logo

Gastkommentar

Der Wolf muss menschenscheu bleiben

Ich bin weder Jäger noch Älpler, nicht Walliser und nur dem Nachnamen nach Bündner. Und trotzdem – oder vielleicht gerade deswegen – bin ich in der Herbstsession des Nationalrats in Sachen «Wolfspopulation» tätig geworden.

Nicolo Paganini am 10. Oktober 2021

Ich fühle mich da als in Abtwil wohnend irgendwie unverdächtig und gleichzeitig als Mitglied der Umweltkommission des Nationalrats auch zuständig. Die Schweizer Stimmbevölkerung hat vor rund einem Jahr eine Änderung des Jagdgesetzes, die eine Ausweitung der Wolfsregulierung und eine Verschiebung der abschliessenden Kompetenzen vom Bund zu den Kantonen vorsah, relativ knapp abgelehnt. Die Konflikte, die sich aus der Koexistenz von Wolf, Alpnutzung, Siedlung und Tourismus ergeben, sind damit aber nicht zum Verschwinden gebracht worden.

1995 kehrte das Grossraubtier Wolf in die Schweiz zurück. Seither hat sich die Wolfspopulation mit exponentiellem Wachstum von zwei auf ca. 130 Tiere entwickelt. Und das wird – bis sich irgendwann ein natürliches Gleichgewicht einstellt – in den nächsten Jahren so weiter gehen. Mit der Ausbreitung der Wolfspopulation einher geht eine Zunahme der Konflikte zwischen den Wölfen einerseits und dem Menschen sowie Nutztieren andererseits. Neben sehr vielen Rissen von Nutztieren wie Schafen und Rindern kommt es immer häufiger auch zu unerwünschten Annäherungen des Wolfs an den Menschen. Die Fälle sind entsprechend dokumentiert. Es ist unhaltbar, dass Wölfe die Scheu vor den Menschen verlieren. Aus gutem Grund wollte der Kanton Graubünden deshalb ein Elterntier, welches problematisches Verhalten bzw. fehlende Menschenscheu zeigt, aus einem Rudel abschiessen dürfen. Auch, damit das Elterntier das problematische Verhalten nicht an die Jungtiere weiter geben kann. Das Bundesamt für Umwelt lehnte das Gesuch unter Hinweis auf die fehlende Rechtsgrundlage ab.

In dieser Situation liegt es am Parlament als Gesetzgeber, tätig zu werden. Meine parlamentarische Initiative ist ein Kompromiss und verlangt lediglich die einfachere Regulierbarkeit solcher erwachsener Problemwölfe. Weder möchte ich den Schutzstatus des Wolfs aufheben noch die Zuständigkeit vom Bund zu den Kantonen verlagern. Aber mit einem herzhaften «Augen zu und durch» lösen wir die Probleme nicht. Im Gegenteil! Die Probleme werden zunehmen und es wird der Tag kommen, wo die Stimmung in der Gesamtgesellschaft gegen die Wolfspräsenz kippt! Noch kommt der Wolf praktisch nur im alpinen Raum vor. Die dortige Bevölkerung hat ein Recht darauf, nicht mit neugierigen und möglicherweise unberechenbaren Wölfen im Siedlungsgebiet rechnen zu müssen.

WERBUNG
Hoher Kasten - Kollerteam - 181021

Stölzle /  Brányik
Autor/in
Nicolo Paganini

Nicolo Paganini (*1966) ist Nationalrat (CVP) im Kanton St.Gallen.

Hier klicken, um die Mobile App von «Die Ostschweiz» zu installieren.