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Chronologie der St.Galler Regierungswahlen

Die Leidensgeschichte der SVP: Der verflixte zweite Wahlgang

Eigentlich stehen die Karten der St.Galler SVP nicht schlecht, endlich den gewünschten zweiten Sitz in der Regierung zu holen. Eigentlich. Aber die Wahlchronik spricht eine andere Sprache. Der zweite Wahlgang hat die SVP bisher noch immer auf den Boden der Realität geholt.

Stefan Millius am 12. März 2020

Überspitzt könnte man sagen: Im ersten Wahlgang der Regierungswahlen im Kanton St.Gallen gibt es eine relativ breite bürgerliche Front, die sich nicht zu schön ist, SVP-Kandidaten zu wählen, auch ohne das entsprechende Parteibuch. Im zweiten Durchgang fallen dann viele von denen weg, die nicht zur echten SVP-Wählerbasis gehören. Und damit reicht es dann entsprechend auch nicht. Jedenfalls nicht für einen zweiten Sitz.

Das Wahljahr 2004

Beginnen wir ganz vorne, an dem Punkt, als die SVP noch gar nicht in der St.Galler Regierung war. Damals wollte die SVP von null auf hundert - beziehungsweise zwei. Sie schickte mit Markus Straub einen langgedienten Kantonsparlamentarier und mit Ernst Jörin einen politischen Quereinsteiger ins Rennen. Damals sah das Resultat des ersten Wahlgangs so aus:

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Referendum Medien

Wahlen 2004

Der 1. Wahlgang 2004. (Alle Grafiken: Staatskanzlei SG)

Die Rechnung ging nicht mal ansatzweise auf. Wobei erstaunlicherweise der weitgehend unbekannte Ernst Jörin sogar noch deutlich vor Markus Straub lag. Folgerichtig entschied die SVP, den Versuch einer Doppelkandidatur abzublasen und nur mit Jörin zu kommen. Er kam aber nicht in die Nähe eines Sitzes, stattdessen schaffte es Heidi Hanselmann (SP).

Wahlen 2004

Der 2. Wahlgang 2004.

Danach war bei der SVP erst einmal Wunden lecken gefragt. Während sie im Kantonsrat wuchs und wuchs, wollte man sie nicht in der Regierung. Vier Jahre später hiess es: Neuer Versuch, dieses Mal nur mit einem Kandidaten.

Das Jahr 2008

Stolze 13 Kandidaturen waren es damals bei den Regierungswahlen. Fünf davon kamen in der ersten Runde durch. Ein gewisser Stefan Kölliker erreichte für die SVP den ersten Platz hinter den Gewählten, war aber vom absoluten Mehr weit entfernt. Kölliker war damals in politischen Kreisen weitgehend unbekannt. Hier das Resultat der ersten Runde.

Wahlen 2008

Der 1. Wahlgang 2008.

Dass Kölliker sogar die CVP-Kandidatin Lucrezia Meier-Schatz überholte, war eine grosse Sache.Die CVP tauschte sie im zweiten Wahlgang gegen Martin Gehrer aus, der prompt gewählt wurde - mitsamt Stefan Kölliker. Geschafft: Die SVP war in der St.Galler Regierung. Und damit war eine neue Ausgangslage geschaffen.

Wahlen 2008

Der 2. Wahlgang 2008.

Denn mit einem Bisherigen hatte die SVP bei späteren Wahlen einen Startvorteil. Es ging nun darum, Kölliker aus dem Schussfeld zu halten und seine Wiederwahl so zu sichern und gleichzeitig einen zweiten Wahlsitz zu holen. Denn diesen wollte die SVP, die im Parlament mehr und mehr Mandate gewann, unbedingt.

Das Jahr 2012

Diese Attacke lancierte die SVP vier Jahre später mit ihrem Kantonsrat Michael Götte, der auch jetzt wieder antritt. Er holte ein anständiges Resultat im ersten Wahlgang, lag aber unter dem absoluten Mehr - und vor allem hinter Fredy Fässler (SP), der ebenfalls in den zweiten Wahlgang musste.

Wahlen 2012

Der 1. Wahlgang 2012.

Die SVP musste schon aus Prinzip auch in die zweite Runde und dabei auf das Wunder hoffen, mit der Hilfe anderer bürgerlicher Kreise Fässler noch zu überrunden. Aber die Wähler von FDP und CVP, die ihre Schäfchen schon im Trockenen hatten, mochten nicht in genügender Zahl an die Urne gehen. Fässler wurde gewählt, Götte unterlag aber achtbar mit unter 4000 Stimmen weniger als dieser.

Das Jahr 2016

2016 folgte der Totalabsturz der SVP. Der erneute Versuch, einen zweiten Regierungssitz zu holen, endete im Desaster. Der Kandidat der Partei, Kantonalpräsident Herbert Huser, war wenige Wochen vor der Wahl in ein mediales Kugelgewitter geraten, es gab schwere Vorwürfe bezüglich seiner beruflichen und privaten Aktivitäten. Das Resultat ein diskussionsloser letzter Platz.

Wahlen 2016

Der 1. Wahlgang 2016.

Angesichts dieser Pleite war die SVP zu einer neuen Strategie gezwungen: Sie wechselte das Pferd aus. Und sie brachte mit Esther Friedli, der heutigen Nationalrätin, ein ganz neues Gesicht. Erfolgreich im Sinn der Wahl war der Versuch nicht, Marc Mächler sicherte im zweiten Wahlgang den Sitz der FDP. Aber Friedli lag nur knapp 6000 Stimmen hinter ihm, ein respektables Ergebnis.

Wahlen 2016

Der 2. Wahlgang 2016.

Davon kann man sich allerdings nichts kaufen. Die SVP ist immer noch mit einem einzigen Mitglied in der St.Galler Regierung vertreten. Droht Götte das Schicksal seiner Vorgänger? Er hat sehr gut vorgelegt im ersten Wahlgang, doch gibt es viele offene Fragen: Gönnen ihm die FDP-Wähler, die für Beat Tinner an die Urne gehen, die zweite Stimme? Mühen sich die CVP-Wähler nach getaner Arbeit überhaupt noch einmal an die Urne?

Die SVP-Wähler selbst müssten dieses Mal motiviert genug sein, an die Urne zu gehen, denn die Ausgangslage ist besser als auch schon. Aber auch wenn die SVP die wählerstärkste Partei im Kanton ist: Aus eigenen Kräften schafft sie es nicht.

Stölzle /  Brányik
Autor/in
Stefan Millius

Stefan Millius (*1972) ist Chefredaktor von «Die Ostschweiz».

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