logo

Gastkommentar

Der innere Raum

Von weit her Glockenklänge. Ein vertrauter Klang. Im Rahmen einer selbstauferlegten Forschungsreise befinde ich mich auf dem Weg ins Innere. Grübelnd war ich gestern vor einer Nachrichtenflut an meinem Schreibtisch gehockt, darüber sinnierend, wie das ganze Weltengeschehen nun weitergehen solle.

Janine Spirig am 20. Dezember 2022

Eben dann klingelte das Telefon. Eine weitere Hiobsbotschaft brach über mich ein. Endlose Schicksalsschläge. So weit, so gut. Innerlich geknickt raffte ich mich auf, ging nach draussen, um ein paar frische Atemzüge zu schnappen.

Über mir öffnete sich ein sternenübersäter Himmel. Tatsächlich schnappte ich nach Luft. Allerdings ob der himmlischen Pracht. Welch traumhafter Anblick! Plötzlich zwischen den Wolken kroch ein halber Mond hervor und schien mit seinem silbernen Licht auf die Strasse. Im selben Moment flitzte eine Sternschnuppe vorbei. So doch ist das Leben, dachte ich, und während eine kalte erfrischende Brise mich an den Haaren streifte, zog ich den Mantel etwas enger zu. Die Kirchenuhr schlug ihre Zahl und ihre Glockenklänge hallten durch die Nacht.

So stand ich da, etwas verloren und schlang ungeschickt das Halstuch um meinen Hals. Es war unterdessen kalt geworden. Wie oft war ich früher unter dem sternenfunkelnden Firmament gestanden, staunend ob der Vollkommenheit jenes unerklärbaren unendlich grossen Raums. Behütet hatte ich mich gefühlt. Behütet unter einem dunkelblauen, fast schwarzen Universumsdach fühlte ich mich auch an jenem Abend. Immer sank auch etwas von der lebendigen Geborgenheit in meinen inneren Raum. Das Glitzern der Sterne. Das Leuchten des Monds. Die sanft wiegenden Bewegungen der vorüberziehenden weissen Wolken.

Wir Menschen fuhrwerken, als wären wir die Einzigen hier. Lächerlich, dachte ich. Welch einen Lärm wir verursachen. Welch eine Unordnung. Welches Chaos wir hinterlassen. Kaum fassbar, die Prioritäten, die wir setzen. Irrwitzig. Absurd. Unwürdig. Vor allem geht es um Besitz, um Mein und Dein, um besser oder schlechter, um richtig oder falsch, um mehr oder weniger. Wie kleine nervöse Planeten kreisen wir in unserem eigenen Universum um uns selbst und suchen die Erfüllung im Schein einer schrillen Brillanz des Äusseren. Lebhaft überzeugt, dass das der richtige Weg ist. Dies in jenem grossen, weiten, vollkommenen Universum, das uns Sternschnuppen und Mondlicht schenkt in der Nacht und uns am Tag mit der Wärme der Sonnenstrahlen versorgt. Eine traumhafte Erde hervorbringt mit allem, was wir brauchen.

Dieser unendliche Universumsraum. Dieses Geheimnis. Diese Kraft. Die Präsenz jenes grossen Ganzen, das seit Menschengedenken uns umfasst. Das Sternenlicht er – innert mich. Berührt den Stern in meinem Innern. Das doch sind wir. Und wie gestern Abend streift mich die Zartheit des Nachtschattens. Diesmal an der Schulter. Lässt mich ruhig werden. Innerlich lächeln. Heute zieht trotz Kälte Wärme in meinen inneren Raum ein. Trotz Härte, Weichheit. Trotz Ohnmacht, Zuversicht.

Heute wird er heller gemalt. Der innere Raum. Renoviert. Neugestaltet. Erst noch gratis. Und ich kann die Farbe selbst wählen. Die Grösse, die Gestalt, die Beschaffenheit. Ich kann den inneren Raum ausstatten mit hellen, wohlwollenden, friedlichen Gedanken, ihn mit kreativen Ideen, Formen und Gefühlen einrichten. Ich kann überall Sternenlampen montieren und Teppiche der Liebe ausrollen. Die Sternschnuppe von gestern muss in meinem inneren Raum gelandet sein. So stehe ich nun da, eine Pause einlegend auf meiner Forschungsreise ins Innere. Die Glockenklänge verhallen im grossen Raum des Universums. Im unendlichen Raum des mich umfassenden Nachthimmels.

Dem grossen Raum, der sich über uns wölbt. Tag und Nacht.

Einige Highlights

Uzwilerin mit begrenzter Lebenserwartung

Das Schicksal von Beatrice Weiss: «Ohne Selbstschutz kann die Menschheit richtig grässlich sein»

am 11. Mär 2024
Im Gespräch mit Martina Hingis

«…und das als Frau. Und man verdient auch noch Geld damit»

am 19. Jun 2022
Das grosse Gespräch

Bauernpräsident Ritter: «Es gibt sicher auch schöne Journalisten»

am 15. Jun 2024
Eine Analyse zur aktuellen Lage

Die Schweiz am Abgrund? Wie steigende Fixkosten das Haushaltbudget durcheinanderwirbeln

am 04. Apr 2024
DG: DG: Politik

«Die» Wirtschaft gibt es nicht

am 03. Sep 2024
Gastkommentar

Kein Asyl- und Bleiberecht für Kriminelle: Null-Toleranz-Strategie zur Sicherheit der Schweiz

am 18. Jul 2024
Gastkommentar

Falsche Berechnungen zu den AHV-Finanzen: Soll die Abstimmung zum Frauenrentenalter wiederholt werden?

