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Hoffnungsträgerinnen und -träger im Gespräch

«Aus meiner Sicht jammern wir Schweizer sehr gerne» 

Welche Kräfte werden die verschiedenen Parteien der Region schon bald prägen? In einzelnen Interviews stellen wir die Hoffnungsträgerinnen udn -träger vor. Heute: Markus Giger (*1998), Vorstandsmitglied der Jungen Mitte Appenzell Ausserrhoden.

Marcel Baumgartner am 22. Juni 2022
  • Wohnort: Herisau

  • Zivilstand: ledig

  • Ausbildung/Beruf: Primarlehrer

  • Partei und Funktion: Vorstandsmitglied der Jungen Mitte Appenzell Ausserrhoden

  • In der Partei seit: 2021

  • Hobbies: Wandern, joggen, lesen, Netflix schauen, Ski fahren, Klavier spielen, singen

Hätten Sie schon immer eine Nähe zu der Partei, in der sich heute aktiv sind? Oder standen Sie dereinst auf einer anderen Seite?

Tatsächlich habe ich mich schon immer für eine lösungsorientierte sowie sehr sachbezogene Politik interessiert. Ich verstand schon als Jugendlicher oft beide Seiten und realisierte, dass es nicht immer nur ein Richtig und Falsch gibt, sondern uns als Gesellschaft schlussendlich der Konsens weiterbringt. Davon bin ich bis heute überzeugt. In diesem Sinn: Ich fühle mich sehr wohl in der Jungen Mitte.

Gab es einen bestimmten Auslöser, der bei Ihnen das Interesse für die Politik geweckt hat? Was war die Motivation, sich in einer Partei zu engagieren?

Aus meiner Sicht jammern wir Schweizer – oder zumindest viele von uns und ich schliesse mich mit ein – sehr gerne. Deshalb finde ich es umso wichtiger, dass wir unsere Rechte und Pflichten als Bürgerinnen und Bürger wahrnehmen und uns beispielsweise über das Geschehen und die Vorlagen informieren und abstimmen gehen. Meine Motivation, mich politisch noch mehr zu engagieren und mitzugestalten, hat also damit zu tun: Mitzumachen anstatt bloss zu jammern. Ich glaube fest daran, dass das Kritisieren und Bemängeln keine Kunst ist, sondern jeder und jede kann. Was aber viel schwieriger ist: Es selbst zu tun und zu versuchen, es möglichst besser zu machen.

Wenn Sie Ihre Partei mit einer Schulnote bewerten müssten, wie würde die Benotung ausfallen?

Für mich besteht kein Zweifel, dass es die Mitte und besonders die Junge Mitte in der Schweiz braucht, da die meisten Lösungen für bestehende und anstehende Herausforderungen und Probleme aus der Mitte entstehen oder nur mit ihr zusammen resultieren können. Dennoch muss man selbst auch immer kritisch sein und bleiben. Ich denke, dass beide Parteien, sowohl die Mitte als auch die Junge Mitte, noch mutiger auftreten könnten. Ich würde uns selbst also etwa eine solide 5 geben.

Was benötigt es, damit diese Bewertung dereinst noch besser ausfällt?

Ich denke, durch den Namenwechsel und den spürenden Aufbruch sind wir auf einem guten Weg. In der Politik braucht es neben guten Argumenten auch enorm viel Networking sowie Mut, zu scheitern. Ich bin überzeugt, dass viele Leute der Mitte-Politik eigentlich sehr nahe stehen, sie sich aber nicht getrauen, einer Partei anzuschliessen, weil sie vielleicht denken, dass sie dann nicht mehr selbst denken könnten, sondern einer Parteilinie folgen müssten. Das ist natürlich totaler Quatsch – erst recht in der Mitte, wo jede Person bezogen auf die Sache für sich selbst entscheiden kann und soll, was er oder sie für richtig hält. Ich glaube, dass wir uns da von der Jungen Mitte noch verbessern können, indem wir mit den Leuten noch mehr ins Gespräch kommen und aufzeigen, was es heisst, in der Mitte zu sein.

Was sind Ihre persönlich wichtigsten Kernanliegen? Wofür möchten Sie sich einsetzen?

Persönlich setze ich mich für eine ausgeglichenere, solidarische, liberale und progressive Gesellschaft ein, in welcher der Mensch und seine Anliegen im Zentrum stehen. Dazu gehört unter anderem, dass wir als Gesellschaft die AHV-Renten in einem ersten Schritt kurzfristig und in weiteren Schritten auch langfristig sichern.

Welche politischen Ambitionen haben Sie? In welcher Funktion würden Sie dereinst gerne aktiv sein?

