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Satire

Die Thurgauer Poster-Boys für die Impfung sitzen in Isolation

Impfdurchbrüche sind selten. Denn die Covid-Impfung ist ein wahrer Gewinner, der die Pandemie im Alleingang beendet. Doof, wenn in der wahrhaft schmalen Thurgauer Regierung gleich zwei Mitglieder sagen müssen: Huch, hat nicht funktioniert.

Stefan Millius am 01. November 2021

Häme? Nein. Die ist nicht angezeigt. Nie, wenn Leute gerade ein bisschen vor sich hinfiebern. Man fühlt mit als empathischer Mensch. Fieber ist nicht lustig. Isolation auch nicht. Da kann man doch keine Schadenfreude empfinden!

Gut, wenn es sich bei den besagten Leuten um Missionare der Impfung handelt wie beispielsweise Regierungsmitglieder, darunter einem, der seit langem als Impfturbo durch den Kanton weibelt, wird es natürlich schwieriger, das mit der Häme zu vermeiden. Aber es ist zu schaffen! Wirklich. Kein Spott. Keine Sekunde lang. Es ist einfach dumm gelaufen.

Vollständig geimpft und doch das Coronavirus kassiert: Das kann es geben. Das hat uns das Bundesamt für Gesundheit immer klar gesagt. Die Impfung schützt nur vor schweren Krankheitsverläufen, basta! Gut, dasselbe Bundesamt hat parallel dazu auch von der «Pandemie der Ungeimpften» gesprochen und Stimmung gemacht gegen Leute, die sich der Spritze nicht hingegeben haben, nun müssen sich Ungeimpfte von der Gesellschaft abschotten, um Geimpfte vor was auch immer zu schützen, aber gerade deshalb gilt es, souverän zu bleiben. Keine Häme bitte!

Stattdessen einfach Fakten. In der Thurgauer Regierung sitzen fünf Leute. Darunter ein ungeimpftes Mitglied namens Carmen Haag, das sich soeben für eine Karriere ausserhalb der Regierung entschieden hat. Zuvor hatte sie sich einiges anhören müssen, weil sie als Ungeimpfte eine wandelnde Gefahr bedeutet. Sie war ein bisschen eine Ausgestossene. Aber sie sitzt nicht in der Isolation. Weil das Virus sie nicht will, trotz fehlender Impfung.

Und zwei der Vorreiter der Impfkampagne, mit einem Doppelpack an Impfstoff ausgestattet, sitzen nun in Isolation. Aber eben, wie gesagt: Keine Häme! Sicher nur ein doofer Zufall. Der Kanton Thurgau zählt etwa 276'000 Menschen, da ist es doch statistisch völlig klar, dass in einer fünfköpfigen Regierung mit vier Geimpften zwei Mitglieder einen Impfdurchbruch erleiden, sprich: Die Impfung nichts gebracht hat. Geht ja rein mathematisch gar nicht anders, oder? Macht Sinn. Wirklich.

Urs Martin, SVP-Regierungsrat und fürs Coronadossier zuständig, hat sich in der Vergangenheit so manches verbale Gefecht geliefert mit Impfzögerern. Besonders geduldig war er dabei nicht. Ein langer Mailaustausch liegt uns vor. Martin gab Gas im Dialog mit diesen Gesundheitsgefährdern. Was hat sich der Mann für die Impfung ins Zeug gelegt! Er selbst ging mit leuchtendem Beispiel voraus, liess sich natürlich frühzeitig impfen – und sitzt nun in Isolation.

Aber eben, noch einmal: Keine Häme bitte. Kein Zweifeln an der Wirksamkeit der Impfung. Die Ausnahme bestätigt doch die Regel. Selbst wenn es neben Urs Martin auch noch Regierungsrat Walter Schönholzer getroffen hat: Das kann passieren. Es ist kein Beleg dafür, dass die Geschichte nicht stimmt, die man uns seit Monaten erzählt. Doof gelaufen. Kann vorkommen. Die Impfung funktioniert immer noch tadellos. Keine Frage.

Klar, es gibt Massnahmenkritiker, die bis heute ungeimpft sind und die immer noch seit bald zwei Jahren darauf warten, vom alles dahinraffenden Virus erwischt zu werden (der Schreibende beispielsweise) und die deshalb staunend zusehen, wie die Posterboys der Impfung, mit einem Doppelpack ausgestattet, nun in der Isolation sitzen. Aber das macht sicher irgendwie Sinn. Das lässt sich erklären. Alles lässt sich erklären in der schönen neuen Welt, die Alain Berset und Co. für uns zimmern.

Wir wünschen den beiden Regierungsräten in Isolation von Herzen nur alles Beste. Nichts anderes als das. Und wir haben nicht mal die Erwartung, dass sie von ihrem Standpunkt abrücken. Die Impfung ist der «Game-Changer», und wir haben es mit einer «Pandemie der Ungeimpften» zu tun. Keine Frage. Dass es ausgerechnet Geimpfte erwischt: Reiner Zufall. Nichts mehr als das.

Es fällt unglaublich leicht, das zu glauben. Alles läuft nach Plan, und der Rest ist purer Zufall. Keine Frage.

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Laveba 03/2022

Stölzle /  Brányik
Autor/in
Stefan Millius

Stefan Millius (*1972) ist Chefredaktor von «Die Ostschweiz».

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