am 15. Aug 2024
Gastkommentar

Grenze schützen – illegale Migration verhindern

am 17. Jul 2024
Sensibilisierung ja, aber…

Nach Entführungsversuchen in der Ostschweiz: Wie Facebook und Eltern die Polizeiarbeit erschweren können

am 05. Jul 2024
Pitbull vs. Malteser

Nach dem tödlichen Übergriff auf einen Pitbull in St.Gallen: Welche Folgen hat die Selbstjustiz?

am 26. Jun 2024
Politik mit Tarnkappe

Sie wollen die angebliche Unterwanderung der Gesellschaft in der Ostschweiz verhindern

am 24. Jun 2024
Paralympische Spiele in Paris Ende August

Para-Rollstuhlfahrerin Catherine Debrunner sagt: «Für ein reiches Land hinkt die Schweiz in vielen Bereichen noch weit hinterher»

am 24. Jun 2024
Politik extrem

Paradox: Mit Gewaltrhetorik für eine humanere Gesellschaft

am 10. Jun 2024
Das grosse Bundesratsinterview zur Schuldenbremse

«Rechtswidrig und teuer»: Bundesrätin Karin Keller-Sutter warnt Parlament vor Verfassungsbruch

am 27. Mai 2024
Eindrucksvolle Ausbildung

Der Gossauer Nicola Damann würde als Gardist für den Papst sein Leben riskieren: «Unser Heiliger Vater schätzt unsere Arbeit sehr»

am 24. Mai 2024
Zahlen am Beispiel Thurgau

Asylchaos im Durchschnittskanton

am 29. Apr 2024
Interview mit dem St.Galler SP-Regierungsrat

Fredy Fässler: «Ja, ich trage einige Geheimnisse mit mir herum»

am 01. Mai 2024
Nach frühem Rücktritt: Wird man zur «lame duck»?

Exklusivinterview mit Regierungsrat Kölliker: «Der Krebs hat mir aufgezeigt, dass die Situation nicht gesund ist»

am 29. Feb 2024
Die Säntis-Vermarktung

Jakob Gülünay: Weshalb die Ostschweiz mehr zusammenarbeiten sollte und ob dereinst Massen von Chinesen auf dem Säntis sind

am 20. Apr 2024
Neues Buch «Nichts gegen eine Million»

Die Ostschweizerin ist einem perfiden Online-Betrug zum Opfer gefallen – und verlor dabei fast eine Million Franken

am 08. Apr 2024
Gastkommentar

Weltweite Zunahme der Christenverfolgung

am 29. Mär 2024
Aktionswoche bis 17. März

Michel Sutter war abhängig und kriminell: «Ich wollte ein netter Einbrecher sein und klaute nie aus Privathäusern»

am 12. Mär 2024
Teuerung und Armut

Familienvater in Geldnot: «Wir können einige Tage fasten, doch die Angst vor offenen Rechnungen ist am schlimmsten»

am 24. Feb 2024
Naomi Eigenmann

Sexueller Missbrauch: Wie diese Rheintalerin ihr Erlebtes verarbeitet und anderen Opfern helfen will

am 02. Dez 2023
Best of 2023 | Meine Person des Jahres

Die heilige Franziska?

am 26. Dez 2023
Treffen mit Publizist Konrad Hummler

«Das Verschwinden des ‘Nebelspalters’ wäre für einige Journalisten das Schönste, was passieren könnte»

am 14. Sep 2023
Neurofeedback-Therapeutin Anja Hussong

«Eine Hirnhälfte in den Händen zu halten, ist ein sehr besonderes Gefühl»

am 03. Nov 2023
Die 20-jährige Alina Granwehr

Die Spitze im Visier - Wird diese Tennisspielerin dereinst so erfolgreich wie Martina Hingis?

am 05. Okt 2023
Podcast mit Stephanie Stadelmann

«Es ging lange, bis ich das Lachen wieder gefunden habe»

am 22. Dez 2022
Playboy-Model Salomé Lüthy

«Mein Freund steht zu 100% hinter mir»

am 09. Nov 2022
Neue Formen des Zusammenlebens

Architektin Regula Geisser: «Der Mensch wäre eigentlich für Mehrfamilienhäuser geschaffen»

am 01. Jan 2024
Podcast mit Marco Schwinger

Der Kampf zurück ins Leben

am 14. Nov 2022
Hanspeter Krüsi im Podcast

«In meinem Beruf gibt es leider nicht viele freudige Ereignisse»

am 12. Okt 2022
Stölzle /  Brányik
Autor/in
Janine Spirig

Janine Spirig (*1969) aus St.Gallen ist Mutter von drei Kindern, Körpertherapeutin und Logotherapeutin nach V.E. Frankl. 1999 erschüttert der «Lehrermord» in St. Gallen die Öffentlichkeit. Während alle nach Erklärungen suchen, tastet sich die Frau des Ermordeten, Janine Spirig, ins Leben zurück. Ihre Erfahrungen hat sie in mehreren Büchern in Worte gefasst.

Hier klicken, um die Mobile App von «Die Ostschweiz» zu installieren.