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Felix Keller

«Das entspricht überhaupt nicht meinem liberalen Gedankengut»

Kann das gut gehen, wenn man an einem Flugzeug in luftiger Höhe laufend Reparaturen vornehmen muss? Die Antwort liegt für Felix Keller, Geschäftsführer des Gewerbeverbands des Kantons St.Gallen, auf der Hand.

Marcel Baumgartner am 09. Oktober 2021

Felix Keller, wie man den neusten Statistiken entnehmen kann, werden aktuell mehr Startups gegründet als noch vor der Corona-Krise. Gibt es solche Signale auch in Ihrem Umfeld? Spürt man einen Schub?

Von einem Schub würde ich nicht sprechen. Aber es gibt gewisse Entwicklungen in diese Richtung. Wir konnten einige Startup-Unternehmerinnen und -Unternehmer als Neumitglieder gewinnen. Es scheint, als hätten einige die Zeit in den vergangenen Monaten genutzt, sich intensiv Gedanken über eine Selbständigkeit zu machen und einen sauberen Businessplan zu erstellen. Eigentlich ein Phänomen. Man würde meinen, dass man gerade in Krisenzeiten am Bestehenden festhält und keine zusätzlichen Risiken eingehen will.

Also kann man – bezogen auf die Mitglieder Ihres Verbandes – eine grundsätzlich positive Grundstimmung ausmachen?

Allgemein: Ja. Natürlich gibt es immer Ausnahmen. Das hängt von den individuellen Rahmenbedingungen ab. Aber über alles gesehen, herrscht eine positive Haltung. Man blickt wieder zuversichtlich in die Zukunft, man ist überzeugt, dass es wieder anzieht.

Was können wir an positiven Aspekten aus dem Ganzen ziehen? Ist es wirklich in erster Linie die Beschleunigung der Digitalisierung?

Unter anderem, ja. Da hat man natürlich gewaltige Fortschritte gemacht. Oder auch bei der Thematik «Homeoffice». Das war vor nicht «en vogue» – insbesondere nicht bei kleineren Firmen. Aber dann musste man von einem Tag auf den anderen umstellen. Und plötzlich wurden ganz neue Perspektiven aufgezeigt – sowohl für Arbeitgeber als auch für Arbeitnehmer. Es ist keine einseitige Möglichkeit, beide Seiten können sich hier Chancen herausnehmen. Und nicht zuletzt haben die vergangenen Monate auch bei einigen Unternehmen dazu geführt, bestehende Geschäftsfelder zu überdenken und neu zu entwickeln. Die Zeit führte zu teils frischen und innovativen Ideen.

Was lernen wir für die Zukunft daraus? Es braucht Schmerz und Druck, für eine rasante Entwicklung? Sind wir einfach zu bequem geworden?

Ein Blick in die Vergangenheit bestätigt doch genau das. Stets nach den ganz gewaltigen Krisen – also beispielsweise Weltkriege – kam es zu einem ebenso gewaltigen Wachstum. Es braucht wohl Tiefschläge, die durchrütteln.

Und nun wird effektiv ein immenses Wachstum erwartet. Die Kauflaune werde ins fast Unermessliche steigen…

Das wird zumindest von Experten so vorhergesagt.

Fällt Ihre Prognose vorsichtiger aus?

Die Anzeigen sind durchaus positiv. Viele unserer Mitglieder aus verschiedensten Branchen melden volle Auftragsbücher. Die hohe Auslastung ist also mehrheitlich vorhanden. Zum Teil besteht hingegen die Problematik von Lieferengpässen. Die Nachfrage nach beispielsweise Mirko-Chips, Beschlägen oder Holz übersteigt das Angebot. Die Monate des Verzichts schlagen sich nun offenbar in einem gewissen Konsumnachholbedarf nieder.

Wie nachhaltig ist das?

