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Nachlese zu einem Entführungsfall

Die «Traumstory», die dann doch keine war

Ein Impfgegner entführt den obersten «Impfchef» der Schweiz unter Waffengewalt. Der Täter stirbt durch Schüsse der Polizei, nachdem er eine anwesende Freundin erschossen hat. Mit einem Mal scheinen alle Thesen der gewaltbereiten Coronakritiker wahr zu werden. – Oder eben auch nicht.

Stefan Millius am 11. April 2022

Vermutlich kann man den Medien, die sich auf den aktuellen Fall gestürzt und ihn ohne jede verlässliche Information in eine bestimmte Richtung gedreht haben, nicht mal einen Vorwurf machen. Zwei Jahre lang haben sie das Bild von rechtsextrem unterwanderten, bis unter die Zähne bewaffneten und gewaltbereiten Kritikern der Coronamassnahmen gezeichnet. Nun gab es Anzeichen dafür, dass aus dieser These Realität geworden sein könnte. Entsprechend überschlugen sie sich in der Berichterstattung. Sie stürzten sich auf eine scheinbare Steilvorlage. Endlich konnten sie belegen, was sie immer suggeriert hatten.

Zumindest sah es eine Weile lang so aus.

Es geht um die einigermassen obskure Entführung von Christoph Berger, dem Präsidenten der Eidgenössischen Kommission für Impffragen. Ein Mann hatte ihn in seine Gewalt gebracht und rund eine Stunde lang festgehalten. Der Entführer war laut Medienberichten bekannt als Massnahmen- und Impfkritiker und hatte früher an Demonstrationen teilgenommen. Und dann grub man noch eine Geschäftspartnerschaft des Täters zu einem Mann aus, der sich in «verschwörungstheoretischen Kreisen» bewegt. Was braucht es mehr?

Die Story stand schnell fest: Impfgegner entführt den obersten Impfchef des Landes!

Die tragische Geschichte fand später bei einem Polizeieinsatz seine Fortsetzung. Beim Versuch des Zugriffs auf den Entführer erschoss dieser eine Kollegin und starb danach durch Schüsse der Polizisten. Zwei Menschen sind zu Tode gekommen, ein Mann muss die traumatisierende Erfahrung einer Entführung verdauen, doch die Schweiz kannte nur ein Thema: Nun steht also fest, wie gewaltbereit die «Szene» der massnahmenkritischen Leute ist. Eine Zeitung schrieb es der anderen ab, die Lawine rollte, Zweifel gab es keine, nicht für eine Sekunde.

Diese ganze Darstellung war nach bisherigen Erkenntnissen ein reines Luftschloss. Für Klarheit sorgte das Entführungsopfer Christoph Berger mit einer Stellungnahme selbst. Was er schildert, deutet in keiner Weise auf einen Zusammenhang zwischen der Tat und seiner Arbeit für die Impfkommission hin. Dem Täter sei es um Geld gegangen, er habe ihn, Berger, laufen lassen, nachdem er ihm versichert hatte, zu zahlen. Die Impfthematik wurde zu keinem einzigen Zeitpunkt auch nur ansatzweise angesprochen, mehr noch: Der Entführer hatte vermutlich nicht einmal eine Ahnung, wer ihm da in die Hände gefallen war.

Christoph Berger selbst schreibt in Bezugnahme auf die Berichterstattung:

«Das Medium, das meinen Namen als Opfer der genannten Straftat publiziert hat, brachte diese Straftat mit meiner Rolle als Präsident der Impfkommission in Verbindung. Dieses Narrativ widerspricht meinem persönlichen Erleben während der Entführung. (…) Der mir bis dahin unbekannte Täter hatte mich eine gute Stunde in seiner Gewalt. Er hat mich in dieser Zeit mit der Forderung eines substanziellen Geldbetrags konfrontiert. Diese Forderung hat er mit Drohungen verknüpft, was passieren könnte, wenn ich der Forderung nicht innert der von ihm genannten Frist nachkäme. Es standen also einzig wirtschaftliche Interessen des Täters im Vordergrund. Bezüge zu meiner Rolle als Präsident der Impfkommission machte der Täter dabei nicht.»

Warum hätte es auch anders sein sollen? Inzwischen ist die so wunderbar klingende Legende endgültig entzaubert. Der Entführer war in keiner Weise massnahmenkritisch unterwegs, im Gegenteil, er versuchte sogar, mit dem Import von Schutzmasken Geld aus der offiziellen Coronapolitik zu machen. Dass er in anderen Belangen einen Geschäftspartner mit offenbar teils wirren Ideen hatte: Daraus lässt sich beim besten Willen kein Zusammenhang zur aktuellen Tat konstruieren.

