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Silvan Amberg im Interview

«Ausgerechnet die LGBTI-Community hat Mühe mit Vielfalt»

Der Ostschweizer Silvan Amberg ist schwul - und ein Gegner der Vorlage vom 9. Februar, welche die Anti-Rassismus-Strafnorm auf die sexuelle Orientierung erweitern will. Was treibt ihn an - und wie geht seine Community damit um?

Michel Bossart am 20. Januar 2020

Silvan Amberg ist 37 Jahre alt und verbrachte seine Jugend- und Studentenjahre in der Ostschweiz. Politisch engagiert sich der ehemalige HSG-Absolvent und heutige Steuerberater in der «up!», der Unabhängigkeitspartei Schweiz, deren Mitgründer er war und wo er noch heute im Vorstand tätig ist. Mit seiner Partei ist er der Überzeugung, dass 80 Prozent der staatlichen Tätigkeiten überflüssig sind und diese besser den Privaten überlassen werden sollten.

Für nationales Aufsehen sorgte Amberg, weil er sich als schwuler Mann und als Co-Präsident des Komitees «Sonderrechte Nein» gegen die Erweiterung der Anti-Rassismus-Strafnorm auf die sexuelle Orientierung einsetzt, worüber das Schweizer Stimmvolk am 9. Februar abstimmen wird.

Amberg befürwortet die «Ehe für alle», weil für ihn die Gleichberechtigung aller Menschen wichtig ist. In der Erweiterung der Strafnorm sieht er allerdings ein Sonderrecht für Lesben und Schwule, das er aus ebendiesem Grund ablehnt. Im Interview mit der «Ostschweiz» erklärt Amberg seinen Standpunkt.

Hallo, Herr Amberg, Sie schwule Sau. Gefällt Ihnen dieser Einstieg ins Interview?

Nein, das ist eine Beleidigung.

Erklären Sie.

Wenn Sie mich «schwule Sau» nennen, greifen Sie mich persönlich in meiner Ehre an. Persönliche Beleidigungen sind bereits nach heutigem Gesetz strafbar.

Wie kamen Sie als schwuler Mann eigentlich dazu, sich bei «Sonderrechte Nein» zu engagieren?

Ich wäre wohl nicht auf die Strasse gegangen und hätte Unterschriften für das Referendum gesammelt. Aber ich war schon immer gegen Gleichstellungs- und Antidiskriminierungsgesetze. Unser Strafrecht ist nicht für politische und öffentliche Aussagen gedacht. Ich bin ein absoluter Verfechter der Meinungs-und Gewerbefreiheit. Jeder soll sich frei entfalten können, sofern er andere nicht in seinen Rechten verletzt. Kommt hinzu, dass ein Kollektiv keine Rechte hat, nur Einzelpersonen. Es ist überhaupt nicht im Interesse der Schwulen und Lesben, dass sie Sonderrechte erhalten. Im Abstimmungskampf ist es mir ein Anliegen, dass neben den rechtskonservativen Kreisen auch die liberale Stimme gehört wird. Und dazu brauchte es ein eigenes Komitee.

Und hört man Ihnen zu?

Ja. Wir erhalten viel Anfragen und uns wird die Möglichkeit gegeben, unsere Sicht der Dinge zu erklären.

Man hätte ja auch einfach nichts tun können und dann einfach Ja oder Nein stimmen, so wie das die grosse Mehrheit der Betroffenen wohl macht. Was konkret treibt Sie an?

Ich verstehe alle, die aus dem Bauch heraus Ja zu Erweiterung stimmen möchten. In einer freien Gesellschaft muss man aber auch Meinungen akzeptieren können, die den eigenen Ansichten widersprechen. Das zu erklären, treibt mich an. Die Meinungs- und Gewerbefreiheit muss geschützt werden.

Erleben Sie dabei auch Gegenwind aus der Community?

Ja, den gibt es. Das kann absolutes Unverständnis für meine Ansichten sein, Wut und manchmal auch Beleidigungen und Beschimpfungen, die wohl sogar strafbar wären. Leider gibt es Schwule, die Mühe mit der Meinungsvielfalt haben. Das ist doch paradox! Ausgerechnet die LGBTI-Community hat ein Problem mit Vielfalt.