Das kann ich nicht sagen. Es könnte nun eine relativ steile Kurve aufwärts geben. Und dann wird es sich wieder im normalen Bereich einpendeln. Aber ich bin nicht der Volkswirtschaftler, der hierzu Prognosen abgeben kann.

Sie sind Verbands-Geschäftsführer. Und als solcher wurden Sie wohl zur Anlaufstelle für zahlreiche Mitglieder, die Hilfe benötigten…

Wir haben es uns zur Aufgabe gemacht, unsere Mitglieder jeweils möglichst zeitnah über die neusten Entwicklungen zu informieren. So konnten sie sich auf die anstehenden Herausforderungen vorbereiten. Not und die Unsicherheit waren riesig. Es ging und geht hier um Existenzen.

Hiess es manchmal auch «Ihr vom Verband solltet doch jetzt aber unbedingt…»?

Natürlich. Wir wurden mit allen möglichen Meinungen konfrontiert. Da gab es jene, die auf eine komplette Öffnung in allen Bereichen bestanden. Andere wiederum forderten, dass die Schliessungen ausgeweitet werden. Da ist es die grosse Herausforderung, als Verband die Balance zu halten zwischen dem Ankurbeln der Wirtschaft und dem Schutz der Bevölkerung.

Ein Spagat, der nicht leicht zu bewältigen war, weil es auch Verbands-intern verschiedene Stimmungen gibt?

Der Verband hatte stets eine klare Haltung, jene, die wir auch immer so kommuniziert haben. Da wurde intern nicht stundenlang diskutiert. Und ich darf festhalten: Der Grossteil unserer Mitglieder hat unsere Informationspolitik und die Position, die wir gegenüber Bund und Kanton eingenommen haben, immer vertreten und gestützt.

Wie stark waren Sie im Austausch mit der Exekutive? Die Ostschweizer Regierungen galten ja als eher wirtschaftsfreundlich.

Ja. Und sie sind geschlossen aufgetreten, was ich als sehr gut empfunden habe. Der Austausch war rege und gut. Jene Themen, die wir einbringen wollten, konnten wir auch einbringen. Selbstverständlich wurde dann nicht immer alles so umgesetzt, wie von uns gewünscht.

Also überhaupt keine Kritik in Richtung Ihres Parteikollegen, Finanzdirektor Marc Mächler?

Wir alle hatten in diesem «Spiel» verschiedene Rollen. Dessen war man sich immer bewusst. Ich zum Beispiel hätte mir vor zwei Jahren auch nicht vorstellen können, dass ich als Geschäftsführer eines Gewerbeverbandes zum Staat gehe, um finanzielle Unterstützung zu fordern.

Und das noch als Freisinniger.

Eben. Eigentlich entspricht das überhaupt nicht meinem liberalen Gedankengut. Handkehrum muss man aber auch sagen: Wir haben niemals gesagt, dass es zu Schliessungen kommen soll. Das hat der Staat übernommen. Wer schliesst, muss zahlen. Wer befiehlt, muss zahlen. So gesehen kann ich damit leben. Ich hoffe nur, dass sich das Ganze nicht noch einmal wiederholt.

Aber auch hier muss ich anmerken: Ich wollte zu keinem Zeitpunkt in der Haut eines Mitglieds der Kantons- und noch weniger der Landesregierung stecken. Die Entscheide, die gefällt werden mussten, waren enorm schwierig. Recht machen konnte man es sowieso nicht allen.

Also absolut keine Kritik von Ihrer Seite?

Es hat gewisse Entwicklungen und Massnahmen gegeben, die, sagen wir es so, «schwierig» waren. Die gesamte Härtefall-Thematik zum Beispiel. Ich veranschauliche das gerne so: Das Flugzeug «Härtefall» ist irgendwann gestartet und der Bund hat dann laufend Reparaturen an diesem Vehikel in luftigen Höhen vorgenommen.

Wie machte sich das bei Ihnen bemerkbar?

