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«Logistik ist, wenn es trotzdem (nicht) klappt»

Einblicke in einen unterschätzten Faktor unseres Wohlbefindens

Wer hat das in den letzten Monaten nicht selbst erlebt – leere Regale beim Einkaufen, Handwerker mit langen Wartezeiten auf viele Baustoffe und -materialien, Bauprojekte mit grossen Verzögerungen, Werkstätten ohne passende Ersatzteile, keine Zusagen mehr zu Lieferzeiten bei Auftragsfertigung ….

Wolfgang Stölzle am 10. Mai 2022

Und zu allem Überfluss: Preisexplosionen auf breiter Front, von der Tankstelle bis in die Handelsfiliale. Was ist passiert? Ist die Logistik überfordert oder haben wir die aktuellen Herausforderungen der Logistik unterschätzt?

Eine kurze Rückschau hilft: Viele Mitmenschen haben die Rolle der Logistik in ihrem Alltag erst vor kurzem bemerkt. Ist das ein gutes oder ein schlechtes Zeichen? Bislang galt nämlich immer: Logistik funktioniert geräuschlos und man spürt sie – abgesehen von Lkw-Kolonnen auf den Autobahnen – nur, wenn sie mal nicht wie gewohnt „liefert“. Unaufgefordertes Lob für die Logistiker war nicht vorgesehen. Dies wandelte sich kurzfristig mit dem ersten Lockdown im Frühjahr 2020: plötzlich galten die Logistiker zusammen mit den Pflegekräften im Gesundheitsbereich als Helden der Gesellschaft. Sie stellten unter sehr erschwerten Arbeitsbedingungen sicher, dass die Bevölkerung versorgt wurde. Weil zudem die Landesgrenzen temporär kaum mehr zu passieren waren, stockte auch der Nachschub aus dem Ausland. Und weil die Gastronomie schliessen musste, wuchs der private Konsum binnen Wochen erheblich. Die Konsumgüter-Logistik hatte mit Rekordmengen den Einzelhandel zu versorgen, während andere Logistikbereiche – z.B. die Event-Logistik – zum Erliegen kamen. Danach wurde es recht schnell wieder ruhig – offenbar wurde die Ausnahmesituation professionell angepackt und die Logistik hat wieder geräuschlos funktioniert.

Nun gibt es wieder eine Aufschrei-Serie: Wir spüren alle, dass wir in der Mangelwirtschaft angelangt sind und zudem mit Preisexplosionen konfrontiert werden. Die Logistik scheint zum Kristallisationspunkt für angespannte oder abgerissene Lieferketten geworden zu sein. Was sind denn jetzt die Störgrössen? Deren gibt es eine schier unüberschaubare Zahl und die Wirkungen suchen ihresgleichen: mit wenigen positiven Corona-Tests begründete Hafensperrungen in China führen zu „Staus“ von mehreren hundert Containerschiffen, die nicht abgefertigt werden können. Die Havarie eines solchen Containerschiffs im Suezkanal hat gezeigt, dass die Nachwirkungen an den europäischen Häfen noch Monate-lang spürbar sind. Handelskriege, etwa zwischen USA und China, sorgen ebenso wie der Brexit für künstliche Knappheiten. So kamen in der Weihnachtszeit 2021 Tausende von Lkws-Fahrern an der Grenze von UK nicht mehr vor und zurück – Corona-Massnahmen im Verbund mit Chaos beim Zoll waren der Grund dafür. Auch wenn es während der Corona-Zeit hiess, dass Lkws beim Grenzübertritt freie Fahrt hätten und Restriktionen nur für Pkws gelten würden, mussten die Chauffeure erleben, dass sie wegen rigider Landes-spezifischer Vorschriften – etwa in Österreich – an den Rampen nicht andocken und abladen durften. Nach der Rückfahrt wurden sie dann dafür im Heimatland in Quarantaine geschickt.

