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Überschätzung der tatsächlichen Positivitätsrate

Die Zahlen, die über unser Schicksal entscheiden, sind verfälscht

Nach Massentests an Schulen oder in Hotels und Firmen müssen dem Bundesamt für Gesundheit nur die positiven Testresultate gemeldet werden, nicht aber die negativen. Und nur positive Fälle wandern in die aktuelle Statistik. Was konkret heisst: Die erhobenen Zahlen sind für den Papierkorb.

Stefan Millius am 19. Februar 2021

«Coronavirus: BAG treibt Positivitätsrate künstlich in die Höhe». Der Titel muss direkt einem alternativen Verschwörermedium aus einer stillgelegten Tiefgarage entspringen, richtig?

Nicht ganz. Es geht um einen Beitrag des Nachrichtenportals nau.ch. Es zeigt darin auf, dass die Zahlen, die künftig über Sein oder Nichtsein der Schweizer Wirtschaft entscheiden sollen, verfälscht sind. Und was sind verfälschte Zahlen unterm Strich? Einfach falsch.

Konkret geht es darum, dass der Bund – grosszügig wie immer und derzeit bekanntlich im Geld versinkend – die Kosten für Coronamassentests übernimmt. Getreu dem Motto: Man muss so viel testen wie möglich, um ein klares Bild zu erhalten. Vor allem in Alters- und Pflegeheimen, aber auch in Unternehmen, Schulen und Hotels soll getestet werden auf Teufel komm raus, um den Herd allen Übels frühzeitig zu erkennen und Quarantäne zu verordnen.

Nebenbei erhält man damit natürlich auch wertvolle Informationen über die berühmten Fallzahlen, die noch wichtiger werden als bisher, weil die geplante Wurstscheiben-Öffnungspolitik des Bundesrats direkt an die Entwicklung dieser Fallzahlen geknüpft ist. Sinken sie, geht ein Türchen auf, steigen sie, bleibt es zu.

Allerdings gilt ja bekanntlich: Wer zahlt, befiehlt. Was mit den Ergebnissen der Tests passiert, diktiert der Bund, und der hat sich zu einem System entschlossen, das sich bisher in der Wissenschaft noch nicht durchgesetzt hat. Glücklicherweise. Denn das Bundesamt für Gesundheit nimmt nur die positiven Testresultate in die Statistik, Andere hat es gar nicht, weil es die negativen Ergebnisse kurzerhand als «nicht meldepflichtig» erklärt hat.

Nur medizinische Einrichtungen müssen die Ergebnisse der Massentests zwingend übermitteln. 400 negativ ausgefallene Tests bei 400 Schülern hingegen tauchen nirgends auf. Eine Ausnahme bilden nur Tests nach einem Infektionsausbruch.

Wieso werden Hotels, Firmen und Schulen nicht verpflichtet, negative Tests ebenfalls zu melden, wie das medizinische Einrichtungen tun? Es gehe um Kosteneffizienz, heisst es beim BAG gegenüber nau.ch. So sehr man sich freut, dass beim Bund für einmal jemand an die Kosten denkt: Muss das genau hier und jetzt stattfinden? Der Aufwand, neben der Zahl der positiven Fälle auch die negativen entgegenzunehmen und miteinander zu addieren, scheint zudem nicht gerade unbewältigbar.

Es geht hier auch um die Glaubwürdigkeit, die ohnehin in den Augen vieler bereits angeknackst ist. Die bewusste Entscheidung, eine Statistik zu führen, die vom ersten Moment an einfach nur falsch sein kann, mit der «Kosteneffizienz» zu begründen, ist hanebüchen. Wenn Aufwand und Kosten für korrekte Zahlen nicht tragbar sind, muss man die ganze Übung einfach lassen. Man muss dem Bundesamt für Gesundheit nicht einmal übel gesonnen sein, um hier davon auszugehen, dass es nicht ums Geld geht, sondern darum, die «gewünschten» Resultate zu erhalten.

Die übrigens von offiziellen Stellen bestätigte Recherche von nau.ch gehört zur Kategorie, bei der man sich setzen muss, bevor man sie liest, und auch dann dreht sich noch alles.

Vor allem, weil es ja weit mehr als reine Zahlenspielereien sind, es geht ums Eingemachte. Weniger als fünf Prozent Positivgetestete müsste man laut den Plänen des Bundesrats haben, bevor die Gastronomie wieder läuft und man Veranstaltungen riskieren darf. Das wäre angesichts der aktuellen Lage wohl zu erreichen. Vorausgesetzt, man schaut nicht künstlich, dass es gar nicht erreicht werden kann.

Genau das aber passiert. Denn die Positivitätsrate, mit der das Bundesamt für Gesundheit hausieren geht, hat mit der Realität nichts zu tun. Würde sie vollständig geführt, läge sie deutlich tiefer. Bei Massentests an Schulen in der Ostschweiz beispielsweise musste man die positiven Fälle mit der Lupe suchen und scheiterte sogar dann. Aber diese Zahlen gibt es beim Bund gar nicht, weil sie nicht gemeldet werden müssen. Damit beeinflussen sie natürlich auch die Fallzahlrate nicht. Angekündigte flächendeckende Massentests wie in Appenzell Innerrhoden lösen da einen flauen Magen aus, weil man nun weiss, was danach mit den Resultaten passiert.

Das bestreiten übrigens nicht einmal die Leute, die diese Rate Tag für Tag kommunizieren. Der derzeit messbare Wert sei «eine Überschätzung der tatsächlichen Positivitätsrate», liess das BAG gegenüber nau.ch wissen. Dies umso mehr – es wird gleich noch ein bisschen absurder übrigens –, weil umgekehrt ein Teil der positiven Fälle sogar doppelt erfasst wird. Dies, weil man «gezielt nachtestet» bei positiven Antigentests. Eine Bestätigung eines positiven Falls durch einen PCR-Test ist nicht etwa einfach eine Bestätigung, sondern wird laut nau.ch dann kurzerhand zu einem zweiten Fall.

Angesichts der Tatsache, dass die Strategie der Massentests erst vor kurzem begonnen hat und noch längst nicht alle Kantone damit beschäftigt sind, ist zu erwarten, dass die Fallzahl – wenn an dem Mechanismus nichts verändert wird – bald noch viel höher klettern und noch viel verfälschter sein. Wie sollte es auch anders gehen?

Aber immerhin weiss man nun, warum das so ist.

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Autor/in
Stefan Millius

Stefan Millius (*1972) ist Chefredaktor von «Die Ostschweiz».

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