Natürlich sind nach wie vor viele Fragen offen, deren Beantwortung dadurch erschwert wird, dass der Täter tot ist. Wie kam dieser überhaupt gerade auf Berger, warum ging er davon aus, dass dieser für seine Freilassung viel Geld zahlen kann? Wer lässt ein Entführungsopfer frei und geht davon aus, dass dieser zur Bank geht statt zur Polizei? Der gesamte Ablauf deutet auf einen verwirrten Geist hin, mit Sicherheit nicht auf einen professionellen Kriminellen.

Aber sicher ist auch: Wäre es dem Täter um einen «Racheakt» gegen eine für die Impfpolitik der Schweiz mitverantwortliche Person gegangen, dann wäre dieses Thema im Verlauf dieser Stunde aufgekommen. Alles andere macht keinen Sinn. Der Entführer hätte sein Opfer mit Sicherheit mit Vorwürfen eingedeckt, ihn mit seiner Kritik an der Impfung konfrontiert, ihm klargemacht, dass er aufgrund seiner offiziellen Position in der misslichen Lage ist. Das war nicht der Fall. 

Es ist Berger hoch anzurechnen, dass er in dieser belastenden Situation Klarheit schafft. Sein Schweigen hätte die wilde These vom gewaltbereiten Impfgegner weiter zementiert. Der Schaden ist allerdings bereits angerichtet. Die sozialen Medien bersten seit Tagen vor Anschuldigungen gegen Massnahmen- und Impfkritiker. Selbst nach der Klarstellung des Präsidenten der Impfkommission sieht es nicht besser aus. Auch wenn es keinen Zusammenhang gibt, wird ein solcher nun einfach indirekt fabriziert. Der Tenor lautet: Ja, mag sein, dass es nicht so war wie berichtet, aber zeigt der Fall nicht, wie viele «Spinner» es unter den Massnahmenkritikern gibt, selbst wenn es hier nur um Geld ging?

Die gibt es sicher. Es gibt sie auch unter den Fans der Massnahmen, unter den dreifach Geimpften, unter den Leuten, die allein im Wald Maske tragen – es gibt sie schlicht in jeder Bevölkerungsgruppe. Die entscheidende Frage ist aber, ob die Entführung vom letzten Mittwoch Hinweise darauf gibt, dass Kritiker der Coronapolitik bereit sind, ihre Wut in Bezug auf diese in Gewalt zu entladen.

Und diese Frage muss man verneinen. Der aktuelle Fall ist kein Beleg dafür. Den müssen die Medien, so traurig es auch sein mag für sie, weiterhin suchen.

Aber selbst wenn der Täter aufgrund seiner Einstellung zur Impfung gehandelt hätte: Es hätte sich noch immer um einen verwirrten Einzeltäter gehandelt, der keine Rückschlüsse zulässt auf die Bewegung, die gewisse Teile seiner Kritik teilt. Diese Form von Sippenhaftung ist unzulässig. Genau wie es sich die meisten, die nun schadenfroh lachend auf den Zug aufsprangen, es sich verbitten würden, dass man alle Angehörigen einer bestimmten Religion aufgrund eines einzelnen Anschlags verurteilt. Es ist schlicht nicht zulässig. Aber dann, wenn es ganz gelegen kommt, macht man eben gern eine Ausnahme.

Es gab tragischerweise in den letzten zwei Jahren Gewaltdrohungen gegen Politiker oder Mitglieder von Gremien rund um die offizielle Coronapolitik. Zum Teil wurde Personenschutz angeordnet. Das passt nicht zur Schweiz. Wir waren immer stolz darauf, dass wir Differenzen anständig austragen können und exponierte Personen nicht mit Gewalt rechnen müssen. Nur schon die Androhung solcher Gewalt ist eine massive Grenzüberschreitung, die unsere Gesellschaft nicht tolerieren darf und die sie juristisch ahnden muss, keine Frage. Aber das waren sehr vereinzelte Auswüchse.

Was die Medien in den letzten Tagen getan haben, wiegt nicht weniger schwer. Sie haben sich zwei Jahre lang wacker bemüht, die Kritiker der Coronapolitik in ein schlechtes Licht zu rücken. Und nun haben sie reflexartig versucht, einen Zusammenhang zwischen einer tragischen Gewalttat und den Gruppen, die sie konsequent diffamiert haben, zu konstruieren. Sie haben die Möglichkeit dankbar genutzt, ihre eigene These zu belegen, vermutlich verbunden mit einem inneren Jubelschrei. Nur war wohl alles ganz anders. Das Jubeln müsste ihnen im Hals steckenbleiben.

Aber das wird diese Medien nicht davon abhalten, wieder einen neuen Anlauf zu nehmen, wenn sich die Chance bietet. Ein einzelner verwirrter Täter, der sich in der Vergangenheit mal impf- oder massnahmenkritisch geäussert hat, wird diese neue Chance darstellen. Medien, die das tun, werden ihrer gesellschaftlichen Verantwortung nicht gerecht.

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Autor/in
Stefan Millius

Stefan Millius (*1972) ist Chefredaktor von «Die Ostschweiz».

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