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Erkenntnisse nach 6 Monaten Corona

Das Problem sind nicht mehr die Behörden - es sind die Bürger

Ja, Bundesrat, Parlament und Kantone agieren hysterisch und hilflos in der Krise, die in erster Linie eine selbst verschuldete ist. Aber man kann ihnen gar keinen Vorwurf mehr machen. Denn sie erhalten Schützenhilfe von Bürgern, die buchstäblich alles mit sich machen lassen.

Stefan Millius am 09. Oktober 2020

Ein kleiner, malerischer Kinderbuchladen im Herzen von Locarno. Wie überall müssen wir uns die Hände desinfizieren. Es ist ein kleiner Preis, um Ruhe zu haben. Dann aber herrscht uns die Besitzerin an, wir müssten uns auch Schutzmasken überziehen. Denn der Kanton Tessin habe ab morgen eine Maskenpflicht für Läden eingeführt. Und sie mache das aus freien Stücken bereits ab heute. Immerhin werden Masken gratis abgegeben.

Eine Detaillistin, die in vorauseilendem Gehorsam schon einen Tag früher als behördlich verordnet eine Maskenpflicht einführt: Man muss das sinken lassen. Warum tut sie das? Einst waren die Gewerbler unser Bollwerk gegen absurde behördliche Verfügungen. Leider nicht mehr. Aber ganz banal: Kunden mögen keine Masken. Sie mögen generell keine Einschränkungen. Aber das ist der Dame egal. Der Laden sieht so aus, als würden täglich vielleicht zwei oder drei Bücher verkauft. Was man hier findet, gibts online für den halben Preis. Eigentlich, so würde man denken, müsste die Dame froh sein um Kundschaft. Aber sie zwingt uns einen Tag zu früh die Maske auf, dieses kaum Nutzen stiftende Symbol für eine Gefahr, an die bald keiner mehr recht glauben mag.

Und sie ist damit nicht allein. Im Zug haben Rentner - und nicht nur sie - eine neue Beschäftigung gefunden. Sie lassen ihre Augen durch die Abteile wandern und suchen Maskenverweigerer, die sie danach zur Rede stellen können. Die Führungsetagen von Alterszentren gehen auf in der Aufgabe, Besuchern endlich wieder den Zugang verweigern zu können. Leute, denen vermutlich noch wenige Monate, maximal Jahre bleiben, sollen möglichst sterben, ohne ihre Liebsten wieder gesehen zu haben. Als wenn sie das wollten, um vielleicht zwei oder drei Monate länger zu leben. Hat diese Menschen irgend jemand nach ihrer Meinung gefragt?

Und es geht weiter: Schulen bereiten sich wieder aufs Home Schooling vor. Die Kinder, denen wir bereits ohne echte Not eine schöne Zeit ihrer Kindheit genommen haben.

Will heissen: Wir machen unsere Jüngsten und unsere Ältesten kaputt. Weil irgendwelche Bleistift-Herumschieber beschlossen haben, dass wir alle Angst haben müssen.

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Warum? Keine Ahnung. Bestimmt nicht aufgrund der aktuellen Bedrohungslage. Die Prozentzahlen, die uns das Bundesamt für Gesundheit täglich liefert, mögen steigen, aber sie tun das in erster Linie, weil aus irgendwelchen Gründen immer mehr Leute zum Test antraben. Zurück zum Laden in Locarno: Nein, es gab keine alarmierende Zunahme einer Pandemie. Wirklich nicht. Es gab im besten Fall eine Zunahme hinter der Kommastelle einer Testreihe, die in sich bereits sehr fragwürdig ist.

