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Gartenbrief

Darum klettern wir auf Bäume

Kennen Sie ein Kind, das nicht auf Bäume klettert? Wenn es genügend geeignete Bäume gäbe, würde jedes Kind auf Bäume klettern.

Markus Kobelt am 12. Oktober 2021

Auch wenn ich mich da vielleicht einer statistischen Fehleinschätzung schuldig mache, wenn ich von mir auf den ‘Rest’ (sorry, das sind ja Sie…) schliesse: Ich bin sogar sehr häufig auf den Boskoop-Baum vor unserem Haus geklettert, habe da gefühlt Stunden, ja halbe Tage zugebracht. Dabei war ich unsportlich, ungeschickt und viel zu ängstlich. Eigentlich gar kein Baumkletterer.

Wie ich es trotzdem geschafft habe, den Stamm zu überwinden und in die Krone hochzuklettern? Na ja, wie gesagt, ich war ängstlich und so ungeschickt, dass sogar die Turnlehrer Mitleid mit mir hatten. Aber ich war auch gross und eigentlich auch stark. Also schaffte ich es irgendwie, mich an den untersten Ast zu hängen, dann lief ich mit meinen Schuhen (barfuss war ich ja nie, Einlagen!) den Stamm hoch, bis ich mich in einer fast waagrechten stehend-hängenden Position befand. Zeitdruck, die Hände schmerzten schon, wurden schweissig, rutschig. Schliesslich der heikelste Übergang: Die Füsse und Beine vom Stamm hochzubringen und irgendwie um den darüber abgehenden Ast zu schlingen, so dass ich affenmässig doppelt, mit Füssen und Händen am Ast hing. Der Rest war dann astreine Murxerei: Halt irgendwie und stück- und ruckweise und unter äusserster Kraftanstrengung meine Position so zu verbessern, dass irgendwann der Ast nicht mehr über mir, sondern unter mir war. Nach einer Ruhepause ging es dann weiter, Schritt für Schritt und übervorsichtig den Baum hinauf bis zu meinen Lieblingssitzen.

Gab es auch andere Möglichkeiten, den Baum zu erklettern? Definitiv nicht! Für mich jedenfalls nicht. Das einmal erarbeitete Protokoll wurde stur eingehalten, es war über Jahre meine einzige Chance, auf den Baum zu kommen. Wäre das Klettern der wirkliche Grund für das Baumklettern gewesen, hätte wohl auch ich es geschafft, neue Kletterwege zu finden.

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Gartenbrief

Beim Baumklettern geht es nicht ums Klettern, es geht um anderes und mehr. Das Klettern auf den Baum ist nur die Voraussetzung für etwas anderes.

(Kleiner Einschub: Erinnern Sie sich an die unsäglichen Kletterstangen auf allen Schulhöfen. Einfach damit auch das klar ist: Da bin ich nie geklettert, denn da ging es ja nur ums Klettern. Obwohl die Erfinder der Kletterstange sicher so etwas wie einen Baumersatz herzaubern wollten: Eisen statt Holz, poliert statt rau, sauber, pflegeleicht, kein Laub zu rechen. Fast sicher stammte die Erfindung von Schulhausabwarten. Ich konnte nicht begreifen, was man da oben wirklich tun sollte. Also warum sollte man dann klettern? Aber natürlich war es mir vor allem viel zu mühsam und viel zu gefährlich.)

Jetzt wollen wir die Kletterstatistik aber doch noch etwas ausbauen, auf eine fast schon sichere Grundlage stellen:

Mein Sohn kletterte selbstverständlich auch, auch wenn wir leider keinen stattlichen Hochstamm, sondern nur einen aus 3 Stämmen bestehenden, manchmal ziemlich jämmerlichen Holunderbaum mit brüchigem Holz zu bieten hatten. Und obwohl die Pergola daneben ja viel bessere Kletterpfade geboten hätte, war es immer der Holunderbaum. Mein Bub war deutlicher mutiger, manchmal auch übermütiger als ich, seine Klettertouren viel eleganter (trotz des unschönen Baums), die Geschwindigkeit, mit der er die paar Meter bezwang, war mit elterlichen Augen kaum nachzuverfolgen. Offenbar hat Lukas dabei auch ein gutes Stück Risikomanagement gelernt oder vielleicht auch schon lange beherrscht, denn unter dem Baum gab es einen Staketen-Zaun mit scharfen Spitzen… Alle, auch die Eltern haben’s überlebt.

Gartenbrief

Ob Mädchen auch klettern?

In Ermangelung einer Tochter kann ich das nicht endgültig beantworten, aber Pippi Langstumpf ist ganz sicher auf Bäume geklettert. Meine Schwester …. jetzt bin ich unsicher, aber sie ist wohl nur darum auch auf meinen Baum geklettert, weil ich es ihr fast sicher verboten habe. Natürlich aus Sicherheitsgründen und weil sie jünger war. Und überhaupt.

Als meine Eltern den Baum vor 10 Jahren roden mussten, weil er von Holzpilzen zerfressen und ausgehöhlt war, war ich traurig, und ein bisschen böse. Immerhin wäre ich ja unterdessen ein richtiger Baumspezialist gewesen – ein berufener Baumkletterer aber noch immer nicht.

