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Leitartikel

Die «Dialogleugner» haben die Herrschaft übernommen

Ein Wattwiler Amtsarzt verliert die Beherrschung und schlägt öffentlich verbal um sich. Seine Tage in dieser Funktion waren folglich gezählt. Aber wer den Fall wirklich verstehen will, muss weiter zurückschauen. Der Mann steht sinnbildlich für eine Debatte, die längst keine mehr ist.

Stefan Millius am 14. August 2020
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In wenigen Tagen erscheint die neue Print-Ausgabe von «Die Ostschweiz». Hier sagen wir Ihnen, was sie zu bieten hat und wie Sie zu einer kommen.

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Es ist gar nicht so lange her, da hatten wir die sogenannten Klimaleugner. Eine grosse Gruppe von Leuten. Denn mit diesem Begriff versehen wurden verschiedenste Teilnehmer an der Klimadiskussion. Diejenigen, die den Klimawandel an sich abstreiten. Die, welche finden, der Mensch sei zumindest nicht die treibende Kraft an diesem. Und diejenigen, die Klimawandel nicht verneinen, aber für eine normale Erscheinung im Lauf der Zeit halten.

Mit anderen Worten: Die wenigsten der «Klimaleugner» leugnen den Klimawandel an sich (und das Klima schon gar nicht, wie das etwas seltsame Wort suggeriert). Doch je länger das Klima die Schlagzeilen beherrschte, desto grösser wurde die Gruppe der Leute, denen man das Etikett überstreifte. Am Ende war schliesslich jeder ein Klimaleugner, der die Rolle der Wortführerin Greta Thunberg kritisch hinterfragte. Noch ein paar Monate mehr, und jeder wäre ein Klimaleugner gewesen, der nicht bei einem Klimastreik mitmarschierte.

Aber dann kam ja, man ist fast versucht zu sagen: gottlob - Corona. Das Klima hatte keine Chance mehr in den Schlagzeilen, obwohl wir ja nach den pessimistischsten Prognosen vermutlich am Klimawandel sterben, bevor uns das Virus erwischt. Seltsam eigentlich, wie schnell sich eine globale Tragödie verflüchtigt, wenn eine neue auftaucht.

Und damit war es Zeit für eine neue Gruppe: Die Coronaleugner. Der Definitionsprozess war identisch: Zunächst war nur der ein Coronaleugner, der rundweg abstritt, dass es das Virus überhaupt gibt - oder Viren allgemein. Das sind Leute, die man schwerlich ernst nehmen kann, und es ist eine vernachlässigbare Minderheit. Dann aber gings los: Wer die Maskenpflicht für unsinnig hält, wem der Lockdown zu weit ging, wer vom schwedischen Modell schwärmte, wer den Bundesrat ganz allgemein für seine Massnahmen kritisierte - irgendwie alles Coronaleugner. Nicht, weil sie etwas leugnen würden, sondern weil sie eine andere Sicht als die offizielle vertreten.

Nun kann man natürlich sagen, dass Wissenschaft keine Glaubensfrage ist und man deshalb auch keine andere Sicht zulassen kann. Angesichts der Tatsache, dass das federführende Bundesamt für Gesundheit in den vergangenen Monaten den Kurs mehrfach wechselte und das geflügelte Wort «Wir gehen davon aus, dass…» die meistgehörte Formulierung bei Medienkonferenzen des Bundes war, ist das aber nicht legitim. Von Anfang an war klar, dass selbst die Experten in diesem Fall Suchende sind. Natürlich musste man am Schluss entscheiden, aber das ist Politik, keine Wissenschaft. Nichts in der jungen Geschichte von Covid-19 rechtfertigt es, Leuten mit wissenschaftlicher Basis, die den eingeschlagenen Kurs kritisieren, den Sachverstand abzusprechen. Wir wissen, dass wir nichts wissen. Aber wir tun das Beste.

Nun geht ein Wattwiler Arzt hin und spricht sich gegen die Maskenpflicht aus. Ein Skandal, hiess es in Medienberichten sinngemäss, denn er stellt sich damit gegen den verordneten Kurs, und der Mann ist schliesslich auch noch Amtsarzt, also zum Teil kantonal besoldet. Man könnte stattdessen auch sagen: Der Arzt hat den Eid des Hippokrates abgelegt, der ihn dazu verpflichtet, seine Patienten vor Schaden zu bewahren. Wenn er nun überzeugt ist, dass der behördlich verordnete Kurs der falsche ist - wem ist er dann Rechenschaft schuldig?