Unsere Mitglieder erhielten am Tag x Informationen, die zwei Tage später schon keine Gültigkeit mehr hatten. Hier waren wir nicht immer einverstanden mit dem Vorgehen. Und in diesem Bereich war auch der Kanton teilweise zu langsam in der Umsetzung. Mir ist bewusst, dass das man das nicht auf Knopfdruck auslösen kann. Dennoch hatten wir hin und wieder das Gefühl, etwas mehr Bewegung wäre möglich. Auch setzten wir uns dafür ein, das «Bürokratie-Monster» so klein wie möglich zu halten. Klar, es benötigt Dokumente und eine Kontrolle, um Beiträge zu sprechen. Einfach die Hand zu heben reicht da nicht aus.

Hat uns die gesamte Situation auch die Grenzen unseres Systems aufgezeigt? Zuerst lag die Verantwortung beim Bund, dann teilweise bei den Kantonen. Diese konnten oder wollten sich nicht positionieren. Ein hin und her, so als wolle niemand das heisse Eisen anfassen.

Als wollte niemand entscheiden. Führen aber heisst entscheiden. Dieses hin und her führte zu einer Verwirrung. Aber nochmals: Die letzte wirklich grosse Krise hatten wir in unserem Land zwischen 1939 und 1945. Niemand von uns hat also Erfahrung mit solch einer Situation.

Wie wird sich das auf die nächsten Jahre auswirken? Wohin steuern wir da gerade auch in finanzieller Hinsicht?

Wir können noch gar nicht abschätzen, wie viel uns diese Krise gekostet hat – zumal sie auch noch nicht zu Ende ist. Es ist von zweistelligen Milliardenbeträgen die Rede, also ziemlich vielen Nullen. Ich bin überzeugt, dass uns die finanziellen Nachwehen noch unzählige Jahre beschäftigen werden. Der Staat wird den Gürtel noch merklich enger schnallen müssen.

Hier kommen die Parteien ins Spiel. Wie erwähnt: Sie sind ein Freisinniger. Welche Partei hat in der ganzen Phase die beste Figur gemacht?

Keine. Die FDP war zu zögerlich. Ebenso die Mitte. Die SVP war stets für Öffnung, Öffnung, Öffnung. Auch keine Lösung. Und die SP sucht den Stillstand und eine weitere Annäherung an den Staat. Meiner Ansicht nach sticht keine dieser Parteien hervor, keine konnte sich wirklich gut positionieren.

Die Parteien können also nicht profitieren. Wie aber sieht es mit dem Verbandswesen aus? Wurde es durch die Krise gestärkt?

Aufgrund der Rückmeldungen unserer Mitglieder habe ich das Gefühl, dass man sehr dankbar um die Arbeit des Verbandes war, ja. Es wurde wieder bewusster, was ein kantonaler Berufsverband bewirken kann. Das war vorher vielleicht etwas weniger in den Köpfen verankert.

Abschliessend noch zu einem Begriff, der immer wieder gefallen ist: Marktbereinigung. Fand eine solche statt?

Noch verbuchen wir keinen Anstieg der Konkurse. Das kann ein Signal dafür sein, dass die Instrumente, die wir während der Krise hatte, gestützt haben. Die Frage ist nun, wie nachhaltig das ist. Es kann sein, dass die Konkurswelle noch anrollt, sobald die Kurzarbeitsentschädigung ausläuft. Und ebenso, weil vielleicht einzelne Firmen nicht mehr jenen Umsatz erzielen werden, wie vor der Krise. Das alles könnte durchaus noch zu einer «Bereinigung» führen. Bisher ist eine solche aber nicht in jenem Ausmass eingetreten, wie im Frühling 2020 befürchtet.

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Stölzle /  Brányik
Autor/in
Marcel Baumgartner

Marcel Baumgartner (*1979) ist Co-Chefredaktor von «Die Ostschweiz» sowie Verlagsleiter der Ostschweizer Medien AG. Das Medienunternehmen hat seinen Sitz in St.Gallen.

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