Anstatt die Erweiterung zu bekämpfen, müsste man sich Ihrer Argumentation nach nicht für die komplette Abschaffung des Artikel 261bis (Rassismusstrafnorm) einsetzen?

Ja, aber das steht nicht zur Diskussion. Da hätte ich allerdings mehr Mühe, mich dafür zu engagieren. Jetzt, wo ich selbst betroffen bin, kann ich Vorurteile besser entkräften.

Sie bekämpfen diese Erweiterung zusammen mit EDU, der jSVP und zum Beispiel der «Stiftung Zukunft CH», die, sollte die «Ehe für alle» kommen «desaströse Folgen für die Gesellschaft» prophezeit. Stimmt Sie das als Befürworter der «Ehe für alle» nicht nachdenklich?

Ich teile viele Ansichten dieser Organisationen nicht, aber in der Politik gibt’s halt manchmal unheilige Allianzen. Wir setzen uns für die Sache ein.

Die Gegner der Erweiterung sprechen von einem «Zensurgesetz». Aber man darf sich ja weiterhin kritisch über Schwule, Lesben und Bisexuelle äussern. Einzig der Aufruf zu Hass und Hetze soll verboten werden. Finden Sie das wirklich schlimm?

Ich möchte mich gar nicht erst auf diese Diskussion einlassen, was Meinung und was Hass ist. Meinungsfreiheit soll ja gerade Äusserungen schützen, die der Obrigkeit oder der Mehrheit nicht gefallen. Das gleiche gilt für die Leistungsverweigerung: Wenn jemand gewisse Leistungen nicht erbringen will, dann soll er das nicht tun müssen. Mir graut vor Zuständen wie in den USA, wo LGBTI-Organisation bei allen Bäckern Hochzeitstorten für ein gleichgeschlechtliches Paar bestellen, nur um dann diejenigen anzuzeigen, die keinen Kuchen für ein schwules Paar backen möchten. Eine Gesellschaft muss mit unterschiedlichen Meinung koexistieren können. Zwangsgesellschaften gefallen mir nicht.

«Sonderrechte Nein» hat im «Display» – einem Zürcher Schwulenmagazin – vor ein paar Monaten ein Inserat geschaltet und damit eine Welle der Empörung in LGBTI-Kreisen ausgelöst. Wurde Ihr Auftrag unkritisch angenommen oder gab es bereits im Vorfeld mit dem Verleger oder der Redaktion Diskussionen?

Ich war nicht persönlich involviert, weiss aber, dass man nicht erwartet hatte, dass die Reaktionen so drastisch ausfallen würden. Auch hier herrschen bereits etwas amerikanische Verhältnisse vor: Wenn ein Schwuler etwas sagt, dass nicht links ist, wird er sofort boykottiert. Das ist doch schon fast mafiös, wenn man jemand kaputt machen will, nur weil er eine andere Meinung hat.

Tobias Urech vom Komitee «Ja zum Schutz vor Hass» wirft Ihnen vor, Sie haben sich als libertärer und rechter Schwuler vor den Karren der Gegner spannen lassen und jetzt Stimmung gegen den «dringend notwendigen Schutz» machen. Ihre Entgegnung?

Ich lasse mich nicht vor einen Karren spannen. Das war schon immer meine Einstellung und dank des Referendums ist es mir nun möglich, Position zu beziehen. Dabei ist es mir egal, warum jemand das Referendum ergriffen hat. Es ist mein gutes Recht, eine andere als die linke Meinung zu haben.

Zurzeit häufen sich die Meldungen in den Medien über sogenannte «Hate Crimes» gegenüber Schwulen. Ein Zufall?