Warum klettern wir auf Bäume?

Warum halten es Väter für ihre höchste Pflicht, Baumhäuser zu bauen? Naja, DIE Antwort ist leicht: Damit die Kinder nicht so gefährlich klettern. Baumhäuser sind der moderne Ersatz für Kletterverbote…

Warum werden für die Erwachsenen, die beim Klettern zu kurz gekommen sind, Baumwege und Baumhotels angeboten?

Nochmals: Warum klettern wir auf Bäume?

Auch wenn ich die Frage auf die Schnelle nicht beantworten kann, ist doch eines klar: Das ‘Bäume umarmen’ ist eine ziemlich künstliche Erfindung von Erwachsenen, das Baumklettern von Kindern ist dagegen sehr natürlich, eine anthropologische Konstante. Siehe auch meine Statistik weiter oben.

Das machen Kinder einfach so.

Aber ich lasse nicht locker, irgendwie sehe ich auch noch keinen Schluss, keine Lehre, keine Pointe. Warum klettern wir auf Bäume?

Jedenfalls nicht, um mit anderen Menschen zusammen zu sein, zu diskutieren, zu reden? Jedenfalls hatte ich nur selten meinen besten Freund, Jürg, genannt Boss dabei. Obwohl er alle Namen aus den Karl May-Büchern auswendig und vollständig aufsagen konnte. Und natürlich auch, weil er meinen Kletterstil kritisierte. Aber vor allem: Weil ich ihn da definitiv nicht brauchte.

Auf dem Baum spricht man zunächst… mit dem Baum?

Jetzt glauben Sie nur nicht, dass ich je wirklich einen Baum sprechen gehört hätte… da würde ich ihn sofort dreimal umarmen. Eines ist klar: ich sehe auf dem Baum fast alles, mich sieht eigentlich keiner. Eine gute Grundlage, die Gedanken gefahrlos schweifen zu lassen. Das längere Gedankenspiel, wie ich das nennen möchte, ist eigentlich ein Gespräch mit sich selber, und mit allen anderen, die zum guten Glück weder sprechen können noch sprechen sollen. Im längeren Gedankenspiel lasse ich die Puppen tanzen, ich lasse die anderen sprechen. Aber sagen sie auch, was ich will?

Oder spricht der Baum vielleicht doch?

Der Baum ist definitionsgemäss alt, unendlich alt. Sonst wäre er kein Baum. Er spricht Zeit, oder konventioneller formuliert: Er gibt ein Gefühl von Zeit. Im Kindergarten und in den ersten Schuljahren war ich felsenfest davon überzeugt, dass ich nie alt und erwachsen werden würde. Nicht weil ich es nicht wollte, sondern weil es…unmöglich, undenkbar war zu werden wie die Mutter, die Kindergärtnerin und der Feuerwehrkommandant. Auf dem Baum war es – vielleicht – möglich.

Und die Sprache der Bäume, gibt es sie vielleicht doch? Unbestritten ist unterdessen, dass die Bäume untereinander reden, Informationen austauschen, Claims abstecken.

Reden die Bäume aber auch mit uns Menschen? Ganz sicher, aber mit einem ganz einfachen Alphabet, mit wenigen so eindrücklichen Botschaften, dass man sie vielfach nicht mal zu kennen meint und nicht einmal weiss, dass man sie nie vergessen wird.

Mit den Botschaften der Bäume verhält es sich ein bisschen wie mit der Muschel am Ohr: Wir meinen das Rauschen des Meeres zu hören, und doch ist es nur das Rauschen des eigenen Bluts. Was bei dieser Allerweltsweisheit gerne vergessen geht: Ohne die Muschel würden wir das Rauschen des eigenen Bluts nie hören. Vielleicht also spricht und lehrt der Baum gar nicht und gar nichts, aber er hilft immerhin, die eigene Sprache, das Rauschen des eigenen Bluts zu hören:

• Du kannst alles, auch wenn du eigentlich nicht klettern kannst.

• Du bist sicher, auch wenn du jederzeit runterfallen könntest.

• Du bist jung, der Baum ist alt. Es wäre doch vielleicht möglich, dass auch du älter wirst.

• Dennoch bist du endlich, der Baum tendenziell unendlich. Während sich seine raue Rinde in deine Hände bis zum Schmerz eingräbt, scheint er gar nichts zu spüren von deinen Fusstritten.

• Mit dem Baum siehst und weisst du mehr als ohne den Baum.

• Auf dem Baum und mit der entsprechenden Aussicht von oben lässt sich bequem mal das Erwachsenwerden durchspielen, ohne dass man sich den Murks wirklich antun muss.

(Sie können das jetzt gerne weiterführen, wenn Sie auch auf Bäume geklettert sind.)

Was aber wollte ich eigentlich sagen?

Ach ja, pflanzen Sie Bäume!

Und gärtnern Sie weiter.

Herzliche Grüsse

Markus Kobelt

Stölzle /  Brányik
Autor/in
Markus Kobelt

Markus Kobelt ist Gründer und zusammen mit seiner Frau Magda Kobelt Besitzer von Lubera.

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