Irgendwelche echten Gründe? Nein, aber es ist verständlich. Wenn man den Leuten lange genug sagt, dass jeder Kratzhusten allenfalls ein Signal für das Schlimmste sein könnte, rennen sie auch zum Test. Die Spitäler warten immer noch auf den angekündigten Ansturm. Alle warnen vor dem bösen Winter. Dann, wenn die normale Grippefälle zunehmen. Ohne bösartig sein zu wollen, aber wir vermuten, dass das BAG auf diese Grippe hofft. Dann geht endlich etwas. Das, was man uns seit Monaten weissagt.

Aber wir wollen hier nicht den Behörden allein die Schuld zuschieben. Nie im Leben könnte die Präventionstruppe vom BAG, die uns nach Alkohol, Drogen, Zucker und Fett nun endlich Angst vor etwas Neuem einjagen kann, allein diesen Job der Angst bewältigen. Es geht nur, weil die Leute mitmachen. Weil sie nicht widerwillig, sondern in höchster Überzeugung eine Maske überstreifen. Und jeden mit Blicken, Worten oder Schlimmerem abstrafen, der das nicht tut. Man gilt als unsolidarisch, wenn man die Schutzmaske dämlich findet. Harte Zahlen, die den Unsinn belegen, nützen nichts. Wir erinnern uns: «Machs einfach», sagt das Bundesamt für Gesundheit. Und die vereinigten Medien der Schweiz finden es toll, weil sie bezahlte Werbung des BAG einblenden können. Bei uns finden Sie diese Werbung nicht. Logisch. Wir schreiben ja auch, dass die Werbung absurd ist. Beisst nicht die Hand, die Euch füttert.

Und dann tigern sie durch die Läden und durch die Züge, die Leute mit den Masken, und haben keine Ahnung, wie man wirklich damit umgeht. Eine Heerschar von ernstzunehmenden Wissenschaftlern hat uns längst erklärt. dass Schutzmasken nur dann Sinn machen, wenn man erstens für jede Gelegenheit die richtige trägt und zweitens weiss, wie man sie trägt. Die Hände buchstäblich überall, dann wieder die Maske zurechtrücken, sich dafür ins Gesicht fassen, inklusive Maske natürlich: Es ist eine reine Scharade. Aber egal, Hauptsache, das halbe Gesicht ist verhüllt. Damit signalisiert man, dass man auf der richtigen Seite steht. Die Buchhändlerin in Locarno interessiert sich nicht für diese Details, der Zugkontrolleur in St.Gallen nicht. Es ist alles eine reine Show.

Und die Show geht weiter. Vermutlich noch das ganze nächste Jahr. Was heisst: Man muss sich als Bürger fragen, ob man das weiterhin mitmachen will. Auf lange Sicht. Oder ob man irgendwann sagt: Es reicht.

Wer beginnt damit?

Wenn, und man möge das als unverbindliche Anregung verstehen, am Tag X eine Mehrheit ohne Maske in den Zug steigt, dann ist die Handhabe der selbsternannten Bürgerpolizei eine wahrhaft kleine. Dann beginnt der lange Tag in die Normalität. Aber das würde natürlich Zivilcourage erfordern. Kein blosses Abnicken, sondern Standhaftigkeit. Das ist es, was unsere Nation gross gemacht hat. Wann kommt dieser Tag?

Aber der Mut zum Widerstand ist uns abhanden gekommen.

Wir sind damit nicht allein. Die österreiche Regierung, und das ist durch Indiskretionen belegt, hat früh in der Pandemie die Strategie herausgegeben, den Menschen Angst zu machen. Schon bald, liess Bundeskanzler Sebastian Kurz verlauten, werde jeder jemanden kennen, der an Corona gestorben ist. Und das muss doch in die Knochen fahren.

Ja, das würde es. Aber hier ist die Frage: Kennen Sie jemanden, der an Corona gestorben ist? Kennen Sie jemanden, der ernsthaft an Corona erkrankt ist?

Nein? Gut. Dann handeln Sie entsprechend.

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Autor/in
Stefan Millius

Stefan Millius (*1972) ist Chefredaktor von «Die Ostschweiz».

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