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Holzschnitzerin

Eine alte Tradition mit frischen Ideen beleben

Angela Galli lernt im Berner Oberland das traditionelle Holzschnitzens. Diesen Sommer schliesst sie ihre Ausbildung ab und lässt sich danach in der Ostschweiz nieder. Mit ihren unkonventionellen Kreationen wird sie noch von sich reden machen.

Adrian Zeller am 18. August 2018

Angela Galli wünscht man ein sehr langes Leben, die Frau steckt voller Ideen, Interessen und Pläne. Um sie alle zu verwirklichen, muss ihr ein langes Dasein beschieden sein: Sie würde gerne eine Waldspielgruppe leiten, Märchenerzählerin werden, als Handweberin arbeiten, alle alten Handwerke lernen, damit sie nicht verloren gehen.

Und auch auf einer Alp möchte sie wieder arbeiten. Und wenn sich dazu Gelegenheit bietet, würde sie auch wieder mal gerne bei einer Olivenernte mithelfen. Oder auch bei einer Wimmet.

Ausbildung innerlich hinter sich lassen

Vorerst wird sie eine weitere Station in ihrem Leben abschliessen. Bei einem Einsatz als Zusennin auf der Engstlenalp im Berner Oberland erfuhr sie von der Holzbildhauerschule in Brienz. In diesen Tagen wird sie dort ihre vierjährige Ausbildung beenden. Dann will sie sich einige Tage Ferien gönnen, «um auch im Kopf und im Herzen die Ausbildung abzuschliessen.»

Vorsicht Attrappe

Ab August wird sie dann öfter in ihrem Wohnatelier an der Wiler Marktgasse anzutreffen sein. Bis zum Abschluss ihrer Ausbildung lebt sie vor allem im Berner Oberland.

In ihrem langgestreckten Raum in der Altstadt stehen und hängen fertige und noch in Arbeit befindliche Holzobjekte. Von der Wand blicken zwei Eulen. In der Ecke steht eine lebensgrosse Ziege. Gleichzeitig steht sie auch als Plastilinmodel auf einem Regal.

Umweit der Ziege lässt eine Torte mit dunklem Schokoüberzug, Rahmtupfern und kleinen feuerroten Kirschenstücken einem das Wasser im Mund zusammenlaufen. An ihr könnte man sich wortwörtlich die Zähne ausbeissen. Erst beim kurzen Anfassen ist man endgültig überzeugt, dass sie eine täuschend echt gemachte Nachbildung ist. Bei einer Knoblauchzwiebel weiter vorne drängt sich Frage nach echt oder nachgebildet nicht auf. Mit einer Höhe von rund einem Meter ist der Fall klar.

Fast lebendig

Im Schaufenster blicken hölzerne Mädchenköpfe die neugierigen Passanten an. Die Köpfe wirken wie aus dem Leben gegriffen; würde einer plötzlich zu blinzeln beginnen, würde dies nur mässig überraschen.

«An Holz gefällt mir, dass es so warm und lebendig ist», erklärt Angela Galli auf die Frage, weshalb sie diesen Werkstoff und nicht etwa Stein gewählt hat. Man wisse nie im Voraus mit absoluter Sicherheit, wie das Endprodukt aussehen wird. «Beim Schnitzen kann man auf einen Ast stossen. Und die Struktur des Holzes wird erst mit dem Ölen richtig sichtbar.»

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Angela Galli

Die angehende Holzschnitzerin Angela Galli.

Kreative Materialkombination

Bei Schnitzen im Berner Oberland denkt man spontan an wuchtige Bären aus dunklem Holz, scheue Rehe fürs Buffet und Zierleisten für den Chaletbalkon. Angela Galli kennt diese Klischees.

