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Die Medienmacht auf der Seite der Staatsmacht

Bürgerkritik statt Machtkritik: Hetze gegen Ungeimpfte

Es wäre die Aufgabe der Medien, auch Regierungskritikern eine Stimme zu geben. Stattdessen werden Gegner der Coronamassnahmen regelrecht vorgeführt. Wo endet es, wenn Zeitungen gegen ganze Bevölkerungsgruppen hetzen?

Giuseppe Gracia am 30. August 2021

Seit Beginn der Pandemie lautet das Narrativ vieler Medien so: Wer der Regierung nicht gehorcht, wer Lockdown oder Maskenzwang kritisiert, der ist rechts, ein Covidiot, ein Leugner der moralischen Integrität und Urteilskraft der Regierung.

Er ist unsolidarisch und eine Gefahr für die Volksgesundheit, kurz: ein Unmensch. Inzwischen lautet das Narrativ: Wer sich nicht impfen lässt, ist schuld an der Pandemie. Er muss, wie das Virus selbst, bekämpft und neutralisiert werden.

Die medialen Angriffe gegen Corona-Massnahmen-Kritiker werden härter. Seit Covid-19 wurden Menschen, die nicht hinter Regierungsentscheiden stehen, von Medien wie Tagesanzeiger, Blick oder SRF vorgeführt. Man charakterisierte sie als Covidioten, Wissenschaftsleugner und Egoisten einer gesellschaftsunverträglichen Freiheit. Nun hetzt der Sonntagsblick offen gegen alle, die sich nicht impfen lassen wollen.

Es ist besorgniserregend, wenn die Medienmacht nicht mehr versucht, Regierungskritikern eine Stimme zu geben, sondern sich auf die Seite der Staatsmacht schlägt und auf den renitenten Bürger losgeht. Wenn die Medienmacht also Bürgerkritik statt Machtkritik betreibt. Das erinnert an die Art und Weise, wie es in totalitären Regimes funktioniert, sei es in Russland, China oder in der früheren DDR. Massnahmen oder «Empfehlungen» der Machthaber hinterfragen? Lieber nicht. Wer sich für das «Wohl des Volkes» nicht den Massnahmen der Macht unterwirft, der ist ein schlechter Bürger. Natürlich kommt man als schlechter Bürger bei uns in der Schweiz nicht ins Gefängnis oder wird körperlich liquidiert. Aber einige grosse Medien versuchen ganz klar, staatskritische Menschen öffentlich als untragbar zu brandmarken.

Das erinnert an die Logik, mit der es früher zu Hexenverbrennungen kam. Es erinnert an die Sündenbock-Rituale vormoderner Zeiten. Ging es einem Dorf schlecht, durch eine lange Dürre oder eine böse Krankheit, suchte man sich einen Sündenbock. Wichtig war der Glaube daran, dass dieser Sündenbock Ursache des Übels sei. Dass das Übel also verschwinden würden, solabd der Sündenbock hingerichtet werde. Ebenso wichtig war, dass der Volkszorn sich angemessen entladen konnte.

Heutzutage sind die Scheiterhaufen digital, und die Sündenböcke werden nicht mehr körperlich hingerichtet. Es wird nur noch ihr Charakter hingerichtet. Sie werden als Unmenschen und Egoisten diffamiert. Aber die Logik ist die gleiche: eine böse Krankheit taucht auf. Man sucht sich einen Sündenbock, in diesem Fall die Ungeimpften. Und dann wird Volkszorn auf diese Ungeimpften gerichtet, damit dieser sich an allen Regierungskritikern entlade.

Wenn es so weitergeht, wenn grosse Medienhäuser weiter zurückfallen in die Sündenbock-Dramaturgie, dann wird sich die Polarisierung der Gesellschaft radikalisieren. Hate Speech, Drohungen, indirekte oder direkte Gewaltaufrufe: Die Medien werden daran eine grosse Mitschuld haben.

Medien, die mit der Macht ins Bett gehen und gegen ihre Kritiker hetzen, ja ihre Kritiker charakterlich hinrichten, wollen keine offene Gesellschaft mehr. Wer auf Publikumsbeschimpfung setzt, um sich dem Staat anzudienen, der verdient kein Publikum. Der Staat kann versuchen, solche Medien mit Steuergeld künstlich zu beatmen, um weiter die gewünschte Propaganda der Machthaber senden zu können. Journalistisch und moralisch aber sind solche Medien tot. Zombie-Medien. Medien des Volkszorns und der Scheiterhaufen.

Giuseppe Gracia (54) ist Publizist bei «Die Ostschweiz», Schriftsteller und Kommunikationsberater. Sein neuer Roman „Glorias Finale“ ist erschienen bei Nagel & Kimche, Zürich.

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Stölzle /  Brányik
Autor/in
Giuseppe Gracia

Giuseppe Gracia (*1967) ist freier Autor und für «Die Ostschweiz» als Publizist tätig. Er ist verheirateter Vater von zwei Kindern und lebt in St.Gallen.

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