieriger, in der Familie und im weiteren Umfeld fast unmöglich umzusetzen. Hinzu kommt, dass wir Menschen soziale kontaktfreudige Wesen sind. Daher denke ich, eine solche Massnahme richtet über längere Zeit - falls das noch Jahre dauert - mehr Schaden an, als dass es etwas nützt. Natürlich halte auch ich Abstand, wenn jemand gerade niest oder einen Hustenanfall hat, aber dies auch vor dieser Krise. In der Öffentlichkeit Abstand zu halten kann sinnvoll sein, aber wenn das über Jahre geht, wird dies unsere Gesellschaft grundlegend verändern.

Welche Hoffnung verbindest du mit der Veröffentlichung?

Ich möchte die Leute zum Denken anregen, denn ich habe das Gefühl, dass der grosse Teil der Bevölkerung immer noch in Panik ist und das Denken bei vielen ausgesetzt hat. Dieser momentan gelebte absolute Gehorsam gegenüber der Obrigkeit ist keine Schweizer Tugend, das Gegenteil ist der Fall! Ich bin sehr froh, dass sich friedlicher Widerstand formiert und hoffe dazu beitragen zu können.

E.S.I.K.

E.S.I.K.

Stölzle /  Brányik
Über den Autor
Stefan Millius

Stefan Millius (*1972) ist Chefredaktor von «Die Ostschweiz». Seine Stationen führten über das «Neue Wiler Tagblatt», Radio aktuell, die ehemalige Tageszeitung «Die Ostschweiz» zum «Blick».

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