Das Fass zum Überlaufen brachten nun die kriegerischen Auseinandersetzungen in der Ukraine. Allein die Furcht, Rohöl und Gas könnten knapp werden, trieb die Treibstoff-Preise explosionsartig in die Höhe. Eine kleine Bierdeckel-Rechnung zeigt schnell die Auswirkungen auf die Kostenbelastung eines mittelständischen Transportunternehmens in der Schweiz: Flotte mit 100 Lkws mit einem Verbrauch von je 25 ltr/100 km im Schnitt, Fahrleistung 60.000 km pro Jahr, Dieselpreis-Erhöhung etwa 50 Rappen pro ltr innerhalb von 4 Monaten: Zusatzkosten von CHF 7.500.- pro Lkw, also CHF 750.000 pro Jahr bei 100 Lkws!

Dass die Psychologie zu Ausschlägen beim Kaufverhalten führen kann, ist spätestens seit den WC-Papier-, Nudel- und Hefe-Hamsterkäufen im Frühjahr 2020 bekannt. Aber damit nicht genug: Lieferanten aus der Ukraine fallen quasi über Nacht aus, Lieferanten aus Russland sind politisch unerwünscht, dortige Werke westlicher Firmen werden abrupt heruntergefahren und geschlossen. Hinzu kommt zu allem Überfluss, dass sich über viele Monate hinweg eine Unpaarigkeit von Containern herausgebildet hat: Leere Container standen im Überfluss in USA und Europa, wurden aber zum Befüllen in Fernost benötigt. Die Knappheiten im Container-Transport haben zu einer zeitweisen Versiebenfachung der Transportpreise auf den Relationen von Fernost nach Mitteleuropa geführt. Die weltweiten Wertschöpfungsnetzwerke erleben demnach ein bisher nicht gekanntes Zusammenfallen von Nachfrage- und Angebotsschocks. Darauf waren sie nicht vorbereitet und mussten es eigentlich auch nicht sein.

Zum Verständnis: Die auf Effizienz getrimmte Logistik hat für das Funktionieren von Wertschöpfungsnetzwerken mit hoher Arbeitsteiligkeit und globaler Ausdehnung gesorgt. Den bis zum Jahr 2020 typischen Herausforderungen solcher Netzwerke war die Logistik weitgehend gewachsen. Ausnahmen bestätigen indessen die Regel: Der Mangel an Halbleitern hat spätestens im Jahr 2019 eingesetzt. Die aktuellen Disruptionen, die derzeit sowohl auf der Angebots- als auch der Nachfrageseite auftreten, können etablierte Logistiksysteme nicht mehr abfedern. Mindestens zwei Erkenntnisse scheinen klar zu sein: Erstens hat nicht die Logistik allein die aktuellen Turbulenzen zu verantworten, sondern ein bisher nicht dagewesenes Zusammenfallen verschiedenster Störgrössen auf die gesamte Wertschöpfung. Zweitens ist ein Umdenken erforderlich: Die Logistik muss mehr auf Resilienz getrimmt werden, auch zulasten der Effizienz. Dies bedeutet, dass Logistikleistungen künftig teurer werden können.

Was kann man als Konsument tun? Kurzfristig ist zu empfehlen, auf spontane Hamsterkäufe zu verzichten, sich auf längere Lieferzeiten einstellen und – sofern möglich – die Bestände an haltbaren Produkten kontrolliert zu erhöhen. Mittelfristig ist eine persönliche Abwägung gefragt, ob man bereit ist, höhere Preise für eine resiliente Logistik zu akzeptieren. Und langfristig können veränderte Bedürfnisse – beispielsweise zugunsten regionaler Produkte – dazu führen, dass die Wertschöpfung verstärkt regionalisiert wird. Die Logistik stellt dann dafür sicher geeignete Lösungen bereit.

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Laveba 03/2022

Stölzle /  Brányik
Autor/in
Wolfgang Stölzle

Wolfgang Stölzle ist Geschäftsführer der Logistics Advisory Experts GmbH mit Sitz in Arbon.

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