Ich glaube nicht, dass das Teil der Abstimmungskampagne ist. Die Aufmerksamkeit ist wegen der Abstimmung einfach erhöht. Viele meinen, dass nach einem Ja die Täter eher bestraft würden. Das eine hat aber nichts mit dem anderen zu tun. Dass nun auch rechte Politiker gezwungen werden, «Hate Crimes» gegenüber gleichgeschlechtlichen Paaren zu verurteilen, das ist wichtig und gut. Früher hätten sie ja einfach geschwiegen…

Die erweiterte Strafnorm schützt ja nicht nur Homosexuelle sondern auch die Diskriminierung von Heteros. Sie ist somit ja gar kein Sonderrecht, und es braucht Ihr Komitee gar nicht…

Mit dem Gesetz werden willkürliche Kriterien, wie Rasse, Ethnie oder neu sexuelle Orientierung geschützt, weil man diese Gruppen von Menschen als besonders schützenswert erachtet. Damit schafft man eine unnötige Stigmatisierung und unterteilt Menschen in Gruppen.

Der Sittener Bischof Jean-Marie Lovey sagte, dass Homosexualität eine Schwäche der Natur sei. Finden Sie, diese Aussage läuft unter Meinungsfreiheit?

Ja, auch eine Meinung, die wir nicht hören wollen, ist eine Meinung. Zudem: Was habe ich davon, wenn man so eine Aussage bestraft?

Und wenn er gesagt hätte, dass zum Beispiel «Schwarzsein» eine Schwäche der Natur sei? Das wäre doch eindeutig rassistisch und somit diskriminierend, oder?

Ich fände das keine gute Aussage. Sehe aber noch keinen Grund, jemanden dafür zu bestrafen.

Weil Sie grundsätzlich gegen den Antirassismus-Artikel sind?

Weil es einfach eine Meinung ist. Ich als Individuum habe ein Recht auf körperliche Unversehrtheit, aber ich habe kein Recht, mir doofe Aussagen von anderen Menschen nicht anzuhören zu müssen.

Ein anderes Beispiel: Der ehemaliger St. Galler SVPler und «Nazi-Sympathisant» Marcel Toeltl, kandidiert für den Kantonsrat. Er spricht vom «weissen Menschen, der sich wegen grassierender Homosexualität selber ausrotte, während sich nicht-weisse Menschen vermehren, was das Zeug hält». Das ist eine Meinung, ja, aber ist sie nicht zutiefst diskriminierend?

Ja, sie ist diskriminierend. Allerdings glaube ich nicht, dass er mit seinen Aussagen viele Menschen überzeugen kann. Selbst viele Konservative merken doch, wie dumm diese Aussage ist. Menschen wie Toeltl bilden eine extreme Minderheit. Ich will ihm ja nichts unterstellen, aber wahrscheinlich sollte man ihn eher bemitleiden. Als Gesellschaft muss man mit solchen Spezialfällen leben können.

So etwas soll man also ungestraft sagen dürfen?

Ja.

Nehmen wir an, das Schweizer Stimmvolk stimmt der Erweiterung am 9. Februar zu. Geht dann für eine Welt für Sie unter?

Nein, ich habe schon oft Abstimmung verloren und überlebt.

Was werden Sie dann tun?

Nichts, ich akzeptiere das Resultat. Ich sehe das politisch mit einer gewissen Distanz und als Liberaler muss man damit leben können, dass die Mehrheit anderer Meinung ist.

Zum Schluss dürfen Sie nochmals die Werbetrommel wirbeln: Warum sollen ausgerechnet Menschen, die von dieser Erweiterung des Schutzes profitieren würden, trotzdem ein Nein in die Urne legen?

Ich glaube, wenn wir Schwulen und Lesben längerfristig wirklich gleichberechtigt werden wollen, müssen wir alles dafür tun, dass wir nicht als militante Gruppe wahrgenommen werden. Ich will keine Diskriminierung aber auch keinen besonderen Schutz. Für uns sollen die gleichen Regeln gelten, wie für alle andern auch. Ich strebe eine Normalisierung und keine Stigmatisierung als Minderheit an. Ich bin nicht für Diskriminierung und Beleidigungen, aber diese Erweiterung ist meiner Meinung nach der falsche Weg.

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Ehe für alle bis 20.9.

Silvan Amberg

Silvan Amberg.

Stölzle /  Brányik
Autor/in
Michel Bossart

Michel Bossart ist Journalist und freier Mitarbeiter von «Die Ostschweiz». Nach dem Studium der Philosophie und Geschichte hat er für diverse Medien geschrieben. Er lebt und arbeitet in Benken (SG).

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