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Keine Regierungskandidatur

Der Wahlsieg von Esther Friedli zerstört die SVP-Strategie

Esther Friedli war die designierte Regierungsratskandidatin der St.Galler SVP. Sie wollte, die Partei wollte. Nun ist sie Nationalrätin. Und die SVP beginnt bei der Suche nach einer Kandidatur auf Feld 1. Der Mann, der suchen muss, ist allerdings selbst wohl die erste Wahl.

Stefan Millius am 21. Oktober 2019

Der Moment der Wahrheit kommt in einem Gespräch der Parteispitzen beim Ostschweizer Regionaljournal von Radio SRF. Michael Götte, Fraktionspräsident der SVP im St.Galler Kantonsrat, zeigt sich zunächst angetan vom Wahlerfolg von Esther Friedli - und natürlich bekümmert über die Abwahl zweier Nationalräte. Angesprochen auf die anstehenden Regierungsratswahlen, klingt es dann plötzlich anders. Denn Friedlis glanzvoller Sieg bringt die SVP in Nöte.

Ja, Esther Friedli sei vorgesehen gewesen als Kandidatin für die Regierungsratswahlen. Sie selbst hätte offenbar mitgespielt. Sie sei bei allen Sitzungen der Parteispitze dabei gewesen und habe nie etwas anderes verlauten lassen, so Götte. Aber unmittelbar nach der Wahl zur Nationalrätin hatte Friedli - notabene aus dem Stand, also wohl ohne Rücksprache mit der Partei - erklärt, dass sie sich auf dieses neue Amt konzentrieren wolle.

Damit beginnt die SVP bei der Suche nach vorn. Auch wenn die Personalprobleme vielleicht nicht mehr so ausgeprägt sind wie vor einigen Jahren: Die Regierungskandidaturen wachsen bei der Volkspartei nicht auf den Bäumen (bei den anderen allerdings auch nicht). Man werde nun die Situation besprechen, so Götte, aber mehrfach liess er anklingen, dass Friedlis für viele offenbar überraschende Wahl die Sache nicht einfacher gemacht hat.

Und überraschend war sie in der Tat. Zwar war Esther Friedli spätestens seit ihrer durchaus wirkungsvollen, wenn auch nicht erfolgreichen Regierungskandidatur 2016 immer als Zukunftshoffnung gehandelt worden. Bei der SVP wusste man sehr wohl, dass einer der fünf Nationalratssitze verloren gehen könnte. Dass das aber verbunden ist mit der Abwahl von gleich zwei Bisherigen und der Wahl einer Neuen - das hatte offenbar niemand so richtig auf der Rechnung. Das Volk wollte Esther Friedli - die SVP wurde im positiven Sinn überrumpelt.

Ironischerweise ist es Michael Götte selbst, der nun im Zentrum der Aufmerksamkeit steht. Er wollte schon einmal Regierungsrat werden, hat aus seinem Interesse nie einen Hehl gemacht und hat am Sonntag ein sehr gutes Ergebnis als Nationalratskandidat erzielt. Derzeit will er sich noch nicht entlocken lassen, dass er kommt, er sagt nur, dass sein Name Teil der Überlegungen ist, welche die SVP im Moment anstellt.

Aber diese Überlegungen involvieren nicht sehr viele Namen.

Das ganze Gespräch des SRF-Regionaljournal können Sie hier nachhören.

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Stölzle /  Brányik
Autor/in
Stefan Millius

Stefan Millius (*1972) ist Chefredaktor von «Die Ostschweiz».

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