«Ich möchte Frische in diese Tradition bringen», betont sie. Wie als Beleg für ihre Aussage, stehen zwei Hocker aus hellem Holz neben ihr. «Die Sitzkissen sind als Taburett gedacht, und sie sind bequem. Auch wenn es wegen dem Material Holz nicht so scheint, lässt es sich sehr gut darauf sitzen.» Mit ihrem Projekt «Polstergruppe», geschnitzten Kissen und Bänkli, hat sie den Kiwanis Förderpreis für Kunsthandwerk und Design gewonnen.

Offensichtlich will Angela Galli die Möglichkeiten und die Grenzen des Materials Holz sowie dessen schöpferischen Möglichkeiten ausloten. Gerne würde sie etwa auch mal eine Arbeit aus Holz und Textilien in Kombination anfertigen.

Kunst oder Kunsthandwerk?

Da drängt sich eine Frage unweigerlich auf: Versteht sie sich selber als Kunsthandwerkerin oder als Künstlerin? Angela Galli tut sich mit der Antwort nicht leicht. Sie zögert und denkt nach. Schliesslich tendiert sie zu: «Kunsthandwerkerin, denn das Handwerk ist mir sehr wichtig.»

Auch wenn sie dies nicht ausdrücklich erwähnt, ist es offensichtlich, dass die Handwerkerin gleichzeitig mit einer ziemlich dicken kreativen Ader ausgestattet sein muss. Die Arbeiten, die im Atelier herumstehen, wirken nicht wie effekthascherische Gags, offensichtlich stecken viele Stunden Kopf- und Handarbeit in ihnen.

Entfaltung ohne Bewertung

Im Gespräch mit der gelernten Dekorations-Gestalterin kristallisiert sich heraus, dass einem ein Mensch gegenübersitzt, der gerne das Bestehende studiert, um dann zu sehen, wie man es bewahren und gleichzeitig weiterentwickeln könnte.

Ein typisches Beispiel dafür sind ihre Pläne Sport, Kunsthandwerk und Sozialpädagogik in Kombination zu bringen. Auch wenn sie im Moment noch nicht genau weiss, wie man diesen Mix in die Tat umsetzen könnte, kennt sie bereits das Ziel: Menschen Möglichkeiten anbieten, um mehr Selbstvertrauen aufzubauen.

In der Leistungsgesellschaft werden die Menschen gemäss den Erfahrungen von Angela Galli bereits im Kindesalter in Bewertungsschemen gepresst. Es mangelt an Räumen in denen sich Menschen ohne ständige Beurteilungen frei entfalten können. Dort könnten sie Vertrauen in ihre eigenen Fähigkeiten aufbauen.

Neue Wege weiter gehen

In einer Ecke des Raumes steht ein schwarzes Futteral. Darin ist steckt ein selbstgebautes, zerlegtes Alphorn. Eine Kollegin in der Ausbildung hat die Holzbildhauerin vor rund einem Jahr mit dem Alphorn-Virus angesteckt. Nun lernt sie durch die Anleitung der Kollegin quasi durch learning by doing das Musizieren auf dem alpenländischen Instrument. Leider komme sie im Moment lediglich einmal in der Woche zum Üben.

Vielfältiges Potenzial

Wenn sie eines fernen Tages mit aufgefrischten traditionellen Alphornmelodien auftreten würde, würde dies kaum erstaunen. Angela Galli scheint stets Ausschau nach neuen Möglichkeiten zu halten. Die 27-Jährige wird in den kommenden Jahren viele neue Wege gehen. Wohin sie führen werden, vermag derzeit noch niemand zu sagen; sehr interessant werden sie auf alle Fälle sein.

Weitere Informationen auf dieser Webseite.

Angela Galli

Eines der Werke von Angela Galli.

Stölzle /  Brányik
Autor/in
Adrian Zeller

Adrian Zeller (*1958) hat die St.Galler Schule für Journalismus absolviert. Er ist seit 1975 nebenberuflich, seit 1995 hauptberuflich journalistisch tätig. Zeller arbeitet für diverse Zeitschriften, Tageszeitungen und Internetportale. Er lebt in Wil.

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