Im zweiten Akt der Regionalposse wetterte der Arzt in einem Facebookeintrag gegen die Journalistin des «St.Galler Tagblatts», die über ihn geschrieben hat. Einen sympathischen Auftritt hat er dort nicht hingelegt, vor allem nicht mit seiner Breitseite gegen alles und jeden, die nicht seinen akademischen Grad erreicht haben. Es lag ziemlich viel schwer erträgliche Arroganz in seinen Zeilen. Und ein satter Schuss Patriarchismus. Kein wohlüberlegter Auftritt, kontraproduktiv und schwer verdaulich. Und natürlich mündete der Auswurf in einem weiteren Artikel, denn nun hatte die Zeitung endgültig den Beweis, dass der Arzt nicht mehr Herr seiner Sinne ist - beziehungsweise sich zumindest nicht im Griff hat.

Aber eben, in der Rückblende: Was erwarten wir denn, wenn wir jeden, der einzelne Massnahmen kritisch kommentiert, als «Coronaleugner» und letztlich als nicht zurechnungsfähig bezeichnen? Ob Klima oder Corona: Die Dialogfähigkeit ist längst verloren gegangen. Kurzerhand wird jeder, der nicht die «reine Lehre» vertritt, mit einem faktischen Schimpfwort versehen und einem Aussätzigenlager zugeschlagen. Hier der Bundesrat und diejenigen, die ihm brav folgen (darunter die meisten Medien), dort die Wirrköpfe, die Spinner, die verantwortungslosen Leugner. Der bewusste Amtsarzt hätte vermutlich seine Thesen nicht einmal offensiv veröffentlichen müssen, es hätte gereicht, wenn er bei einem kritischen Facebookbeitrag ein «Like» gegeben hätte. Irgendein fleissiger Journalist (oder ein Hilfssheriff aus der Bevölkerung) hätte das mit Garantie gesehen und nach aussen getragen. Mit demselben Ergebnis.

Was wäre gewesen, nur mal angenommen, man hätte den Wattwiler Arzt in einem konstruktiven Gespräch darum gebeten, seine Sicht der Dinge darzulegen? Darf man natürlich nicht, «Coronaleugnern» gibt man keine Plattform. Aber warum eigentlich nicht? Sind wir nicht alles mündige Bürger? Darf man uns nicht zumuten, mit Minderheitspositionen konfrontiert zu werden? Haben wir nicht gerade in einer Frage, in der nun wirklich nach wie vor keiner sagen kann, er wisse abschliessend, was richtig ist, das Recht, alle Seiten zu hören?

Stattdessen wurde der Mann kurzerhand zur Unperson gemacht - schon im ersten Anlauf. Danach hat er um sich geschlagen, auf eine nicht nachvollziehbare oder zu entschuldigende Weise. Aber mal ehrlich: Ist es verwunderlich, wenn einem die Sicherungen durchbrennen, wenn man einfach aufgrund dessen, was man aus seiner beruflichen Erfahrung heraus zu wissen glaubt, kurzerhand als Wirrkopf abgetan wird? Und das von einer Journalistin, die in der Tat mit Garantie nicht mehr Expertenwissen hat als ein Amtsarzt? Schade eigentlich, dass der Mann nicht die Grösse oder die Nerven hatte, diesen durchaus berechtigten Punkt sachlich und anständig zu deponieren.

Das, was hier passiert ist, kann man tagtäglich in den sozialen Medien beobachten. Eine Blase ist unter sich, ein anderer kommt dazu und leistet sich eine vorsichtige Frage. Es vergehen keine zwei Minuten, und er oder sie ist ausgegrenzt. Es geht längst nicht mehr um «richtige» oder «falsche» Positionen. Es reicht schon, wenn man das, was andere für richtig halten, nicht einfach widerspruchslos hinnimmt, sondern Alternativen zur Sprache bringt. Dann ist man ein «Leugner». Und erledigt. Und wenn man die selbsternannten Richter darauf anspricht, heisst es meist sinngemäss: «Natürlich darf man diskutieren und eine andere Meinung haben, aber doch nicht DIESE!»

Über kurz oder lang werden wir alle dümmer werden. Denn wir wachsen nicht, wenn wir andere Meinungen aussperren.

Die wahre Seuche unserer Zeit sind die Dialogleugner.

Stölzle /  Brányik
Autor/in
Stefan Millius

Stefan Millius (*1972) ist Chefredaktor von «Die Ostschweiz».

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