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Höpli zum Freitag

Der Weltuntergang und seine Propheten

Es gab sie schon immer, die Fachleute für Katastrophen, für Epidemien, für den Weltuntergang. In der Bibel hiessen sie Propheten, später Bussprediger, heute Experten. Die Botschaft aber ist immer dieselbe: Kehrt um, tut Busse, sonst wird Euch Schreckliches widerfahren.

Gottlieb F. Höpli am 21. Januar 2021

«Unheil geht aus von Nation zu Nation, und ein gewaltiger Sturm bricht los aus den entlegensten Winkeln der Erde.» So steht es schon im Buch des Propheten Jeremia. Man sieht den Propheten förmlich auf eine ferne Stadt in China zeigen. Die Menschen waren gewarnt. Sie hätten es wissen können. Nur hat niemand auf den Propheten gehört. Damit ist jetzt Schluss: «Zwar hat Gott über die Zeit der Unwissenheit hinweggesehen. Nun aber gebietet er den Menschen, dass alle an allen Enden Busse tun,» heisst es später in der Apostelgeschichte, kurz bevor in der Offenbarung des Johannes die Apokalypse ausbricht.

Und so tönte es weiter durch die Jahrhunderte. Bis in unsere Gegenwart. Denn die Plagen sind nicht weniger geworden: Waldsterben, Erderwärmung, Seuchen, Pandemien bis hin zu Covid-19. Fast noch stärker als die Zahl der Plagen hat sich die Zahl der Propheten erhöht, die diese Katastrophen in apokalyptischen Dimensionen beschreiben und zur Umkehr aufrufen. Dass diese Bussprediger heute Experten heissen – aktuellste Unterabteilungen zurzeit: Epidemiologen, Virologen, Immunologen –, ändert nichts an der Tatsache, dass ihre Vorgehensweise unverändert gleichgeblieben ist. Sie predigen grosses Unheil, warnen und rufen zur Umkehr auf.

Klar, die Propheten von heute berufen sich nicht mehr auf den lieben Gott. An den glauben auch die Schweizer, das stellt sogar die NZZ fest, immer weniger, na und? Woran sie aber immer noch und sogar vermehrt glauben, ist der Weltuntergang. Und der wird von den Experten intensiv bewirtschaftet. Zwar ist die durch die Erderwärmung verursachte Apokalypse derzeit etwas in den Hintergrund getreten, dürfte aber in wenigen Monaten das Feld zurückerobern. Dafür beherrscht zurzeit die Pandemie mit dem Namen Covid-19 die Bühne unangefochten. Und wenn hier die Aufmerksamkeit einmal zu erlahmen droht, gibt es immer noch Mutationen mit verschärfter Untergangs-Perspektive (wie wenn sich nicht jedes Virus laufend verändern würde).

Das erinnert fatal an die Weltuntergangs-Prophezeiungen des Mittelalters, die zwar nicht eintrafen, von den jeweiligen Propheten deshalb auf der Zeitachse einfach etwas nach hinten verschoben wurden. Bis sie in Vergessenheit gerieten, wie jener vom Jahrtausendwechsel 999/1000.

Expertengremien werden heutzutage bekanntlich von Regierungen ernannt. Ein Schelm, wer denkt, dass vermutete Expertenmeinungen und geplante politische Massnahmen schon zum vorneherein eine gemeinsame Schnittmenge haben müssen – in Deutschland wächst gerade der Verdacht, dass Bundeskanzlerin Merkel sich ausschliesslich von Wissenschaftern beraten lässt, die ihrer Meinung sind. Kritisiert jetzt sogar der «Spiegel». So etwas würde natürlich kein anständiges Schweizer Medium von Alain Berset behaupten…

Auch früher schon wurden Bussprediger von der Obrigkeit ernannt. So etwa im Jahr 1494, als die Herren von Florenz – die berühmt-berüchtigten Medici – den Mönch Girolamo Savonarola engagierten. Der mit seinen Busspredigten aber immer radikaler wurde, die Jugend der Stadt zu pausenlosen Demonstrationszügen aufstachelte (wer jetzt an die Klimajugend denkt ist selber schuld) und so zur Gefahr für die Regierenden wurde. Savonarola endete vier Jahre später auf dem Scheiterhaufen.

Wenn der Weltuntergang aufgehalten werden muss, kann eben auf die bestehende Ordnung keine Rücksicht genommen werden. Wenn es gilt, einem Virus den totalen Krieg zu erklären, kann man die Menschen nicht schonen. Das mag dann ihre Existenz, ja ihr Leben kosten. Aber nur als Kollateralschaden. Hauptsache: Es war nicht das Virus.

Bei den Propheten und Busspredigern der Vergangenheit mag sich der Historiker fragen, was sie denn zu derart extremen Positionen und Aktionen getrieben hat. Und wird dabei individuelle, biographische Motive nicht ausschliessen. Zum Beispiel den Glauben, für die Rettung der Welt auserwählt zu sein. Oder puren, übersteigerten Geltungsdrang. Oder panische Angst vor dem Ende, auch vor dem eigenen.

Manchmal frage ich mich, ob man die persönlichen Motive unserer heutigen wissenschaftlichen Bussprediger nicht auch einmal etwas genauer untersuchen sollte. Bevor man ihnen das gefährliche Instrument der Prognosen in die Hand drückt, aufgrund derer die Politiker ihre folgenschweren Entscheide fällen. Das müsste jedenfalls spätestens dann geschehen, wenn sie mit ihren Fehlprognosen nachweislich gewaltigen Schaden angerichtet haben.

Stölzle /  Brányik
Über den Autor
Gottlieb F. Höpli

Gottlieb F. Höpli (* 1943) wuchs auf einem Bauernhof in Wängi (TG) auf. A-Matur an der Kantonssschule Frauenfeld. Studien der Germanistik, Publizistik und Sozialwissenschaften in Zürich und Berlin, Liz.arbeit über den Theaterkritiker Alfred Kerr.

1968-78 journalistische Lehr- und Wanderjahre für Schweizer und deutsche Blätter (u.a. Thurgauer Zeitung, St.Galler Tagblatt) und das Schweizer Fernsehen. 1978-1994 Inlandredaktor NZZ; 1994-2009 Chefredaktor St.Galler Tagblatt. Bücher u.a.: Heute kein Fussball … und andere Tagblatt-Texte gegen den Strom; wohnt in Teufen AR.

Geschieden; drei wunderbare Töchter.

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