Politik ist für mich im Moment wie ein Hobby. Ich engagiere mich, weil ich darin einen Sinn sehe, weil ich glaube, etwas Gutes zu tun und weil es mir auch einfach Spass macht, mit anderen jungen engagierten Leuten, denen die Zukunft in unserem Land am Herzen liegt, zu diskutieren. Wohin mich dieser Weg also führt, lasse ich komplett offen. Ich mache es so lange, wie es mir eben Spass bereitet und ich glaube, dass ich etwas Gutes tue.

Kommt es vor – ob im politischen Umfeld oder auch privat –, dass Sie eine extreme Position einnehmen, weil Sie Freude an der Debatte haben?

Ich finde, dass wir genügend Gräben in unserer Gesellschaft haben und bin deshalb kein Fan von extremen Positionen. Viel wichtiger scheint mir, diese Gräben zu schliessen und das schaffen wir nur, indem wir in erster Linie gemeinsam Konsens schaffen. Debatten gibt es so oder so zu Genüge, dafür muss man keine extremen Positionen einnehmen. Extreme Positionen spalten nur, als dass sie einen und uns weiterbringen.

Wie fühlen Sie sich, wenn Sie merken, dass Sie falsch liegen?

Ich fühle mich menschlich (lacht). Wir sind keine Maschinen oder Roboter. Fehler zu machen oder falsch zu liegen, gehört zum Leben dazu. Entscheidend ist nur, dass man erstens dazu stehen kann und zweitens daraus lernt.

Stichwort «Diversität»: Gibt es einen Film, den Sie mögen, obwohl er bei dieser Thematik gegen einige Grundsätze verstösst?

Spontan kommt mir gerade keinen solchen Film in den Sinn – vielleicht James Bond? Um Ihre Frage dennoch zu beantworten, weil ich glaube zu wissen, auf was Sie hinaus möchten: Ich verstehe die Leute, die solche Filme – häufig sind es auch alte Klassiker – mögen, obwohl sie frauenfeindlich und anstatt divers, voller Monotonie sind. Wichtig scheint mir, dass man differenziert zwischen dem, was man am Film toll findet – vielleicht ist es der Plot, der genauso auch divers funktionieren würde – und dem, was der Film eben beispielsweise verwerflich macht.

Möchten Sie eine neue Bekanntschaft in erster Linie von Ihren Qualitäten oder von Ihrer politischen Stossrichtung überzeugen?

Bei einer neuen Bekanntschaft geht es mir meist erst darum, diese Person näher kennenzulernen und diese Person, ihre Haltung und ihre Anliegen zu verstehen, bevor ich sie überhaupt mit meinen Qualitäten oder meinen politischen Ideen konfrontiere oder zu überzeugen versuche.

Gibt es in der jüngsten Vergangenheit der Schweiz einen politischen Meilenstein, der Ihnen so gar nicht in den Kram passt?

Spontan kommt mir das abgelehnte CO2-Gesetz in den Sinn. Aus meiner Sicht war die Vorlage sozial verträglich und ging in die richtige Richtung. Besonders eine Flugticketabgabe wäre schon längst bitter nötig. Es kann nicht sein, dass wir auf Benzin und Diesel eine Abgabe verlangen, auf Kerosin aber nicht und so das Fliegen indirekt subventionieren.

Welche drei Punkte stehen aktuell ganz oben auf Ihrer politischen Pendenzenliste?

  1. die Rettung der AHV-Renten

  2. optimale Rahmenbedingungen für die Vereinbarkeit von Familie und Erwerbstätigkeit schaffen – auch im Sinne der Gleichberechtigung

  3. eine Reform der Dienstpflicht durch den Service Citoyen

Und welche drei Punkte stehen auf der privaten Liste?

Bei dieser Frage erlaube ich es mir, mich auf einen wesentlichen Punkt zu beschränken: Noch mehr die Zeit und das Leben zu geniessen und wertzuschätzen. Im ganzen Alltag geht das manchmal etwas unter, leider. Aber ich versuche täglich, daran zu arbeiten. So gut wie es viele von uns in der Schweiz mit einem soliden Umfeld, einer Arbeitsstelle und einem wirklich guten Leben haben, kann man die Zeit und das Leben nicht genügend wertschätzen, glaube ich.

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Laveba 03/2022

Stölzle /  Brányik
Autor/in
Marcel Baumgartner

Marcel Baumgartner (*1979) ist Co-Chefredaktor von «Die Ostschweiz» sowie Verlagsleiter der Ostschweizer Medien AG. Das Medienunternehmen hat seinen Sitz in St.Gallen.

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